E. T. A.

Hoffmann

Der Sandmann

The Sandman

Translated by John Oxenford
Alignment and Amendments © Doppeltext 2012

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DER SANDMANN

COLOPHON

Na­tha­na­el an Lo­thar
Ge­wiß seid Ihr alle voll Un­ru­he, daß ich so lan­ge – lan­ge nicht ge­schrie­ben.
Mut­ter zürnt wohl, und Kla­ra mag glau­ben, ich lebe hier in Saus und Braus
und ver­ges­se mein hol­des En­gels­bild, so tief mir in Herz und Sinn ein­ge­prägt, ganz und gar.
– Dem ist aber nicht so; täg­lich und stünd­lich ge­den­ke ich Eu­rer al­ler, und in sü­ßen Träu­men geht mei­nes hol­den Klär­chens freund­li­che Ge­stalt vor­über
und lä­chelt mich mit ih­ren hel­len Au­gen so an­mu­tig an, wie sie wohl pfleg­te, wenn ich zu Euch hin­ein­trat.
– Ach, wie ver­moch­te ich denn Euch zu schrei­ben in der zer­ris­se­nen Stim­mung des Geis­tes, die mir bis­her alle Ge­dan­ken ver­stör­te! – Et­was Ent­setz­li­ches ist in mein Le­ben ge­tre­ten!
– Dunkle Ah­nun­gen ei­nes gräß­li­chen mir dro­hen­den Ge­schicks brei­ten sich wie schwar­ze Wol­ken­schat­ten über mich aus, un­durch­dring­lich je­dem freund­li­chen Son­nen­strahl.
– Nun soll ich Dir sa­gen, was mir wi­der­fuhr. Ich muß es, das sehe ich ein, aber nur es den­kend, lacht es wie toll aus mir her­aus.
– Ach, mein herz­lie­ber Lo­thar, wie fan­ge ich es denn an, Dich nur ei­ni­ger­ma­ßen emp­fin­den zu las­sen,
daß das, was mir vor ei­ni­gen Ta­gen ge­sch­ah, denn wirk­lich mein Le­ben so feind­lich zer­stö­ren konn­te!
Wärst Du nur hier, so könn­test Du selbst schau­en; aber jetzt hältst Du mich ge­wiß für einen aber­wit­zi­gen Geis­ter­se­her.
– Kurz und gut, das Ent­setz­li­che, was mir ge­sch­ah, des­sen töd­li­chen Ein­druck zu ver­mei­den ich mich ver­ge­bens be­mü­he,
be­steht in nichts an­derm, als daß vor ei­ni­gen Ta­gen, näm­lich am 30. Ok­to­ber, mit­tags um 12 Uhr,
ein Wet­ter­glas­händ­ler in mei­ne Stu­be trat und mir sei­ne Ware an­bot.
Ich kauf­te nichts und droh­te, ihn die Trep­pe her­ab­zu­wer­fen, wor­auf er aber von selbst fort­ging. –
Du ah­nest, daß nur ganz eig­ne, tief in mein Le­ben ein­grei­fen­de Be­zie­hun­gen die­sem Vor­fall Be­deu­tung ge­ben kön­nen,
ja, daß wohl die Per­son je­nes un­glück­se­li­gen Krä­mers gar feind­lich auf mich wir­ken muß. So ist es in der Tat.
Mit al­ler Kraft fas­se ich mich zu­sam­men, um ru­hig und ge­dul­dig Dir aus mei­ner frü­hern Ju­gend­zeit so viel zu er­zäh­len,
daß Dei­nem re­gen Sinn al­les klar und deut­lich in leuch­ten­den Bil­dern auf­ge­hen wird.
In­dem ich an­fan­gen will, höre ich Dich la­chen und Kla­ra sa­gen: »Das sind ja rech­te Kin­de­rei­en!«
– Lacht, ich bit­te Euch, lacht mich recht herz­lich aus! – ich bitt’ Euch sehr!
– Aber Gott im Him­mel! die Haa­re sträu­ben sich mir, und es ist, als fle­he ich Euch an, mich aus­zu­la­chen,
in wahn­sin­ni­ger Ver­zweif­lung, wie Franz Moor den Da­niel. – Nun fort zur Sa­che! –
Au­ßer dem Mit­tag­ses­sen sa­hen wir, ich und mein Ge­schwis­ter, tag­über den Va­ter we­nig. Er moch­te mit sei­nem Dienst viel be­schäf­tigt sein.
Nach dem Abendes­sen, das al­ter Sit­te ge­mäß schon um sie­ben Uhr auf­ge­tra­gen wur­de,
gin­gen wir alle, die Mut­ter mit uns, in des Va­ters Ar­beits­zim­mer und setz­ten uns um einen run­den Tisch.
Der Va­ter rauch­te Ta­bak und trank ein großes Glas Bier dazu.
Oft er­zähl­te er uns vie­le wun­der­ba­re Ge­schich­ten und ge­riet dar­über so in Ei­fer, daß ihm die Pfei­fe im­mer aus­ging,
die ich, ihm bren­nend Pa­pier hin­hal­tend, wie­der an­zün­den muß­te, wel­ches mir denn ein Haupt­spaß war.
Oft gab er uns aber Bil­der­bü­cher in die Hän­de, saß stumm und starr in sei­nem Lehn­stuhl
und blies star­ke Dampf­wol­ken von sich, daß wir alle wie im Ne­bel schwam­men.
An sol­chen Aben­den war die Mut­ter sehr trau­rig, und kaum schlug die Uhr neun, so sprach sie:
»Nun Kin­der! – zu Bet­te! zu Bet­te! der Sand­mann kommt, ich merk’ es schon.«
Wirk­lich hör­te ich dann je­des­mal et­was schwe­ren, lang­sa­men Tritts die Trep­pe her­auf­pol­tern; das muß­te der Sand­mann sein.
Ein­mal war mir je­nes dump­fe Tre­ten und Pol­tern be­son­ders grau­lich; ich frug die Mut­ter, in­dem sie uns fort­führ­te:
»Ei, Mama! wer ist denn der böse Sand­mann, der uns im­mer von Papa fort­treibt? – wie sieht er denn aus?«
»Es gibt kei­nen Sand­mann, mein lie­bes Kind«; er­wi­der­te die Mut­ter, »wenn ich sage, der Sand­mann kommt, so will das nur hei­ßen,
ihr seid schläf­rig und könnt die Au­gen nicht of­fen be­hal­ten, als hät­te man euch Sand hin­ein­ge­streut.«
– Der Mut­ter Ant­wort be­frie­dig­te mich nicht, ja in mei­nem kin­di­schen Ge­müt ent­fal­te­te sich deut­lich der Ge­dan­ke,
daß die Mut­ter den Sand­mann nur ver­leug­ne, da­mit wir uns vor ihm nicht fürch­ten soll­ten, ich hör­te ihn ja im­mer die Trep­pe her­auf­kom­men.
Voll Neu­gier­de, Nä­he­res von die­sem Sand­mann und sei­ner Be­zie­hung auf uns Kin­der zu er­fah­ren,
frug ich end­lich die alte Frau, die mei­ne jüngs­te Schwes­ter war­te­te, was denn das für ein Mann sei, der Sand­mann.
»Ei Tha­nel­chen,« er­wi­der­te die­se, »weißt du das noch nicht? Das ist ein bö­ser Mann, der kommt zu den Kin­dern, wenn sie nicht zu Bett ge­hen wol­len,
und wirft ih­nen Hän­de voll Sand in die Au­gen, daß sie blu­tig zum Kopf her­aus­sprin­gen,
die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halb­mond zur At­zung für sei­ne Kin­der­chen;
die sit­zen dort im Nest und ha­ben krum­me Schnä­bel, wie die Eu­len, da­mit pi­cken sie der un­ar­ti­gen Men­schen­kind­lein Au­gen auf.«
– Gräß­lich mal­te sich nun im In­nern mir das Bild des grau­sa­men Sand­manns aus;
so­wie es abends die Trep­pe her­auf­pol­ter­te, zit­ter­te ich vor Angst und Ent­set­zen.
Nichts als den un­ter Trä­nen her­ge­stot­ter­ten Ruf: »Der Sand­mann! der Sand­mann!« konn­te die Mut­ter aus mir her­aus­brin­gen.

E. T. A. Hoffmann
Der Sandmann / The Sandman
Bilingual Edition
Translated by John Oxenford

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