Ludwig

Tieck

Der blonde Eckbert

Fair Eckbert

Translated by Paul B. Thomas
Alignment and Amendments © Doppeltext 2012

TITLE PAGE

DER BLONDE ECKBERT

COLOPHON

In ei­ner Ge­gend des Har­zes wohn­te ein Rit­ter, den man ge­wöhn­lich nur den blon­den Eck­bert nann­te.
Er war ohn­ge­fähr vier­zig Jahr alt, kaum von mitt­ler Grö­ße, und kur­ze hell­blon­de Haa­re la­gen schlicht und dicht an sei­nem blas­sen ein­ge­fal­le­nen Ge­sich­te.
Er leb­te sehr ru­hig für sich und war nie­mals in den Feh­den sei­ner Nach­barn ver­wi­ckelt,
auch sah man ihn nur sel­ten au­ßer­halb den Ring­mau­ern sei­nes klei­nen Schlos­ses.
Sein Weib lieb­te die Ein­sam­keit eben­so­sehr, und bei­de schie­nen sich von Her­zen zu lie­ben,
nur klag­ten sie ge­wöhn­lich dar­über, daß der Him­mel ihre Ehe mit kei­nen Kin­dern seg­nen wol­le.
Nur sel­ten wur­de Eck­bert von Gäs­ten be­sucht, und wenn es auch ge­sch­ah,
so wur­de ih­ret­we­gen fast nichts in dem ge­wöhn­li­chen Gan­ge des Le­bens ge­än­dert,
die Mä­ßig­keit wohn­te dort, und die Spar­sam­keit selbst schi­en al­les an­zu­ord­nen.
Eck­bert war als­dann hei­ter und auf­ge­räumt, nur wenn er al­lein war, be­merk­te man an ihm eine ge­wis­se Ver­schlos­sen­heit, eine stil­le zu­rück­hal­ten­de Me­lan­cho­lie.
Nie­mand kam so häu­fig auf die Burg als Phil­ipp Walt­her, ein Mann, dem sich Eck­bert an­ge­schlos­sen hat­te,
weil er an die­sem ohn­ge­fähr die­sel­be Art zu den­ken fand, der auch er am meis­ten zu­ge­tan war.
Die­ser wohn­te ei­gent­lich in Fran­ken, hielt sich aber oft über ein hal­b­es Jahr in der Nähe von Eck­berts Burg auf,
sam­mel­te Kräu­ter und Stei­ne, und be­schäf­tig­te sich da­mit, sie in Ord­nung zu brin­gen,
er leb­te von ei­nem klei­nen Ver­mö­gen und war von nie­mand ab­hän­gig.
Eck­bert be­glei­te­te ihn oft auf sei­nen ein­sa­men Spa­zier­gän­gen, und mit je­dem Jah­re ent­spann sich zwi­schen ih­nen eine in­ni­ge­re Freund­schaft.
Es gibt Stun­den, in de­nen es den Men­schen ängs­tigt, wenn er vor sei­nem Freun­de ein Ge­heim­nis ha­ben soll, was er bis da­hin oft mit vie­ler Sorg­falt ver­bor­gen hat,
die See­le fühlt dann einen un­wi­der­steh­li­chen Trieb, sich ganz mit­zu­tei­len,
dem Freun­de auch das In­ners­te auf­zu­schlie­ßen, da­mit er um so mehr un­ser Freund wer­de.
In die­sen Au­gen­bli­cken ge­ben sich die zar­ten See­len ein­an­der zu er­ken­nen,
und zu­wei­len ge­schieht es wohl auch, daß ei­ner vor der Be­kannt­schaft des an­dern zu­rück­schreckt.
Es war schon im Herbst, als Eck­bert an ei­nem neb­lich­ten Abend mit sei­nem Freun­de und sei­nem Wei­be Ber­t­ha um das Feu­er ei­nes Ka­mi­nes saß.
Die Flam­me warf einen hel­len Schein durch das Ge­mach und spiel­te oben an der De­cke,
die Nacht sah schwarz zu den Fens­tern her­ein, und die Bäu­me drau­ßen schüt­tel­ten sich vor nas­ser Käl­te.
Walt­her klag­te über den wei­ten Rück­weg, den er habe, und Eck­bert schlug ihm vor, bei ihm zu blei­ben,
die hal­be Nacht un­ter trau­li­chen Ge­sprä­chen hin­zu­brin­gen, und dann in ei­nem Ge­ma­che des Hau­ses bis am Mor­gen zu schla­fen.
Walt­her ging den Vor­schlag ein, und nun ward Wein und die Abend­mahl­zeit her­ein­ge­bracht,
das Feu­er durch Holz ver­mehrt, und das Ge­spräch der Freun­de heit­rer und ver­trau­li­cher.
Als das Abendes­sen ab­ge­tra­gen war, und sich die Knech­te wie­der ent­fernt hat­ten, nahm Eck­bert die Hand Walt­hers und sag­te:
»Freund, Ihr soll­tet Euch ein­mal von mei­ner Frau die Ge­schich­te ih­rer Ju­gend er­zäh­len las­sen, die selt­sam ge­nug ist.«
– »Gern«, sag­te Walt­her, und man setz­te sich wie­der um den Ka­min.
Es war jetzt ge­ra­de Mit­ter­nacht, der Mond sah ab­wech­selnd durch die vor­über­flat­tern­den Wol­ken.
»Ihr müßt mich nicht für zu­dring­lich hal­ten«, fing Ber­t­ha an, »mein Mann sagt, daß Ihr so edel denkt, daß es un­recht sei, Euch et­was zu ver­heh­len.
Nur hal­tet mei­ne Er­zäh­lung für kein Mär­chen, so son­der­bar sie auch klin­gen mag.

Ludwig Tieck
Der blonde Eckbert / Fair Eckbert
Bilingual Edition
Translated by Paul B. Thomas

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