Johann Wolfgang von

Goethe

Die Leiden des jungen Werther

The Sorrows of Young Werther

Translated by R. Dillon Boylan
Alignment and Amendments © Doppeltext 2022

TITLE PAGE

ERSTES BUCH

ZWEITES BUCH

COLOPHON

Was ich von der Ge­schich­te des ar­men Wer­ther nur habe auf­fin­den kön­nen, habe ich mit Fleiß ge­sam­melt
und lege es euch hier vor, und weiß, daß ihr mir’s dan­ken wer­det.
Ihr könnt sei­nem Geist und sei­nem Cha­rak­ter eure Be­wun­de­rung und Lie­be, sei­nem Schick­sa­le eure Trä­nen nicht ver­sa­gen.
Und du gute See­le, die du eben den Drang fühlst wie er, schöp­fe Trost aus sei­nem Lei­den,
und laß das Büch­lein dei­nen Freund sein, wenn du aus Ge­schick oder ei­ge­ner Schuld kei­nen nä­he­ren fin­den kannst.

ERSTES BUCH

Am 4. Mai 1771.
Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Bes­ter Freund, was ist das Herz des Men­schen!
Dich zu ver­las­sen, den ich so lie­be, von dem ich un­zer­trenn­lich war, und froh zu sein! Ich weiß, du ver­zeihst mir’s.
Wa­ren nicht mei­ne üb­ri­gen Ver­bin­dun­gen recht aus­ge­sucht vom Schick­sal, um ein Herz wie das mei­ne zu ängs­ti­gen? Die arme Leo­no­re! Und doch war ich un­schul­dig.
Konnt’ ich da­für, daß, wäh­rend die ei­gen­sin­ni­gen Rei­ze ih­rer Schwes­ter mir eine an­ge­neh­me Un­ter­hal­tung ver­schaff­ten,
daß eine Lei­den­schaft in dem ar­men Her­zen sich bil­de­te?
Und doch – bin ich ganz un­schul­dig? Hab’ ich nicht ihre Emp­fin­dun­gen ge­nährt?
Hab’ ich mich nicht an den ganz wah­ren Aus­drücken der Na­tur, die uns so oft zu la­chen mach­ten, so we­nig lä­cher­lich sie wa­ren, selbst er­getzt?
Hab’ ich nicht – o was ist der Mensch, daß er über sich kla­gen darf!
Ich will, lie­ber Freund, ich ver­spre­che dir’s, ich will mich bes­sern,
will nicht mehr ein biß­chen Übel, das uns das Schick­sal vor­legt, wie­der­käu­en, wie ich’s im­mer ge­tan habe;
ich will das Ge­gen­wär­ti­ge ge­nie­ßen, und das Ver­gan­ge­ne soll mir ver­gan­gen sein.
Ge­wiß, du hast recht, Bes­ter, der Schmer­zen wä­ren min­der un­ter den Men­schen, wenn sie nicht
– Gott weiß, warum sie so ge­macht sind! – mit so viel Em­sig­keit der Ein­bil­dungs­kraft sich be­schäf­tig­ten,
die Er­in­ne­run­gen des ver­gan­ge­nen Übels zu­rück­zu­ru­fen, eher als eine gleich­gül­ti­ge Ge­gen­wart zu er­tra­gen.
Du bist so gut, mei­ner Mut­ter zu sa­gen, daß ich ihr Ge­schäft bes­tens be­trei­ben und ihr ehs­tens Nach­richt da­von ge­ben wer­de.
Ich habe mei­ne Tan­te ge­spro­chen und bei wei­tem das böse Weib nicht ge­fun­den, das man bei uns aus ihr macht.
Sie ist eine mun­te­re, hef­ti­ge Frau von dem bes­ten Her­zen.
Ich er­klär­te ihr mei­ner Mut­ter Be­schwer­den über den zu­rück­ge­hal­te­nen Erb­schafts­an­teil;
sie sag­te mir ihre Grün­de, Ur­sa­chen und die Be­din­gun­gen, un­ter wel­chen sie be­reit wäre, al­les her­aus­zu­ge­ben, und mehr als wir ver­lang­ten
– kurz, ich mag jetzt nichts da­von schrei­ben, sage mei­ner Mut­ter, es wer­de al­les gut ge­hen.
Und ich habe, mein Lie­ber, wie­der bei die­sem klei­nen Ge­schäft ge­fun­den,
daß Miß­ver­ständ­nis­se und Träg­heit viel­leicht mehr Ir­run­gen in der Welt ma­chen als List und Bos­heit.
We­nigs­tens sind die bei­den letz­te­ren ge­wiß sel­te­ner.
Üb­ri­gens be­fin­de ich mich hier gar wohl. Die Ein­sam­keit ist mei­nem Her­zen köst­li­cher Bal­sam in die­ser pa­ra­die­si­schen Ge­gend,
und die­se Jah­res­zeit der Ju­gend wärmt mit al­ler Fül­le mein oft schau­dern­des Herz.
Je­der Baum, jede He­cke ist ein Strauß von Blü­ten, und man möch­te zum Mai­en­kä­fer wer­den,
um in dem Meer von Wohl­ge­rü­chen her­um­schwe­ben und alle sei­ne Nah­rung dar­in fin­den zu kön­nen.
Die Stadt selbst ist un­an­ge­nehm, da­ge­gen rings um­her eine un­aus­sprech­li­che Schön­heit der Na­tur.
Das be­wog den ver­stor­be­nen Gra­fen von M., einen Gar­ten auf ei­nem der Hü­gel an­zu­le­gen, die mit der schöns­ten Man­nig­fal­tig­keit sich kreu­zen und die lieb­lichs­ten Tä­ler bil­den.
Der Gar­ten ist ein­fach, und man fühlt gleich bei dem Ein­trit­te, daß nicht ein wis­sen­schaft­li­cher Gärt­ner,
son­dern ein füh­len­des Herz den Plan ge­zeich­net, das sei­ner selbst hier ge­nie­ßen woll­te.
Schon man­che Trä­ne hab’ ich dem Ab­ge­schie­de­nen in dem ver­fal­le­nen Ka­bi­nett­chen ge­weint,
das sein Lieb­lings­plätz­chen war und auch mei­nes ist.
Bald wer­de ich Herr vom Gar­ten sein; der Gärt­ner ist mir zu­ge­tan, nur seit den paar Ta­gen, und er wird sich nicht übel da­bei be­fin­den.
Am 10. Mai.
Eine wun­der­ba­re Hei­ter­keit hat mei­ne gan­ze See­le ein­ge­nom­men, gleich den sü­ßen Früh­lings­mor­gen, die ich mit gan­zem Her­zen ge­nie­ße.
Ich bin al­lein und freue mich mei­nes Le­bens in die­ser Ge­gend, die für sol­che See­len ge­schaf­fen ist wie die mei­ne.
Ich bin so glück­lich, mein Bes­ter, so ganz in dem Ge­füh­le von ru­hi­gem Da­sein ver­sun­ken, daß mei­ne Kunst dar­un­ter lei­det.
Ich könn­te jetzt nicht zeich­nen, nicht einen Strich, und bin nie ein grö­ße­rer Ma­ler ge­we­sen als in die­sen Au­gen­bli­cken.
Wenn das lie­be Tal um mich dampft, und die hohe Son­ne an der Ober­flä­che der un­durch­dring­li­chen Fins­ter­nis mei­nes Wal­des ruht,
und nur ein­zel­ne Strah­len sich in das in­ne­re Hei­lig­tum steh­len, ich dann im ho­hen Gra­se am fal­len­den Ba­che lie­ge,
und nä­her an der Erde tau­send man­nig­fal­ti­ge Gräs­chen mir merk­wür­dig wer­den;
wenn ich das Wim­meln der klei­nen Welt zwi­schen Hal­men, die un­zäh­li­gen, un­er­gründ­li­chen Ge­stal­ten der Würm­chen, der Mück­chen nä­her an mei­nem Her­zen füh­le,
und füh­le die Ge­gen­wart des All­mäch­ti­gen, der uns nach sei­nem Bil­de schuf, das We­hen des Al­lie­ben­den, der uns in ewi­ger Won­ne schwe­bend trägt und er­hält;
mein Freund! Wenn’s dann um mei­ne Au­gen däm­mert, und die Welt um mich her und der Him­mel ganz in mei­ner See­le ruhn wie die Ge­stalt ei­ner Ge­lieb­ten
– dann seh­ne ich mich oft und den­ke: ach könn­test du das wie­der aus­drücken, könn­test du dem Pa­pie­re das ein­hau­chen, was so voll, so warm in dir lebt,
daß es wür­de der Spie­gel dei­ner See­le, wie dei­ne See­le ist der Spie­gel des un­end­li­chen Got­tes!
– mein Freund – aber ich gehe dar­über zu­grun­de, ich er­lie­ge un­ter der Ge­walt der Herr­lich­keit die­ser Er­schei­nun­gen.

Johann Wolfgang von Goethe
Die Leiden des jungen Werther / The Sorrows of Young Werther
Bilingual Edition
Translated by R. Dillon Boylan

This is an enhanced ebook. Click or tap on the text to display the translation.

Both the original work and the translation are in the public domain. All rights for the aligned bilingual editions and for the amended translations are owned by Doppeltext.

We offer many other innovative bilingual titles. Visit www.doppeltext.com to learn more.

We welcome your feedback and questions.

Doppeltext
Igor Kogan & Tatiana Zelenska
Karwendelstr. 25
81369 Munich
Germany
+49-89-74 79 28 26
www.doppeltext.com
info@doppeltext.com