Theodor

Storm

Der Schimmelreiter

The Rider on the White Horse

Translated by Margarete Münsterberg
Alignment and Amendments © Doppeltext 2012

TITLE PAGE

DER SCHIMMELREITER

COLOPHON

Was ich zu be­rich­ten be­ab­sich­ti­ge, ist mir vor reich­lich ei­nem hal­b­en Jahr­hun­dert im Hau­se mei­ner Ur­groß­mut­ter, der al­ten Frau Se­na­tor Fed­der­sen, kund­ge­wor­den,
wäh­rend ich, an ih­rem Lehn­stuhl sit­zend, mich mit dem Le­sen ei­nes in blaue Pap­pe ein­ge­bun­de­nen Zeit­schrif­ten­hef­tes be­schäf­tig­te;
ich ver­mag mich nicht mehr zu ent­sin­nen, ob von den »Leip­zi­ger« oder von »Pap­pes Ham­bur­ger Le­se­früch­ten«.
Noch fühl ich es gleich ei­nem Schau­er, wie da­bei die lin­de Hand der über Acht­zig­jäh­ri­gen mit­un­ter lieb­ko­send über das Haupt­haar ih­res Ur­en­kels hin­g­litt.
Sie selbst und jene Zeit sind längst be­gra­ben; ver­ge­bens auch habe ich seit­dem je­nen Blät­tern nach­ge­forscht,
und ich kann da­her um so we­ni­ger we­der die Wahr­heit der Tat­sa­chen ver­bür­gen, als, wenn je­mand sie be­strei­ten woll­te, da­für auf­ste­hen;
nur so viel kann ich ver­si­chern, daß ich sie seit je­ner Zeit, ob­gleich sie durch kei­nen äu­ße­ren An­laß in mir aufs neue be­lebt wur­den, nie­mals aus dem Ge­dächt­nis ver­lo­ren habe.
* * *
Es war im drit­ten Jahr­zehnt un­se­res Jahr­hun­derts, an ei­nem Ok­to­ber­nach­mit­tag
– so be­gann der da­ma­li­ge Er­zäh­ler –, als ich bei star­kem Un­wet­ter auf ei­nem nord­frie­si­schen Deich ent­langritt.
Zur Lin­ken hat­te ich jetzt schon seit über ei­ner Stun­de die öde, be­reits von al­lem Vieh ge­leer­te Marsch,
zur Rech­ten, und zwar in un­be­hag­lichs­ter Nähe, das Wat­ten­meer der Nord­see;
zwar soll­te man vom Dei­che aus auf Hal­li­gen und In­seln se­hen kön­nen;
aber ich sah nichts als die gelb­grau­en Wel­len, die un­auf­hör­lich wie mit Wut­ge­brüll an den Deich hin­auf­schlu­gen
und mit­un­ter mich und das Pferd mit schmut­zi­gem Schaum be­spritz­ten;
da­hin­ter wüs­te Däm­me­rung, die Him­mel und Erde nicht un­ter­schei­den ließ; denn auch der hal­be Mond,
der jetzt in der Höhe stand, war meist von trei­ben­dem Wol­ken­dun­kel über­zo­gen.
Es war eis­kalt; mei­ne ver­klom­me­nen Hän­de konn­ten kaum den Zü­gel hal­ten,
und ich ver­dach­te es nicht den Krä­hen und Mö­wen, die sich fort­wäh­rend kräch­zend und ga­ckernd vom Sturm ins Land hin­ein­trei­ben lie­ßen.
Die Nacht­däm­me­rung hat­te be­gon­nen, und schon konn­te ich nicht mehr mit Si­cher­heit die Hu­fen mei­nes Pfer­des er­ken­nen;
kei­ne Men­schen­see­le war mir be­geg­net, ich hör­te nichts als das Ge­schrei der Vö­gel,
wenn sie mich oder mei­ne treue Stu­te fast mit den lan­gen Flü­geln streif­ten, und das To­ben von Wind und Was­ser.
Ich leug­ne nicht, ich wünsch­te mich mit­un­ter in si­che­res Quar­tier.
Das Wet­ter dau­er­te jetzt in den drit­ten Tag,
und ich hat­te mich schon über Ge­bühr von ei­nem mir be­son­ders lie­ben Ver­wand­ten auf sei­nem Hofe hal­ten las­sen, den er in ei­ner der nörd­li­che­ren Har­den be­saß.
Heu­te aber ging es nicht län­ger; ich hat­te Ge­schäf­te in der Stadt, die auch jetzt wohl noch ein paar Stun­den weit nach Sü­den vor mir lag,
und trotz al­ler Über­re­dungs­küns­te des Vet­ters und sei­ner lie­ben Frau,
trotz der schö­nen selbst­ge­zo­ge­nen Pe­ri­net­te- und Grand-Ri­chard-Äp­fel, die noch zu pro­bie­ren wa­ren, am Nach­mit­tag war ich da­von­ge­rit­ten.
»Wart nur, bis du ans Meer kommst«, hat­te er noch an sei­ner Haus­tür mir nach­ge­ru­fen; »du kehrst noch wie­der um; dein Zim­mer wird dir vor­be­hal­ten!«
Und wirk­lich, einen Au­gen­blick, als eine schwar­ze Wol­ken­schicht es pech­fins­ter um mich mach­te
und gleich­zei­tig die heu­len­den Böen mich samt mei­ner Stu­te vom Deich her­ab­zu­drän­gen such­ten,
fuhr es mir wohl durch den Kopf. ›Sei kein Narr! Kehr um und setz dich zu dei­nen Freun­den ins war­me Nest.‹
Dann aber fiel’s mir ein, der Weg zu­rück war wohl noch län­ger als der nach mei­nem Rei­se­ziel;
und so trab­te ich wei­ter, den Kra­gen mei­nes Man­tels um die Oh­ren zie­hend.
Jetzt aber kam auf dem Dei­che et­was ge­gen mich her­an;
ich hör­te nichts; aber im­mer deut­li­cher, wenn der hal­be Mond ein kar­ges Licht her­a­bließ, glaub­te ich eine dunkle Ge­stalt zu er­ken­nen,
und bald, da sie nä­her kam, sah ich es, sie saß auf ei­nem Pfer­de, ei­nem hoch­bei­ni­gen ha­ge­ren Schim­mel;
ein dunk­ler Man­tel flat­ter­te um ihre Schul­tern, und im Vor­bei­flie­gen sa­hen mich zwei bren­nen­de Au­gen aus ei­nem blei­chen Ant­litz an.
Wer war das? Was woll­te der? – Und jetzt fiel mir bei, ich hat­te kei­nen Huf­schlag, kein Keu­chen des Pfer­des ver­nom­men;
und Roß und Rei­ter wa­ren doch hart an mir vor­bei­ge­fah­ren!

Theodor Storm
Der Schimmelreiter / The Rider on the White Horse
Bilingual Edition
Translated by Margarete Münsterberg

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