Thomas

Mann

Tonio Kröger

Translated by Bayard Quincy Morgan
Alignment and Amendments © Doppeltext 2012

TITLE PAGE

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

COLOPHON

I

Die Win­ter­son­ne stand nur als ar­mer Schein, mil­chig und matt hin­ter Wol­ken­schich­ten über der en­gen Stadt.
Naß und zu­gig war’s in den gie­be­li­gen Gas­sen, und manch­mal fiel eine Art von wei­chem Ha­gel, nicht Eis, nicht Schnee.
Die Schu­le war aus. Über den ge­pflas­ter­ten Hof und her­aus aus der Gat­ter­pfor­te ström­ten die Scha­ren der Be­frei­ten, teil­ten sich und enteil­ten nach rechts und links.
Große Schü­ler hiel­ten mit Wür­de ihr Bü­cher­päck­chen hoch ge­gen die lin­ke Schul­ter ge­drückt,
in­dem sie mit dem rech­ten Arm wi­der den Wind dem Mit­tages­sen ent­ge­gen ru­der­ten;
klei­nes Volk setz­te sich lus­tig in Trab, daß der Eis­brei um­her­spritz­te
und die Sie­ben­sa­chen der Wis­sen­schaft in den See­hunds­rän­zeln klap­per­ten.
Aber hie und da riß al­les mit from­men Au­gen die Müt­zen her­un­ter vor dem Wo­t­ans­hut und dem Ju­piter­bart ei­nes ge­mes­sen hin­schrei­ten­den Ober­leh­rers…
»Kommst du end­lich, Hans?« sag­te To­nio Krö­ger, der lan­ge auf dem Fahr­damm ge­war­tet hat­te; lä­chelnd trat er dem Freun­de ent­ge­gen,
der im Ge­spräch mit an­de­ren Ka­me­ra­den aus der Pfor­te kam und schon im Be­grif­fe war, mit ih­nen da­von­zu­ge­hen…
»Wie­so?« frag­te er und sah To­nio an… »Ja, das ist wahr! Nun ge­hen wir noch ein biß­chen.«
To­nio ver­stumm­te, und sei­ne Au­gen trüb­ten sich.
Hat­te Hans es ver­ges­sen, fiel es ihm erst jetzt wie­der ein, daß sie heu­te mit­tag ein we­nig zu­sam­men spa­zie­ren­ge­hen woll­ten?
Und er selbst hat­te sich seit der Ver­ab­re­dung bei­na­he un­aus­ge­setzt dar­auf ge­freut!
»Ja, adieu, ihr!« sag­te Hans Han­sen zu den Ka­me­ra­den. »Dann gehe ich noch ein biß­chen mit Krö­ger.«
– Und die bei­den wand­ten sich nach links, in­des die an­de­ren nach rechts schlen­der­ten.
Hans und To­nio hat­ten Zeit, nach der Schu­le spa­zie­ren­zu­ge­hen,
weil sie bei­de Häu­sern an­ge­hör­ten, in de­nen erst um vier Uhr zu Mit­tag ge­ges­sen wur­de.
Ihre Vä­ter wa­ren große Kauf­leu­te, die öf­fent­li­che Äm­ter be­klei­de­ten und mäch­tig wa­ren in der Stadt.
Den Han­sens ge­hör­ten schon seit man­chem Men­schen­al­ter die weit­läu­fi­gen Holz­la­ger­plät­ze drun­ten am Fluß,
wo ge­wal­ti­ge Sä­ge­ma­schi­nen un­ter Fau­chen und Zi­schen die Stäm­me zer­leg­ten.
Aber To­nio war Kon­sul Krö­gers Sohn, des­sen Ge­trei­de­sä­cke mit dem brei­ten schwar­zen Fir­mendruck man Tag für Tag durch die Stra­ßen kut­schie­ren sah;
und sei­ner Vor­fah­ren großes al­tes Haus war das herr­schaft­lichs­te der gan­zen Stadt…
Be­stän­dig muß­ten die Freun­de, der vie­len Be­kann­ten we­gen, die Müt­zen her­un­ter­neh­men, ja, von man­chen Leu­ten wur­den die Vier­zehn­jäh­ri­gen zu­erst ge­grüßt…
Bei­de hat­ten die Schul­map­pen über die Schul­tern ge­hängt, und bei­de wa­ren sie gut und warm ge­klei­det;
Hans in eine kur­ze See­manns-Über­ja­cke, über wel­cher auf Schul­tern und Rücken der brei­te, blaue Kra­gen sei­nes Ma­ri­ne­an­zu­ges lag, und To­nio in einen grau­en Gurt­pa­le­tot.
Hans trug eine dä­ni­sche Ma­tro­sen­müt­ze mit kur­z­en Bän­dern, un­ter der ein Schopf sei­nes bast­blon­den Haa­res her­vor­quoll.
Er war au­ßer­or­dent­lich hübsch und wohl­ge­stal­tet, breit in den Schul­tern und schmal in den Hüf­ten, mit frei­lie­gen­den und scharf bli­cken­den stahl­blau­en Au­gen.
Aber un­ter To­ni­os runder Pelz­müt­ze blick­ten aus ei­nem brü­net­ten und ganz süd­lich scharf­ge­schnit­te­nen Ge­sicht
dunkle und zart um­schat­te­te Au­gen mit zu schwe­ren Li­dern träu­me­risch und ein we­nig zag­haft her­vor… Mund und Kinn wa­ren ihm un­ge­wöhn­lich weich ge­bil­det.
Er ging nach­läs­sig und un­gleich­mä­ßig, wäh­rend Han­sens schlan­ke Bei­ne in den schwar­zen Strümp­fen so elas­tisch und takt­fest ein­her­schrit­ten…
To­nio sprach nicht. Er emp­fand Schmerz. In­dem er sei­ne et­was schräg ste­hen­den Brau­en zu­sam­men­zog und die Lip­pen zum Pfei­fen ge­run­det hielt,
blick­te er seit­wärts ge­neig­ten Kopf­es ins Wei­te. Die­se Hal­tung und Mie­ne war ihm ei­gen­tüm­lich.
Plötz­lich schob Hans sei­nen Arm un­ter den To­ni­os und sah ihn da­bei von der Sei­te an, denn er be­griff sehr wohl, um was es sich han­del­te.
Und ob­gleich To­nio auch bei den nächs­ten Schrit­ten noch schwieg, so ward er doch auf ein­mal sehr weich ge­stimmt.
»Ich hat­te es näm­lich nicht ver­ges­sen, To­nio«, sag­te Hans und blick­te vor sich nie­der auf das Trot­toir,
»son­dern ich dach­te nur, daß heu­te doch wohl nichts dar­aus wer­den könn­te, weil es ja so naß und win­dig ist.
Aber mir macht das gar nichts, und ich fin­de es fa­mos, daß du trotz­dem auf mich ge­war­tet hast.
Ich glaub­te schon, du seist nach Hau­se ge­gan­gen, und är­ger­te mich…«
Al­les in To­nio ge­riet in eine hüp­fen­de und ju­beln­de Be­we­gung bei die­sen Wor­ten.
»Ja, wir ge­hen nun also über die Wäl­le!« sag­te er mit be­weg­ter Stim­me.
»Über den Müh­len­wall und den Hol­s­ten­wall, und so brin­ge ich dich nach Hau­se, Hans…
Be­wah­re, das scha­det gar nichts, daß ich dann mei­nen Heim­weg al­lein ma­che; das nächs­te Mal be­glei­test du mich.«
Im Grun­de glaub­te er nicht sehr fest an das, was Hans ge­sagt hat­te,
und fühl­te ge­nau, daß je­ner nur halb so­viel Ge­wicht auf die­sen Spa­zier­gang zu zwei­en leg­te wie er.
Aber er sah doch, daß Hans sei­ne Ver­geß­lich­keit be­reu­te und es sich an­ge­le­gen sein ließ, ihn zu ver­söh­nen.
Und er war weit von der Ab­sicht ent­fernt, die Ver­söh­nung hintan­zu­hal­ten…
Die Sa­che war die, daß To­nio Hans Han­sen lieb­te und schon vie­les um ihn ge­lit­ten hat­te. Wer am meis­ten liebt, ist der Un­ter­le­ge­ne und muß lei­den,
– die­se schlich­te und har­te Leh­re hat­te sei­ne vier­zehn­jäh­ri­ge See­le be­reits vom Le­ben ent­ge­gen­ge­nom­men;
und er war so ge­ar­tet, daß er sol­che Er­fah­run­gen wohl ver­merk­te,
sie gleich­sam in­ner­lich auf­schrieb und ge­wis­ser­ma­ßen sei­ne Freu­de dar­an hat­te,
ohne sich frei­lich für sei­ne Per­son da­nach zu rich­ten und prak­ti­schen Nut­zen dar­aus zu zie­hen.
Auch war es so mit ihm be­stellt, daß er sol­che Leh­ren weit wich­ti­ger und in­ter­essan­ter ach­te­te als die Kennt­nis­se, die man ihm in der Schu­le auf­nö­tig­te,
ja, daß er sich wäh­rend der Un­ter­richts­stun­den in den go­ti­schen Klas­sen­ge­wöl­ben meis­tens da­mit ab­gab,
sol­che Ein­sich­ten bis auf den Grund zu emp­fin­den und völ­lig aus­zu­den­ken.
Und die­se Be­schäf­ti­gung be­rei­te­te ihm eine ganz ähn­li­che Ge­nug­tu­ung, wie wenn er mit sei­ner Gei­ge (denn er spiel­te die Gei­ge) in sei­nem Zim­mer um­her­ging
und die Töne, so weich, wie er sie nur her­vor­zu­brin­gen ver­moch­te, in das Plät­schern des Springstrah­les hin­ein er­klin­gen ließ,
der drun­ten im Gar­ten un­ter den Zwei­gen des al­ten Wal­nuß­bau­mes tän­zelnd em­por­stieg…
Der Spring­brun­nen, der alte Wal­nuß­baum, sei­ne Gei­ge und in der Fer­ne das Meer,
die Ost­see, de­ren som­mer­li­che Träu­me er in den Fe­ri­en be­lau­schen durf­te, die­se Din­ge wa­ren es, die er lieb­te,
mit de­nen er sich gleich­sam um­stell­te und zwi­schen de­nen sich sein in­ne­res Le­ben ab­spiel­te,
Din­ge, de­ren Na­men mit gu­ter Wir­kung in Ver­sen zu ver­wen­den sind
und auch wirk­lich in den Ver­sen, die To­nio Krö­ger zu­wei­len ver­fer­tig­te, im­mer wie­der er­klan­gen.
Die­ses, daß er ein Heft mit selbst­ge­schrie­be­nen Ver­sen be­saß, war durch sein ei­ge­nes Ver­schul­den be­kannt­ge­wor­den
und scha­de­te ihm sehr, bei sei­nen Mit­schü­lern so­wohl wie bei den Leh­rern.
Dem Soh­ne Kon­sul Krö­gers schi­en es ei­ner­seits, als sei es dumm und ge­mein, dar­an An­stoß zu neh­men,
und er ver­ach­te­te da­für so­wohl die Mit­schü­ler wie die Leh­rer, de­ren schlech­te Ma­nie­ren ihn oben­drein ab­stie­ßen,
und de­ren per­sön­li­che Schwä­chen er selt­sam ein­dring­lich durch­schau­te.
An­de­rer­seits aber emp­fand er selbst es als aus­schwei­fend und ei­gent­lich un­ge­hö­rig, Ver­se zu ma­chen,
und muß­te all de­nen ge­wis­ser­ma­ßen recht ge­ben, die es für eine be­frem­den­de Be­schäf­ti­gung hiel­ten. Al­lein das ver­moch­te ihn nicht, da­von ab­zu­las­sen…
Da er da­heim sei­ne Zeit ver­tat, beim Un­ter­richt lang­sa­men und ab­ge­wand­ten Geis­tes war und bei den Leh­rern schlecht an­ge­schrie­ben stand,
so brach­te er be­stän­dig die er­bärm­lichs­ten Zen­su­ren nach Hau­se, wor­über sein Va­ter, ein lan­ger, sorg­fäl­tig ge­klei­de­ter Herr mit sin­nen­den blau­en Au­gen,
der im­mer eine Feld­blu­me im Knopf­loch trug, sich sehr er­zürnt und be­küm­mert zeig­te.
Der Mut­ter To­ni­os je­doch, sei­ner schö­nen, schwarz­haa­ri­gen Mut­ter, die Con­sue­lo mit Vor­na­men hieß
und über­haupt so an­ders war als die üb­ri­gen Da­men der Stadt, weil der Va­ter sie sich einst­mals von ganz un­ten auf der Land­kar­te her­auf­ge­holt hat­te, –
sei­ner Mut­ter wa­ren die Zeug­nis­se gr­und­ei­ner­lei…
To­nio lieb­te sei­ne dunkle und feu­ri­ge Mut­ter, die so wun­der­bar den Flü­gel und die Man­do­li­ne spiel­te,
und er war froh, daß sie sich ob sei­ner zwei­fel­haf­ten Stel­lung un­ter den Men­schen nicht gräm­te.
An­de­rer­seits aber emp­fand er, daß der Zorn des Va­ters weit wür­di­ger und re­spek­ta­bler sei,
und war, ob­gleich er von ihm ge­schol­ten wur­de, im Grun­de ganz ein­ver­stan­den mit ihm,
wäh­rend er die hei­te­re Gleich­gül­tig­keit der Mut­ter ein we­nig lie­der­lich fand.
Manch­mal dach­te er un­ge­fähr: Es ist ge­ra­de ge­nug, daß ich bin, wie ich bin,
und mich nicht än­dern will und kann, fahr­läs­sig, wi­der­spens­tig und auf Din­ge be­dacht, an die sonst nie­mand denkt.
We­nigs­tens ge­hört es sich, daß man mich ernst­lich schilt und straft da­für, und nicht mit Küs­sen und Mu­sik dar­über hin­weg­geht.
Wir sind doch kei­ne Zi­geu­ner im grü­nen Wa­gen, son­dern an­stän­di­ge Leu­te, Kon­sul Krö­gers, die Fa­mi­lie der Krö­ger…
Nicht sel­ten dach­te er auch: Warum bin ich doch so son­der­lich und in Wi­der­streit mit al­lem,
zer­fal­len mit den Leh­rern und fremd un­ter den an­de­ren Jun­gen? Sie­he sie an, die gu­ten Schü­ler und die von so­li­der Mit­tel­mä­ßig­keit.
Sie fin­den die Leh­rer nicht ko­misch, sie ma­chen kei­ne Ver­se und den­ken nur Din­ge, die man eben denkt und die man laut aus­spre­chen kann.
Wie or­dent­lich und ein­ver­stan­den mit al­lem und je­der­mann sie sich füh­len müs­sen! Das muß gut sein… Was aber ist mit mir, und wie wird dies al­les ab­lau­fen?
Die­se Art und Wei­se, sich selbst und sein Ver­hält­nis zum Le­ben zu be­trach­ten, spiel­te eine wich­ti­ge Rol­le in To­ni­os Lie­be zu Hans Han­sen.
Er lieb­te ihn zu­nächst, weil er schön war; dann aber, weil er in al­len Stücken als sein ei­ge­nes Wi­der­spiel und Ge­gen­teil er­schi­en.
Hans Han­sen war ein vor­treff­li­cher Schü­ler und au­ßer­dem ein fri­scher Ge­sell, der ritt,
turn­te, schwamm wie ein Held und sich der all­ge­mei­nen Be­liebt­heit er­freu­te.
Die Leh­rer wa­ren ihm bei­na­he mit Zärt­lich­keit zu­ge­tan,
nann­ten ihn mit Vor­na­men und för­der­ten ihn auf alle Wei­se, die Ka­me­ra­den wa­ren auf sei­ne Gunst be­dacht,
und auf der Stra­ße hiel­ten ihn Her­ren und Da­men an, faß­ten ihn an dem Schop­fe bast­blon­den Haa­res,
der un­ter sei­ner dä­ni­schen Schif­fer­müt­ze her­vor­quoll, und sag­ten: »Gu­ten Tag, Hans Han­sen, mit dei­nem net­ten Schopf!
Bist du noch Pri­mus? Grüß Papa und Mama, mein präch­ti­ger Jun­ge…«
So war Hans Han­sen, und seit To­nio Krö­ger ihn kann­te, emp­fand er Sehn­sucht, so­bald er ihn er­blick­te,
eine nei­di­sche Sehn­sucht, die ober­halb der Brust saß und brann­te.
Wer so blaue Au­gen hät­te, dach­te er, und so in Ord­nung und glück­li­cher Ge­mein­schaft mit al­ler Welt leb­te wie du!
Stets bist du auf eine wohl­an­stän­di­ge und all­ge­mein re­spek­tier­te Wei­se be­schäf­tigt.
Wenn du die Schul­auf­ga­ben er­le­digt hast, so nimmst du Reit­stun­den oder ar­bei­test mit der Laub­sä­ge,
und selbst in den Fe­ri­en, an der See, bist du vom Ru­dern, Se­geln und Schwim­men in An­spruch ge­nom­men,
in­des ich mü­ßig­gän­ge­risch und ver­lo­ren im San­de lie­ge und auf die ge­heim­nis­voll wech­seln­den Mie­nen­spie­le star­re, die über des Mee­res Ant­litz hu­schen.
Aber dar­um sind dei­ne Au­gen so klar. Zu sein wie du…
Er mach­te nicht den Ver­such, zu wer­den wie Hans Han­sen, und viel­leicht war es ihm nicht ein­mal sehr ernst mit die­sem Wunsche.
Aber er be­gehr­te schmerz­lich, so wie er war, von ihm ge­liebt zu wer­den, und er warb um sei­ne Lie­be auf sei­ne Art,
eine lang­sa­me und in­ni­ge, hin­ge­bungs­vol­le, lei­den­de und weh­mü­ti­ge Art, aber von ei­ner Weh­mut, die tiefer und zeh­ren­der bren­nen kann
als alle jähe Lei­den­schaft­lich­keit, die man von sei­nem frem­den Äu­ße­ren hät­te er­war­ten kön­nen.
Und er warb nicht ganz ver­ge­bens, denn Hans, der üb­ri­gens eine ge­wis­se Über­le­gen­heit an ihm ach­te­te,
eine Ge­wandt­heit des Mun­des, die To­nio be­fä­hig­te, schwie­ri­ge Din­ge aus­zu­spre­chen,
be­griff ganz wohl, daß hier eine un­ge­wöhn­lich star­ke und zar­te Emp­fin­dung für ihn le­ben­dig sei,
er­wies sich dank­bar und be­rei­te­te ihm man­ches Glück durch sein Ent­ge­gen­kom­men
– aber auch man­che Pein der Ei­fer­sucht, der Ent­täu­schung und der ver­geb­li­chen Mühe, eine geis­ti­ge Ge­mein­schaft her­zu­stel­len.
Denn es war das Merk­wür­di­ge, daß To­nio, der Hans Han­sen doch um sei­ne Da­seins­art be­nei­de­te,
be­stän­dig trach­te­te, ihn zu sei­ner ei­ge­nen her­über­zu­zie­hen, was höchs­tens auf Au­gen­bli­cke und auch dann nur schein­bar ge­lin­gen konn­te…
»Ich habe jetzt et­was Wun­der­vol­les ge­le­sen, et­was Pracht­vol­les…«, sag­te er.
Sie gin­gen und aßen ge­mein­sam aus ei­ner Tüte Frucht­bon­bons, die sie beim Krä­mer Iwer­sen in der Müh­len­stra­ße für zehn Pfen­ni­ge er­stan­den hat­ten.
»Du mußt es le­sen, Hans, es ist näm­lich ›Don Car­los‹ von Schil­ler… Ich lei­he es dir, wenn du willst…«
»Ach nein«, sag­te Hans Han­sen, »das laß nur, To­nio, das paßt nicht für mich. Ich blei­be bei mei­nen Pfer­de­bü­chern, weißt du.
Fa­mo­se Ab­bil­dun­gen sind dar­in, sage ich dir. Wenn du mal bei mir bist, zei­ge ich sie dir.
Es sind Au­gen­blicks­pho­to­gra­phien, und man sieht die Gäu­le im Trab und im Ga­lopp und im Sprun­ge,
in al­len Stel­lun­gen, die man in Wirk­lich­keit gar nicht zu se­hen be­kommt, weil es zu schnell geht…«
»In al­len Stel­lun­gen?« frag­te To­nio höf­lich. »Ja, das ist fein. Was aber ›Don Car­los‹ be­trifft, so geht das über alle Be­grif­fe.
Es sind Stel­len dar­in, du sollst se­hen, die so schön sind, daß es ei­nem einen Ruck gibt, daß es gleich­sam knallt…«
»Knallt es?« frag­te Hans Han­sen… »Wie­so?«
»Da ist zum Bei­spiel die Stel­le, wo der Kö­nig ge­weint hat, weil er von dem Mar­quis be­tro­gen ist…
aber der Mar­quis hat ihn nur dem Prin­zen zu­lie­be be­tro­gen, ver­stehst du, für den er sich op­fert.
Und nun kommt aus dem Ka­bi­nett in das Vor­zim­mer die Nach­richt, daß der Kö­nig ge­weint hat.
›Ge­weint?‹ ›Der Kö­nig ge­weint?‹ Alle Hof­män­ner sind fürch­ter­lich be­tre­ten, und es geht ei­nem durch und durch, denn es ist ein schreck­lich star­rer und stren­ger Kö­nig.
Aber man be­greift es so gut, daß er ge­weint hat, und mir tut er ei­gent­lich mehr leid als der Prinz und der Mar­quis zu­sam­men­ge­nom­men.
Er ist im­mer so ganz al­lein und ohne Lie­be, und nun glaubt er einen Men­schen ge­fun­den zu ha­ben, und der ver­rät ihn…«
Hans Han­sen sah von der Sei­te in To­ni­os Ge­sicht, und ir­gend et­was in die­sem Ge­sicht muß­te ihn wohl dem Ge­gen­stan­de ge­win­nen,
denn er schob plötz­lich wie­der sei­nen Arm un­ter den To­ni­os und frag­te:
»Auf wel­che Wei­se ver­rät er ihn denn, To­nio?«
To­nio ge­riet in Be­we­gung.
»Ja, die Sa­che ist«, fing er an, »daß alle Brie­fe nach Bra­bant und Flan­dern…«
»Da kommt Er­win Jim­mer­thal«, sag­te Hans.
To­nio ver­stumm­te. Möch­te ihn doch, dach­te er, die Erde ver­schlin­gen, die­sen Jim­mer­thal! Warum muß er kom­men und uns stö­ren!
Wenn er nur nicht mit uns geht und den gan­zen Weg von der Reit­stun­de spricht… Denn Er­win Jim­mer­thal hat­te eben­falls Reit­stun­de.
Er war der Sohn des Bank­di­rek­tors und wohn­te hier drau­ßen vorm Tore.
Mit sei­nen krum­men Bei­nen und Schlitzau­gen kam er ih­nen, schon ohne Schul­map­pe, durch die Al­lee ent­ge­gen.
»Tag, Jim­mer­thal«, sag­te Hans. »Ich gehe ein biß­chen mit Krö­ger…«
»Ich muß zur Stadt«, sag­te Jim­mer­thal, »und et­was be­sor­gen.
Aber ich gehe noch ein Stück mit euch… Das sind wohl Frucht­bon­bons, die ihr da habt? Ja, dan­ke, ein paar esse ich.
Mor­gen ha­ben wir wie­der Stun­de, Hans.« – Es war die Reit­stun­de ge­meint.
»Fa­mos!« sag­te Hans. »Ich be­kom­me jetzt die le­der­nen Ga­ma­schen, du, weil ich neu­lich die Eins im Ex­er­zi­ti­um hat­te…«
»Du hast wohl kei­ne Reit­stun­de, Krö­ger?« frag­te Jim­mer­thal, und sei­ne Au­gen wa­ren nur ein Paar blan­ker Rit­zen…
»Nein«, ant­wor­te­te To­nio mit ganz un­ge­wis­ser Be­to­nung.
»Du soll­test«, be­merk­te Hans Han­sen, »dei­nen Va­ter bit­ten, daß du auch Stun­de be­kommst, Krö­ger.«
»Ja…«, sag­te To­nio zu­gleich has­tig und gleich­gül­tig.
Einen Au­gen­blick schnür­te sich ihm die Keh­le zu­sam­men, weil Hans ihn mit Nach­na­men an­ge­re­det hat­te;
und Hans schi­en dies zu füh­len, denn er sag­te er­läu­ternd:
»Ich nen­ne dich Krö­ger, weil dein Vor­na­me so ver­rückt ist, du, ent­schul­di­ge, aber ich mag ihn nicht lei­den, To­nio… Das ist doch über­haupt kein Name.
Üb­ri­gens kannst du ja nichts da­für, be­wah­re!«
»Nein, du heißt wohl haupt­säch­lich so, weil es so aus­län­disch klingt und et­was Be­son­de­res ist…«,
sag­te Jim­mer­thal und tat, als ob er zum Gu­ten re­den woll­te.
To­ni­os Mund zuck­te. Er nahm sich zu­sam­men und sag­te:
»Ja, es ist ein al­ber­ner Name, ich möch­te, weiß Gott, lie­ber Hein­rich oder Wil­helm hei­ßen, das könnt ihr mir glau­ben.
Aber es kommt da­her, daß ein Bru­der mei­ner Mut­ter, nach dem ich ge­tauft wor­den bin, An­to­nio heißt; denn mei­ne Mut­ter ist doch von drü­ben…«
Dann schwieg er und ließ die bei­den von Pfer­den und Le­der­zeug spre­chen.
Hans hat­te Jim­mer­thal un­ter­ge­faßt und re­de­te mit ei­ner ge­läu­fi­gen Teil­nah­me, die für ›Don Car­los‹ nie­mals in ihm zu er­we­cken ge­we­sen wäre…
Von Zeit zu Zeit fühl­te To­nio, wie der Drang zu wei­nen ihm pri­ckelnd in die Nase stieg;
auch hat­te er Mühe, sein Kinn in der Ge­walt zu be­hal­ten, das be­stän­dig ins Zit­tern ge­riet…
Hans moch­te sei­nen Na­men nicht lei­den, – was war da­bei zu tun?
Er selbst hieß Hans, und Jim­mer­thal hieß Er­win, gut, das wa­ren all­ge­mein an­er­kann­te Na­men, die nie­mand be­frem­de­ten.
Aber ›To­nio‹ war et­was Aus­län­di­sches und Be­son­de­res.
Ja, es war in al­len Stücken et­was Be­son­de­res mit ihm, ob er woll­te oder nicht,
und er war al­lein und aus­ge­schlos­sen von den Or­dent­li­chen und Ge­wöhn­li­chen,
ob­gleich er doch kein Zi­geu­ner im grü­nen Wa­gen war, son­dern ein Sohn Kon­sul Krö­gers, aus der Fa­mi­lie der Krö­ger…
Aber warum nann­te Hans ihn To­nio, so­lan­ge sie al­lein wa­ren, wenn er, kam ein drit­ter hin­zu, an­fing, sich sei­ner zu schä­men?
Zu­wei­len war er ihm nahe und ge­won­nen, ja. Auf wel­che Wei­se ver­rät er ihn denn, To­nio? hat­te er ge­fragt und ihn un­ter­ge­faßt.
Aber als dann Jim­mer­thal ge­kom­men war, hat­te er den­noch er­leich­tert auf­ge­at­met,
hat­te ihn ver­las­sen und ihm ohne Not sei­nen frem­den Ruf­na­men vor­ge­wor­fen. Wie weh es tat, dies al­les durch­schau­en zu müs­sen!…
Hans Han­sen hat­te ihn im Grun­de ein we­nig gern, wenn sie un­ter sich wa­ren, er wuß­te es.
Aber kam ein drit­ter, so schäm­te er sich des­sen und op­fer­te ihn auf.
Und er war wie­der al­lein. Er dach­te an Kö­nig Phil­ipp. Der Kö­nig hat ge­weint…
»Gott be­wah­re«, sag­te Er­win Jim­mer­thal, »nun muß ich aber wirk­lich zur Stadt! Adieu, ihr, und Dank für die Frucht­bon­bons!«
Dar­auf sprang er auf eine Bank, die am Wege stand, lief mit sei­nen krum­men Bei­nen dar­auf ent­lang und trab­te da­von.
»Jim­mer­thal mag ich lei­den!« sag­te Hans mit Nach­druck. Er hat­te eine ver­wöhn­te und selbst­be­wuß­te Art, sei­ne Sym­pa­thi­en und Ab­nei­gun­gen kund­zu­ge­ben, sie gleich­sam gnä­digst zu ver­tei­len…
Und dann fuhr er fort, von der Reit­stun­de zu spre­chen, weil er ein­mal im Zuge war.
Es war auch nicht mehr so weit bis zum Han­sen­schen Wohn­hau­se; der Weg über die Wäl­le nahm nicht so viel Zeit in An­spruch.
Sie hiel­ten ihre Müt­zen fest und beug­ten die Köp­fe vor dem star­ken, feuch­ten Wind, der in dem kah­len Ge­äst der Bäu­me knarr­te und stöhn­te.
Und Hans Han­sen sprach, wäh­rend To­nio nur dann und wann ein künst­li­ches Ach und Jaja ein­flie­ßen ließ, ohne Freu­de dar­über,
daß Hans ihn im Ei­fer der Rede wie­der un­ter­ge­faßt hat­te, denn das war nur eine schein­ba­re An­nä­he­rung, ohne Be­deu­tung.
Dann ver­lie­ßen sie die Wallan­la­gen un­fern des Bahn­ho­fes, sa­hen einen Zug mit plum­per Eil­fer­tig­keit vor­über­puf­fen,
zähl­ten zum Zeit­ver­treib die Wa­gen und wink­ten dem Man­ne zu, der in sei­nen Pelz ver­mummt zu­höchst auf dem al­ler­letz­ten saß.
Und am Lin­den­plat­ze, vor Groß­händ­ler Han­sens Vil­la, blie­ben sie ste­hen, und Hans zeig­te aus­führ­lich,
wie amüsant es sei, sich un­ten auf die Gar­ten­pfor­te zu stel­len und sich in den An­geln hin und her zu schlen­kern, daß es nur so kreisch­te. Aber hier­auf ver­ab­schie­de­te er sich.
»Ja, nun muß ich hin­ein«, sag­te er. »Adieu, To­nio. Das nächs­te Mal be­glei­te ich dich nach Hau­se, sei si­cher.«
»Adieu, Hans«, sag­te To­nio, »es war nett, spa­zie­ren­zu­ge­hen.«
Ihre Hän­de, die sich drück­ten, wa­ren ganz naß und ros­tig von der Gar­ten­pfor­te.
Als aber Hans in To­ni­os Au­gen sah, ent­stand et­was wie reui­ges Be­sin­nen in sei­nem hüb­schen Ge­sicht.
»Üb­ri­gens wer­de ich nächs­tens ›Don Car­los‹ le­sen!« sag­te er rasch.
»Das mit dem Kö­nig im Ka­bi­nett muß fa­mos sein!« Dann nahm er sei­ne Map­pe un­ter den Arm und lief durch den Vor­gar­ten.
Be­vor er im Hau­se ver­schwand, nick­te er noch ein­mal zu­rück.
Und To­nio Krö­ger ging ganz ver­klärt und be­schwingt von dan­nen.
Der Wind trug ihn von hin­ten, aber es war nicht dar­um al­lein, daß er so leicht von der Stel­le kam.
Hans wür­de ›Don Car­los‹ le­sen, und dann wür­den sie et­was mit­ein­an­der ha­ben,
wor­über we­der Jim­mer­thal noch ir­gend­ein an­de­rer mit­re­den konn­te!
Wie gut sie ein­an­der ver­stan­den! Wer wuß­te, – viel­leicht brach­te er ihn noch dazu, eben­falls Ver­se zu schrei­ben?…
Nein, nein, das woll­te er nicht! Hans soll­te nicht wer­den wie To­nio, son­dern blei­ben, wie er war, so hell und stark, wie alle ihn lieb­ten und To­nio am meis­ten!
Aber daß er ›Don Car­los‹ las, wür­de trotz­dem nicht scha­den…
Und To­nio ging durch das alte, un­ter­setz­te Tor, ging am Ha­fen ent­lang
und die stei­le, zu­gi­ge und nas­se Gie­bel­gas­se hin­auf zum Haus sei­ner El­tern.
Da­mals leb­te sein Herz; Sehn­sucht war dar­in und schwer­mü­ti­ger Neid und ein klein we­nig Ver­ach­tung und eine gan­ze keu­sche Se­lig­keit.

Thomas Mann
Tonio Kröger
Bilingual Edition
Translated by Bayard Quincy Morgan

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