Gottfried

Keller

Das Fähnlein der sieben Aufrechten

The Banner of the Upright Seven

Translated by Muriel Almon
Alignment and Amendments © Doppeltext 2012

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DAS FÄHNLEIN DER SIEBEN AUFRECHTEN

COLOPHON

Der Schnei­der­meis­ter He­di­ger in Zü­rich war in dem Al­ter, wo der flei­ßi­ge Hand­werks­mann
schon an­fängt, sich nach Tisch ein Stünd­chen Ruhe zu gön­nen.
So saß er denn an ei­nem schö­nen März­ta­ge nicht in sei­ner leib­li­chen Werk­statt,
son­dern in sei­ner geis­ti­gen, ei­nem klei­nen Son­der­stüb­chen, wel­ches er sich seit Jah­ren zu­ge­teilt hat­te.
Er freu­te sich, das­sel­be un­ge­heizt wie­der be­haup­ten zu kön­nen;
denn we­der sei­ne al­ten Hand­werks­sit­ten, noch sei­ne Ein­künf­te er­laub­ten ihm, wäh­rend des Win­ters sich ein be­son­de­res Zim­mer er­wär­men zu las­sen, nur um dar­in zu le­sen.
Und das zu ei­ner Zeit, wo es schon Schnei­der gab, wel­che auf die Jagd ge­hen und täg­lich zu Pfer­de sit­zen,
so eng ver­zah­nen sich die Über­gän­ge der Kul­tur in­ein­an­der.
Meis­ter He­di­ger durf­te sich aber se­hen las­sen in sei­nem wohl­auf­ge­räum­ten Hin­ter­stüb­chen.
Er sah fast eher ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Squat­ter, als ei­nem Schnei­der ähn­lich;
ein kräf­ti­ges und ver­stän­di­ges Ge­sicht mit star­kem Ba­cken­bart, von ei­nem mäch­ti­gen kah­len Schä­del über­wölbt,
neig­te sich über die Zei­tung »Der schwei­ze­ri­sche Re­pu­bli­ka­ner« und las mit kri­ti­schem Aus­druck den Haupt­ar­ti­kel.
Von die­sem Re­pu­bli­ka­ner stan­den we­nigs­tens fünf­und­zwan­zig Fo­lio­bän­de, wohl­ge­bun­den, in ei­nem klei­nen Glas­schran­ke von Nuß­baum,
und sie ent­hiel­ten fast nichts, das He­di­ger seit fünf­und­zwan­zig Jah­ren nicht mit er­lebt und durch­ge­kämpft hat­te.
Au­ßer­dem stand ein »Rot­teck« in dem Schran­ke, eine Schwei­zer­ge­schich­te von Jo­han­nes Mül­ler
und eine Hand­voll po­li­ti­scher Flug­schrif­ten und der­glei­chen;
ein geo­gra­phi­scher At­las und ein Mäpp­chen voll Ka­ri­ka­tu­ren und Pam­phle­te,
die Denk­mä­ler bit­ter lei­den­schaft­li­cher Tage, la­gen auf dem un­ters­ten Bret­te.
Die Wand des Zim­mer­chens war ge­schmückt mit den Bild­nis­sen von Ko­lum­bus, von Zwing­li, von Hut­ten, Wa­shing­ton und Ro­be­spi­er­re;
denn er ver­stand kei­nen Spaß und bil­lig­te nach­träg­lich die Schre­ckens­zeit.
Au­ßer die­sen Welthel­den schmück­ten die Wand noch ei­ni­ge schwei­ze­ri­sche Fort­schritts­leu­te mit der bei­ge­füg­ten Hand­schrift in höchst er­bau­li­chen
und weit­läu­fi­gen Denk­schrif­ten, or­dent­li­chen klei­nen Auf­sätz­chen.
Am Bü­cher­schrank aber lehn­te eine gut im Stand er­hal­te­ne,
blan­ke Or­don­nanz­flin­te, be­hängt mit ei­nem kur­z­en Sei­ten­ge­wehr und ei­ner Pa­tron­ta­sche, worin zu je­der Zeit drei­ßig schar­fe Pa­tro­nen steck­ten.
Das war sein Jagd­ge­wehr, wo­mit er nicht auf Ha­sen und Reb­hüh­ner,
son­dern auf Ari­sto­kra­ten und Je­sui­ten, auf Ver­fas­sungs­bre­cher und Volks­ver­rä­ter Jagd mach­te.
Bis jetzt hat­te ihn ein freund­li­cher Stern be­wahrt, daß er noch kein Blut ver­gos­sen, aus Man­gel an Ge­le­gen­heit;
den­noch hat­te er die Flin­te schon mehr als ein­mal er­grif­fen und war da­mit auf den Platz ge­eilt, da es noch die Zeit der Put­sche war,
und das Ge­wehr muß­te un­ver­rückt zwi­schen Bett und Schrank ste­hen blei­ben;
»denn«, pfleg­te er zu sa­gen, »kei­ne Re­gie­rung und kei­ne Ba­tail­lo­ne ver­mö­gen Recht und Frei­heit zu schüt­zen,
wo der Bür­ger nicht im­stan­de ist, sel­ber vor die Hau­stü­re zu tre­ten und nach­zu­se­hen, was es gibt!«
Als der wa­cke­re Meis­ter mit­ten in sei­nem Ar­ti­kel ver­tieft war, bald zu­stim­mend nick­te und bald den Kopf schüt­tel­te,
trat sein jüngs­ter Sohn Karl her­ein, ein an­ge­hen­der Be­am­ter auf ei­ner Re­gie­rungs­kanz­lei.
»Was gibt’s?« frag­te er barsch; denn er lieb­te nicht in sei­nem Stüb­chen ge­stört zu wer­den.
Karl frag­te, et­was un­si­cher über den Er­folg sei­ner Bit­te,
ob er des Va­ters Ge­wehr und Pa­tron­ta­sche für den Nach­mit­tag ha­ben kön­ne, da er auf den Drill­platz ge­hen müs­se.
»Kei­ne Rede, wird nichts dar­aus!« sag­te He­di­ger kurz.
»Und warum denn nicht? Ich wer­de ja nichts dar­an ver­der­ben!« fuhr der Sohn klein­laut fort und doch be­harr­lich,
weil er durch­aus ein Ge­wehr ha­ben muß­te, wenn er nicht in den Ar­rest spa­zie­ren woll­te. Al­lein der Alte ver­setz­te nur um so lau­ter:
»Wird nichts dar­aus! Ich muß mich nur wun­dern über die Be­harr­lich­keit mei­ner Her­ren Söh­ne, die doch in an­dern Din­gen so un­be­harr­lich sind,
daß kei­ner von al­len bei dem Be­ru­fe blieb, den ich ihn nach frei­er Wahl habe ler­nen las­sen!
Du weißt, daß dei­ne drei äl­te­ren Brü­der der Rei­he nach,
so wie sie zu ex­er­zie­ren an­fan­gen muß­ten, das Ge­wehr ha­ben woll­ten und daß es kei­ner be­kom­men hat!
Und doch kommst du nun auch noch an­ge­schli­chen!
Du hast dei­nen schö­nen Ver­dienst, für nie­mand zu sor­gen – schaff dir dei­ne Waf­fen an, wie es ei­nem Eh­ren­man­ne ge­ziemt!
Dies Ge­wehr kommt nicht von der Stel­le, au­ßer wenn ich es selbst brau­che!«

Gottfried Keller
Das Fähnlein der sieben Aufrechten / The Banner of the Upright Seven
Bilingual Edition
Translated by Muriel Almon

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