Adelbert von

Chamisso

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

The Wonderful History of Peter Schlemihl

Translated by Sir John Bowring
Alignment and Amendments © Doppeltext 2012

TITLE PAGE

AN MEINEN ALTEN FREUND PETER SCHLEMIHL

AN JULIUS EDUARD HITZIG VON ADELBERT VON CHAMISSO

AN EBENDENSELBEN VON FOUQUÉ

AN FOUQUÉ VON HITZIG

PETER SCHLEMIHLS WUNDERSAME GESCHICHTE

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

AN ADELBERT VON CHAMISSO

COLOPHON

AN MEINEN ALTEN FREUND PETER SCHLEMIHL

Da fällt nun dei­ne Schrift nach vie­len Jah­ren
Mir wie­der in die Hand, und – wun­der­sam! –

Der Zeit ge­denk’ ich, wo wir Freun­de wa­ren,
Als erst die Welt uns in die Schu­le nahm.

Ich bin ein al­ter Mann in grau­en Haa­ren,
Ich über­win­de schon die falsche Scham,

Ich will mich dei­nen Freund wie eh’mals nen­nen
Und mich als sol­chen vor der Welt be­ken­nen.
Mein ar­mer, ar­mer Freund, es hat der Schlaue
Mir nicht, wie dir, so übel mit­ge­spielt;

Ge­stre­bet hab’ ich und ge­hofft ins Blaue,
Und gar am Ende we­nig nur er­zielt;

Doch schwer­lich wird be­rüh­men sich der Graue,
Daß er mich je­mals fest am Schat­ten hielt;

Den Schat­ten hab’ ich, der mir an­ge­bo­ren,
Ich habe mei­nen Schat­ten nie ver­lo­ren.
Mich traf, ob­gleich un­schul­dig wie das Kind,
Der Hohn, den sie für dei­ne Blö­ße hat­ten. –

Ob wir ein­an­der denn so ähn­lich sind?! –
Sie schri­en mir nach: Schle­mihl, wo ist dein Schat­ten?

Und zeigt’ ich den, so stell­ten sie sich blind
Und konn­ten gar zu la­chen nicht er­mat­ten.

Was hilft es denn! man trägt es in Ge­duld,
Und ist noch froh, fühlt man sich ohne Schuld.
Und was ist denn der Schat­ten? möcht’ ich fra­gen,
Wie man so oft mich sel­ber schon ge­fragt,

So über­schweng­lich hoch es an­zu­schla­gen,
Wie sich die arge Welt es nicht ver­sagt?

Das gibt sich schon nach neun­zehn­tau­send Ta­gen,
Die, Weis­heit brin­gend, über uns ge­tagt;

Die wir dem Schat­ten We­sen sonst ver­lie­hen,
Sehn We­sen jetzt als Schat­ten sich ver­zie­hen.
Wir ge­ben uns die Hand dar­auf, Schle­mihl,
Wir schrei­ten zu und las­sen es beim al­ten;

Wir küm­mern uns um alle Welt nicht viel,
Es de­sto fes­ter mit uns selbst zu hal­ten;

Wir glei­ten so schon nä­her un­serm Ziel,
Ob jene lach­ten, ob die an­dern schal­ten,

Nach al­len Stür­men wol­len wir im Ha­fen
Doch un­ge­stört ge­sun­den Schla­fes schla­fen.
Ber­lin, Au­gust 1834.
Adel­bert von Cha­mis­so

AN JULIUS EDUARD HITZIG VON ADELBERT VON CHAMISSO

Du ver­gis­sest nie­man­den, du wirst dich noch ei­nes ge­wis­sen Pe­ter Schle­mihls er­in­nern, den du in frü­he­ren Jah­ren ein paar­mal bei mir ge­se­hen hast,
ein lang­bei­ni­ger Bursch’, den man un­ge­schickt glaub­te, weil er lin­kisch war, und der we­gen sei­ner Träg­heit für faul galt.
Ich hat­te ihn lieb – du kannst nicht ver­ges­sen ha­ben, Eduard, wie er uns ein­mal in uns­rer grü­nen Zeit durch die So­net­te lief,
ich brach­te ihn mit auf einen der poe­ti­schen Tees, wo er mir noch wäh­rend des Schrei­bens ein­sch­lief, ohne das Le­sen ab­zu­war­ten.
Nun er­in­ne­re ich mich auch ei­nes Wit­zes, den du auf ihn mach­test.
Du hat­test ihn näm­lich schon, Gott weiß wo und wann, in ei­ner al­ten schwar­zen Kurt­ka ge­se­hen, die er frei­lich da­mals noch im­mer trug, und sag­test:
»Der gan­ze Kerl wäre glück­lich zu schät­zen, wenn sei­ne See­le nur halb so un­s­terb­lich wäre, als sei­ne Kurt­ka.« – So we­nig galt er bei euch.
– Ich hat­te ihn lieb. – Von die­sem Schle­mihl nun, den ich seit lan­gen Jah­ren aus dem Ge­sicht ver­lo­ren hat­te, rührt das Heft her, das ich dir mit­tei­len will.
– Dir nur, Eduard, mei­nem nächs­ten, in­nigs­ten Freun­de, mei­nem beß­ren Ich, vor dem ich kein Ge­heim­nis ver­wah­ren kann, teil’ ich es mit,
nur dir und, es ver­steht sich von selbst, un­serm Fou­qué, gleich dir in mei­ner See­le ein­ge­wur­zelt
– aber in ihm teil’ ich es bloß dem Freun­de mit, nicht dem Dich­ter.
– Ihr wer­det ein­se­hen, wie un­an­ge­nehm es mir sein wür­de, wenn etwa die Beich­te,
die ein ehr­li­cher Mann im Ver­trau­en auf mei­ne Freund­schaft und Red­lich­keit an mei­ner Brust ab­legt, in ei­nem Dich­ter­wer­ke an den Pran­ger ge­hef­tet wür­de,
oder nur wenn über­haupt un­hei­lig ver­fah­ren wür­de, wie mit ei­nem Er­zeug­nis schlech­ten Wit­zes, mit ei­ner Sa­che, die das nicht ist und sein darf.
Frei­lich muß ich selbst ge­ste­hen, daß es um die Ge­schich­te schad’ ist,
die un­ter des gu­ten Man­nes Fe­der nur al­bern ge­wor­den, daß sie nicht von ei­ner ge­schick­teren frem­den Hand in ih­rer gan­zen ko­mi­schen Kraft dar­ge­stellt wer­den kann.
– Was wür­de nicht Jean Paul dar­aus ge­macht ha­ben! – Üb­ri­gens, lie­ber Freund, mö­gen hier man­che ge­nannt sein, die noch le­ben; auch das will be­ach­tet sein. –
Noch ein Wort über die Art, wie die­se Blät­ter an mich ge­langt sind.
Ges­tern früh bei mei­nem Er­wa­chen gab man sie mir ab – ein wun­der­li­cher Mann, der einen lan­gen grau­en Bart trug,
eine ganz ab­ge­nütz­te schwar­ze Kurt­ka an­hat­te, eine bo­ta­ni­sche Kap­sel dar­über um­ge­han­gen,
und bei dem feuch­ten, reg­nich­ten Wet­ter Pan­tof­feln über sei­ne Stie­fel, hat­te sich nach mir er­kun­digt
und die­ses für mich hin­ter­las­sen; er hat­te aus Ber­lin zu kom­men vor­ge­ge­ben. –
Ku­ners­dorf, den 27. Sep­tem­ber 1813.
Adel­bert von Cha­mis­so.
P. S. Ich lege dir eine Zeich­nung bei, die der kunst­rei­che Leo­pold, der eben an sei­nem Fens­ter stand, von der auf­fal­len­den Er­schei­nung ent­wor­fen hat.
Als er den Wert, den ich auf die­se Skiz­ze leg­te, ge­se­hen hat, hat er sie mir ger­ne ge­schenkt.

AN EBENDENSELBEN VON FOUQUÉ

Be­wah­ren, lie­ber Eduard, sol­len wir die Ge­schich­te des ar­men Schle­mihl, der­ge­stalt be­wah­ren,
daß sie vor Au­gen, die nicht hin­ein­zu­se­hen ha­ben, be­schirmt blei­be.
Das ist eine schlim­me Auf­ga­be. Es gibt sol­cher Au­gen eine gan­ze Men­ge,
und wel­cher Sterb­li­che kann die Schick­sa­le ei­nes Ma­nu­skrip­tes be­stim­men, ei­nes Din­ges, das bei­nah noch schlim­mer zu hü­ten ist als ein ge­spro­che­nes Wort.
Da mach’ ich’s denn wie ein Schwin­deln­der, der in der Angst lie­ber gleich in den Ab­grund springt: ich las­se die gan­ze Ge­schich­te dru­cken.
Und doch, Eduard, es gibt erns­te­re und bes­se­re Grün­de für mein Be­neh­men.
Es trügt mich al­les oder in un­serm lie­ben Deutsch­land schla­gen der Her­zen viel, die den ar­men Schle­mihl zu ver­ste­hen fä­hig sind und auch wert,
und über manch ei­nes ech­ten Lands­man­nes Ge­sicht wird bei dem her­ben Scherz,
den das Le­ben mit ihm, und bei dem arg­lo­sen, den er mit sich selbst treibt, ein ge­rühr­tes Lä­cheln ziehn.
Und du, mein Eduard, wenn du das grund­ehr­li­che Buch an­siehst und da­bei denkst,
daß vie­le un­be­kann­te Her­zens­ver­wand­te es mit uns lie­ben ler­nen, fühlst auch viel­leicht einen Bal­sam­trop­fen in die hei­ße Wun­de fal­len,
die dir und al­len, die dich lie­ben, der Tod ge­schla­gen hat.
Und end­lich: es gibt – ich habe mich durch man­nig­fa­che Er­fah­rung da­von über­zeugt
– es gibt für die ge­druck­ten Bü­cher einen Ge­ni­us, der sie in die rech­ten Hän­de bringt und,
wenn nicht im­mer, doch sehr oft die un­rech­ten da­von ab­hält.
Auf al­len Fall hat er ein un­sicht­ba­res Vor­häng­schloß vor jed­we­dem ech­ten Geis­tes- und Ge­müts­wer­ke und weiß mit ei­ner ganz untrüg­li­chen Ge­schick­lich­keit auf- und zu­zu­schlie­ßen.
Die­sem Ge­ni­us, mein sehr lie­ber Schle­mihl, ver­traue ich dein Lä­cheln und dei­ne Trä­nen an, und so­mit Gott be­foh­len!
Nenn­hau­sen, Ende Mai 1814.
Fou­qué.

AN FOUQUÉ VON HITZIG

Da ha­ben wir denn nun die Fol­gen dei­nes ver­zwei­fel­ten Ent­schlus­ses, die Schle­mihls­his­to­rie,
die wir als ein bloß uns an­ver­trau­tes Ge­heim­nis be­wah­ren soll­ten, dru­cken zu las­sen, daß sie nicht al­lein Fran­zo­sen und Eng­län­der,
Hol­län­der und Spa­nier über­setzt, Ame­ri­ka­ner aber den Eng­län­dern nach­ge­druckt, wie ich dies al­les in mei­nem ge­lehr­ten Ber­lin des brei­te­ren ge­mel­det;
son­dern daß auch für un­ser lie­bes Deutsch­land eine neue Aus­ga­be, mit den Zeich­nun­gen der eng­li­schen,
die der be­rühm­te Cruiks­hank nach dem Le­ben ent­wor­fen, ver­an­stal­tet wird, wo­durch die Sa­che un­strei­tig noch viel mehr her­um­kommt.
Hiel­te ich dich nicht für dein ei­gen­mäch­ti­ges Ver­fah­ren (denn mir hast du 1814 ja kein Wort von der Her­aus­ga­be des Ma­nu­skripts ge­sagt) hin­läng­lich da­durch be­straft, daß un­ser Cha­mis­so
bei sei­ner Welt­um­se­ge­lei, in den Jah­ren 1815 bis 1818, sich ge­wiß in Chi­li und Kam­tschat­ka
und wohl gar bei sei­nem Freun­de, dem se­li­gen Ta­mei­a­maia auf O-Wahu, dar­über be­klagt ha­ben wird, so for­de­re ich noch jetzt öf­fent­lich Re­chen­schaft dar­über von dir.
In­des – auch hie­von ab­ge­sehn – ge­schehn ist ge­schehn und recht hast du auch dar­in ge­habt,
daß vie­le, vie­le Be­freun­de­te in den drei­zehn ver­häng­nis­vol­len Jah­ren, seit es das Licht der Welt er­blick­te, das Büch­lein mit uns lieb­ge­won­nen.
Nie wer­de ich die Stun­de ver­ges­sen, in der ich es Hoff­mann zu­erst vor­las.
Au­ßer sich vor Ver­gnü­gen und Span­nung, hing er an mei­nen Lip­pen, bis ich vollen­det hat­te;
nicht er­war­ten konn­te er, die per­sön­li­che Be­kannt­schaft des Dich­ters zu ma­chen
und, sonst je­der Nach­ah­mung so ab­hold, wi­der­stand er doch der Ver­su­chung nicht,
die Idee des ver­lor­nen Schat­tens in sei­ner Er­zäh­lung: Die Aben­teu­er der Sil­ves­ter­nacht, durch das ver­lor­ne Spie­gel­bild des Eras­mus Spik­her, ziem­lich un­glück­lich zu va­ri­ie­ren.
Ja – un­ter die Kin­der hat sich uns­re wun­der­sa­me His­to­rie ihre Bahn zu bre­chen ge­wußt;
denn als ich einst, an ei­nem hel­len Win­ter­abend, mit ih­rem Er­zäh­ler die Burg­stra­ße hin­auf­ging
und er einen über ihn la­chen­den, auf der Glitsch­bahn be­schäf­tig­ten Jun­gen un­ter sei­nen dir wohl­be­kann­ten Bä­ren­man­tel nahm und fort­schlepp­te, hielt die­ser ganz stil­le;
da er aber wie­der auf den Bo­den nie­der­ge­setzt war und in ge­hö­ri­ger Fer­ne von den, als ob nichts ge­sche­hen wäre, Wei­ter­ge­gan­ge­nen,
rief er mit lau­ter Stim­me sei­nem Räu­ber nach: »War­te nur, Pe­ter Schle­mihl!«
So, den­ke ich, wird der ehr­li­che Kauz auch in sei­nem neu­en, zier­li­chen Ge­wan­de vie­le er­freu­en, die ihn in der ein­fa­chen Kurt­ka von 1814 nicht ge­se­hen;
die­sen und je­nen aber es au­ßer­dem noch über­ra­schend sein, in dem bo­ta­ni­sie­ren­den, welt­um­schif­fen­den, ehe­mals wohl­be­stall­ten kö­nig­lich preu­ßi­schen Of­fi­zier,
auch His­to­rio­gra­phen des be­rühm­ten Pe­ter Schle­mihl, ne­ben­her einen Ly­ri­ker ken­nen zu ler­nen,
der, er möge ma­lai­ische oder li­taui­sche Wei­sen an­stim­men, über­all dar­tut, daß er das poe­ti­sche Herz auf der rech­ten Stel­le hat.
Dar­um, lie­ber Fou­qué, sei dir am Ende denn doch noch herz­lich ge­dankt für die Ver­an­stal­tung der ers­ten Aus­ga­be,
und emp­fan­ge mit un­sern Freun­den mei­nen Glück­wunsch zu die­ser zwei­ten.
Ber­lin, im Ja­nu­ar 1827.
Eduard Hit­zig.

PETER SCHLEMIHLS WUNDERSAME GESCHICHTE

I.

Nach ei­ner glück­li­chen, je­doch für mich sehr be­schwer­li­chen See­fahrt er­reich­ten wir end­lich den Ha­fen.
So­bald ich mit dem Boo­te ans Land kam, be­lud ich mich selbst mit mei­ner klei­nen Hab­se­lig­keit,
und durch das wim­meln­de Volk mich drän­gend, ging ich in das nächs­te, ge­rings­te Haus hin­ein, vor wel­chem ich ein Schild hän­gen sah.
Ich be­gehr­te ein Zim­mer, der Haus­knecht maß mich mit ei­nem Blick und führ­te mich un­ters Dach.
Ich ließ mir fri­sches Was­ser ge­ben und ge­nau be­schrei­ben, wo ich den Herrn Tho­mas John auf­zu­su­chen habe:
– »Vor dem Nor­der­tor, das ers­te Land­haus zur rech­ten Hand, ein großes, neu­es Haus, von rot und weißem Mar­mor mit vie­len Säu­len.«
Gut. – Es war noch früh an der Zeit, ich schnür­te so­gleich mein Bün­del auf, nahm mei­nen neu ge­wand­ten schwar­zen Rock her­aus,
zog mich rein­lich an in mei­ne bes­ten Klei­der, steck­te das Emp­feh­lungs­schrei­ben zu mir,
und setz­te mich als­bald auf den Weg zu dem Man­ne, der mir bei mei­nen be­schei­de­nen Hoff­nun­gen för­der­lich sein soll­te.
Nach­dem ich die lan­ge Nor­der­stra­ße hin­auf­ge­stie­gen und das Tor er­reicht, sah ich bald die Säu­len durch das Grü­ne schim­mern – also hier, dacht’ ich.
Ich wisch­te den Staub von mei­nen Fü­ßen mit mei­nem Schnupf­tuch ab, setz­te mein Hals­tuch in Ord­nung, und zog in Got­tes Na­men die Klin­gel.
Die Tür sprang auf. Auf dem Flur hatt’ ich ein Ver­hör zu be­stehn, der Por­tier ließ mich aber an­mel­den,
und ich hat­te die Ehre, in den Park ge­ru­fen zu wer­den, wo Herr John mit ei­ner klei­nen Ge­sell­schaft sich er­ging.
Ich er­kann­te gleich den Mann am Glanze sei­ner wohl­be­leib­ten Selbst­zu­frie­den­heit.
Er emp­fing mich sehr gut, wie ein Rei­cher einen ar­men Teu­fel, wand­te sich so­gar ge­gen mich,
ohne sich je­doch von der üb­ri­gen Ge­sell­schaft ab­zu­wen­den, und nahm mir den dar­ge­hal­te­nen Brief aus der Hand.
– »So, so! von mei­nem Bru­der, ich habe lan­ge nichts von ihm ge­hört.
Er ist doch ge­sund? – Dort,« fuhr er ge­gen die Ge­sell­schaft fort, ohne die Ant­wort zu er­war­ten,
und wies mit dem Brief auf einen Hü­gel, »dort las­se ich das neue Ge­bäu­de auf­füh­ren.«
Er brach das Sie­gel auf und das Ge­spräch nicht ab, das sich auf den Reich­tum lenk­te.
»Wer nicht Herr ist we­nigs­tens ei­ner Mil­li­on,« warf er hin­ein, »der ist, man ver­zei­he mir das Wort, ein Schuft!«
– »O wie wahr!« rief ich aus mit vol­lem über­strö­men­den Ge­fühl.
Das muß­te ihm ge­fal­len, er lä­chel­te mich an und sag­te:
»Blei­ben Sie hier, lie­ber Freund, nach­her hab’ ich viel­leicht Zeit, Ih­nen zu sa­gen, was ich hie­zu den­ke,«
er deu­te­te auf den Brief, den er so­dann ein­steck­te, und wand­te sich wie­der zu der Ge­sell­schaft.
– Er bot ei­ner jun­gen Dame den Arm, and­re Her­ren be­müh­ten sich um and­re Schö­nen,
es fand sich, was sich paß­te, und man wall­te dem ro­se­num­blüh­ten Hü­gel zu.
Ich schlich hin­ter­her, ohne je­man­dem be­schwer­lich zu fal­len, denn kei­ne See­le be­küm­mer­te sich wei­ter um mich.
Die Ge­sell­schaft war sehr auf­ge­räumt, es ward ge­tän­delt und ge­scherzt,
man sprach zu­wei­len von leicht­sin­ni­gen Din­gen wich­tig, von wich­ti­gen öf­ters leicht­sin­nig,
und ge­mäch­lich er­ging be­son­ders der Witz über ab­we­sen­de Freun­de und de­ren Ver­hält­nis­se.
Ich war da zu fremd, um von al­le­dem vie­les zu ver­ste­hen,
zu be­küm­mert und in mich ge­kehrt, um den Sinn auf sol­che Rät­sel zu ha­ben.
Wir hat­ten den Ro­sen­hain er­reicht. Die schö­ne Fan­ny, wie es schi­en die Her­rin des Ta­ges, woll­te aus Ei­gen­sinn einen blü­hen­den Zweig selbst bre­chen,
sie ver­letz­te sich an ei­nem Dorn, und wie von den dunklen Ro­sen, floß Pur­pur auf ihre zar­te Hand.
Die­ses Er­eig­nis brach­te die gan­ze Ge­sell­schaft in Be­we­gung. Es wur­de eng­lisch Pflas­ter ge­sucht.
Ein stil­ler, dün­ner, ha­ge­rer, läng­lich­ter, ält­li­cher Mann, der ne­ben mit­ging, und den ich noch nicht be­merkt hat­te,
steck­te so­gleich die Hand in die knapp an­lie­gen­de Schoß­ta­sche sei­nes alt­frän­ki­schen, grautaf­te­nen Rockes,
brach­te eine klei­ne Brief­ta­sche dar­aus her­vor, öff­ne­te sie und reich­te der Dame mit de­vo­ter Ver­beu­gung das Ver­lang­te.
Sie emp­fing es ohne Auf­merk­sam­keit für den Ge­ber und ohne Dank, die Wun­de ward ver­bun­den, und man ging wei­ter den Hü­gel hin­an,
von des­sen Rücken man die wei­te Aus­sicht über das grü­ne La­by­rinth des Par­kes nach dem un­er­meß­li­chen Ozean ge­nie­ßen woll­te.
Der An­blick war wirk­lich groß und herr­lich. Ein lich­ter Punkt er­schi­en am Ho­ri­zont zwi­schen der dunklen Flut und der Bläue des Him­mels.
»Ein Fern­rohr her!« rief John, und noch be­vor das auf den Ruf er­schei­nen­de Die­ner­volk in Be­we­gung kam,
hat­te der graue Mann, be­schei­den sich ver­nei­gend, die Hand schon in die Rock­ta­sche ge­steckt,
dar­aus einen schö­nen Dol­lond her­vor­ge­zo­gen und es dem Herrn John ein­ge­hän­digt.
Die­ser, es so­gleich an das Aug’ brin­gend, be­nach­rich­tig­te die Ge­sell­schaft,
es sei das Schiff, das ges­tern aus­ge­lau­fen, und das wid­ri­ge Win­de im An­ge­sicht des Ha­fens zu­rück­hiel­ten.
Das Fern­rohr ging von Hand zu Hand, und nicht wie­der in die des Ei­gen­tü­mers;
ich aber sah ver­wun­dert den Mann an, und wuß­te nicht, wie die große Ma­schi­ne aus der win­zi­gen Ta­sche her­aus­ge­kom­men war;
es schi­en aber nie­man­dem auf­ge­fal­len zu sein, und man be­küm­mer­te sich nicht mehr um den grau­en Mann, als um mich sel­ber.
Er­fri­schun­gen wur­den ge­reicht, das sel­tens­te Obst al­ler Zo­nen in den kost­bars­ten Ge­fäßen.
Herr John mach­te die Hon­neurs mit leich­tem An­stand und rich­te­te da zum zwei­ten­mal ein Wort an mich:
»Es­sen Sie nur; das ha­ben Sie auf der See nicht ge­habt.« Ich ver­beug­te mich, aber er sah es nicht, er sprach schon mit je­mand an­derm.
Man hät­te sich gern auf den Ra­sen, am Ab­hange des Hü­gels,
der aus­ge­spann­ten Land­schaft ge­gen­über ge­la­gert, hät­te man die Feuch­tig­keit der Erde nicht ge­scheut.
Es wäre gött­lich, mein­te wer aus der Ge­sell­schaft, wenn man tür­ki­sche Tep­pi­che hät­te, sie hier aus­zu­brei­ten.
Der Wunsch war nicht so­bald aus­ge­spro­chen, als schon der Mann im grau­en Rock die Hand in der Ta­sche hat­te,
und mit be­schei­de­ner, ja de­mü­ti­ger Ge­bär­de einen rei­chen, gold­durch­wirk­ten tür­ki­schen Tep­pich dar­aus zu zie­hen be­müht war.
Be­dien­te nah­men ihn in Emp­fang, als müs­se es so sein, und ent­fal­te­ten ihn am be­gehr­ten Orte. Die Ge­sell­schaft nahm ohne Um­stän­de Platz dar­auf;
ich wie­der­um sah be­trof­fen den Mann, die Ta­sche, den Tep­pich an, der über zwan­zig Schrit­te in der Län­ge und zehn in der Brei­te maß,
und rieb mir die Au­gen, nicht wis­send, was ich dazu den­ken soll­te, be­son­ders da nie­mand et­was Merk­wür­di­ges dar­in fand.
Ich hät­te gern Auf­schluß über den Mann ge­habt und ge­fragt, wer er sei, nur wußt’ ich nicht, an wen ich mich rich­ten soll­te,
denn ich fürch­te­te mich fast noch mehr vor den Her­ren Be­dien­ten, als vor den be­dien­ten Her­ren.
Ich faß­te end­lich ein Herz, und trat an einen jun­gen Mann her­an,
der mir von min­de­rem An­se­hen schi­en, als die an­dern, und der öf­ter al­lein ge­stan­den hat­te.
Ich bat ihn lei­se, mir zu sa­gen, wer der ge­fäl­li­ge Mann sei dort im grau­en Klei­de.
– »Die­ser, der wie ein Ende Zwirn aus­sieht, der ei­nem Schnei­der aus der Na­del ent­lau­fen ist?« – »Ja, der al­lein steht.«
– »Den kenn’ ich nicht,« gab er mir zur Ant­wort, und, wie es schi­en,
eine län­ge­re Un­ter­hal­tung mit mir zu ver­mei­den, wandt’ er sich weg und sprach von gleich­gül­ti­gen Din­gen mit ei­nem an­dern.
Die Son­ne fing jetzt stär­ker zu schei­nen an und ward den Da­men be­schwer­lich;
die schö­ne Fan­ny rich­te­te nach­läs­sig an den grau­en Mann, den, so­viel ich weiß, noch nie­mand an­ge­re­det hat­te,
die leicht­sin­ni­ge Fra­ge: ob er nicht auch viel­leicht ein Zelt bei sich habe?
Er be­ant­wor­te­te sie durch eine so tie­fe Ver­beu­gung, als wi­der­füh­re ihm eine un­ver­dien­te Ehre,
und hat­te schon die Hand in der Ta­sche, aus der ich Zeu­ge, Stan­gen, Schnü­re, Ei­sen­werk,
kurz al­les, was zu dem pracht­volls­ten Lust­zelt ge­hört, her­aus­kom­men sah.
Die jun­gen Her­ren hal­fen es aus­span­nen, und es über­hing die gan­ze Aus­deh­nung des Tep­pichs – und kei­ner fand noch et­was Au­ßer­or­dent­li­ches dar­in. –
Mir war schon lan­ge un­heim­lich, ja grau­lich zu­mu­te, wie ward mir vollends,
als beim nächst aus­ge­spro­che­nen Wunsch ich ihn noch aus sei­ner Ta­sche drei Reit­pfer­de,
ich sage dir, drei schö­ne, große Rap­pen mit Sat­tel und Zeug her­aus­zie­hen sah!
– den­ke dir, um Got­tes wil­len! drei ge­sat­tel­te Pfer­de noch aus der­sel­ben Ta­sche,
wor­aus schon eine Brief­ta­sche, ein Fern­rohr, ein ge­wirk­ter Tep­pich, zwan­zig Schrit­te lang und zehn breit,
ein Lust­zelt von der­sel­ben Grö­ße, und alle dazu ge­hö­ri­gen Stan­gen und Ei­sen her­aus­ge­kom­men wa­ren!
– Wenn ich dir nicht be­teu­er­te, es selbst mit eig­nen Au­gen an­ge­se­hen zu ha­ben, wür­dest du es ge­wiß nicht glau­ben. –
So ver­le­gen und de­mü­tig der Mann selbst zu sein schi­en, so we­nig Auf­merk­sam­keit ihm auch die an­dern schenk­ten,
so ward mir doch sei­ne blas­se Er­schei­nung, von der ich kein Auge ab­wen­den konn­te, so schau­er­lich, daß ich sie nicht län­ger er­tra­gen konn­te.
Ich be­schloß, mich aus der Ge­sell­schaft zu steh­len, was bei der un­be­deu­ten­den Rol­le, die ich dar­in­nen spiel­te, mir ein leich­tes schi­en.
Ich woll­te nach der Stadt zu­rück­keh­ren, am an­dern Mor­gen mein Glück beim Herrn John wie­der ver­su­chen und,
wenn ich den Mut dazu fän­de, ihn über den­sel­ben grau­en Mann be­fra­gen. – Wäre es mir nur so zu ent­kom­men ge­glückt!
Ich hat­te mich schon wirk­lich durch den Ro­sen­hain, den Hü­gel hin­ab, glück­lich ge­schli­chen, und be­fand mich auf ei­nem frei­en Ra­sen­platz,
als ich aus Furcht, au­ßer den We­gen durchs Gras ge­hend an­ge­trof­fen zu wer­den, einen for­schen­den Blick um mich warf.
– Wie er­schrak ich, als ich den Mann im grau­en Rock hin­ter mir her und auf mich zu kom­men sah.
Er nahm so­gleich den Hut vor mir ab, und ver­neig­te sich so tief, als noch nie­mand vor mir ge­tan hat­te.
Es war kein Zwei­fel, er woll­te mich an­re­den, und ich konn­te, ohne grob zu sein, es nicht ver­mei­den.
Ich nahm den Hut auch ab, ver­neig­te mich wie­der, und stand da in der Son­ne mit bloßem Haupt wie an­ge­wur­zelt.
Ich sah ihn vol­ler Furcht stier an und war wie ein Vo­gel, den eine Schlan­ge ge­bannt hat.
Er sel­ber schi­en sehr ver­le­gen zu sein; er hob den Blick nicht auf, ver­beug­te sich zu ver­schie­de­nen Ma­len,
trat nä­her und re­de­te mich an mit lei­ser, un­si­che­rer Stim­me, un­ge­fähr im Tone ei­nes Bet­teln­den.
»Möge der Herr mei­ne Zu­dring­lich­keit ent­schul­di­gen, wenn ich es wage, ihn so un­be­kann­ter­wei­se auf­zu­su­chen,
ich habe eine Bit­te an ihn. Ver­gön­nen Sie gnä­digst –«
– »Aber um Got­tes wil­len, mein Herr!« brach ich in mei­ner Angst aus,
»was kann ich für einen Mann tun, der –« wir stutz­ten bei­de, und wur­den, wie mir deucht, rot.
Er nahm nach ei­nem Au­gen­blick des Schwei­gens wie­der das Wort:
»Wäh­rend der kur­z­en Zeit, wo ich das Glück ge­noß, mich in Ih­rer Nähe zu be­fin­den,
hab’ ich, mein Herr, ei­ni­ge­mal – er­lau­ben Sie, daß ich es Ih­nen sage – wirk­lich mit un­aus­sprech­li­cher Be­wun­de­rung den schö­nen, schö­nen Schat­ten be­trach­ten kön­nen,
den Sie in der Son­ne, und gleich­sam mit ei­ner ge­wis­sen ed­len Ver­ach­tung, ohne selbst dar­auf zu mer­ken, von sich wer­fen, den herr­li­chen Schat­ten da zu Ih­ren Fü­ßen.
Ver­zei­hen Sie mir die frei­lich küh­ne Zu­mu­tung. Soll­ten Sie sich wohl nicht ab­ge­neigt fin­den, mir die­sen Ih­ren Schat­ten zu über­las­sen?«
Er schwieg und mir ging’s wie ein Mühl­rad im Kopfe her­um. Was sollt’ ich aus dem selt­sa­men An­trag ma­chen, mir mei­nen Schat­ten ab­zu­kau­fen?
er muß ver­rückt sein, dacht’ ich, und mit ver­än­der­tem Tone, der zu der De­mut des sei­ni­gen bes­ser paß­te, er­wi­der­te ich also:
»Ei, ei! gu­ter Freund, habt Ihr denn nicht an Eu­rem eig­nen Schat­ten ge­nug? das heiß’ ich mir einen Han­del von ei­ner ganz ab­son­der­li­chen Sor­te.«
Er fiel so­gleich wie­der ein: »Ich hab’ in mei­ner Ta­sche man­ches, was dem Herrn nicht ganz un­wert schei­nen möch­te;
für die­sen un­schätz­ba­ren Schat­ten halt’ ich den höchs­ten Preis zu ge­ring.«
Nun über­fiel es mich wie­der kalt, da ich an die Ta­sche er­in­nert ward, und ich wuß­te nicht, wie ich ihn hat­te gu­ter Freund nen­nen kön­nen.
Ich nahm wie­der das Wort und such­te es, wo mög­lich, mit un­end­li­cher Höf­lich­keit wie­der gut zu ma­chen.
»Aber, mein Herr, ver­zei­hen Sie Ih­rem un­ter­tä­nigs­ten Knecht. Ich ver­ste­he wohl Ihre Mei­nung nicht ganz gut, wie könnt’ ich nur mei­nen Schat­ten –« Er un­ter­brach mich:
»Ich er­bit­te mir nur Dero Er­laub­nis, hier auf der Stel­le die­sen ed­len Schat­ten auf­he­ben zu dür­fen und zu mir zu ste­cken; wie ich das ma­che, sei mei­ne Sor­ge.
Da­ge­gen als Be­weis mei­ner Er­kennt­lich­keit ge­gen den Herrn, über­las­se ich ihm die Wahl un­ter al­len Klein­odi­en,
die ich in der Ta­sche bei mir füh­re: die ech­te Spring­wur­zel, die Al­raun­wur­zel, Wech­sel­pfen­ni­ge, Raub­ta­ler,
das Tel­ler­tuch von Ro­lands Knap­pen, ein Gal­gen­männ­lein zu be­lie­bi­gem Preis;
doch, das wird wohl nichts für Sie sein: bes­ser, For­tu­na­ti Wünsch­hüt­lein, neu und halt­bar wie­der re­stau­riert:
auch ein Glücks­sä­ckel, wie der sei­ne ge­we­sen.«
– »For­tu­na­ti Glückss­e­ckel,« fiel ich ihm in die Rede, und wie groß mei­ne Angst auch war, hat­te er mit dem einen Wort mei­nen gan­zen Sinn ge­fan­gen.
Ich be­kam einen Schwin­del und es flim­mer­te mir wie dop­pel­te Du­ka­ten vor den Au­gen. –
»Be­lie­ben gnä­digst der Herr die­sen Sä­ckel zu be­sich­ti­gen und zu er­pro­ben.«
Er steck­te die Hand in die Ta­sche und zog einen mä­ßig großen, fest­ge­näh­ten Beu­tel,
von star­kem Kor­du­an­le­der, an zwei tüch­ti­gen le­der­nen Schnü­ren her­aus und hän­dig­te mir sel­bi­gen ein.
Ich griff hin­ein und zog zehn Gold­stücke dar­aus, und wie­der zehn, und wie­der zehn, und wie­der zehn;
ich hielt ihm schnell die Hand hin: »Topp! der Han­del gilt, für den Beu­tel ha­ben Sie mei­nen Schat­ten.«
Er schlug ein, knie­te dann un­ge­säumt vor mir nie­der,
und mit ei­ner be­wun­derns­wür­di­gen Ge­schick­lich­keit sah ich ihn mei­nen Schat­ten, vom Kopf bis zu mei­nen Fü­ßen, lei­se von dem Gra­se lö­sen,
auf­he­ben, zu­sam­men­rol­len und fal­ten, und zu­letzt ein­ste­cken.
Er stand auf, ver­beug­te sich noch ein­mal vor mir, und zog sich nach dem Ro­sen­ge­bü­sche zu­rück. Mich dünkt’, ich hör­te ihn da lei­se für sich la­chen.
Ich aber hielt den Beu­tel bei den Schnü­ren fest, rund um mich her war die Erde son­nen­hell, und in mir war noch kei­ne Be­sin­nung.

Adelbert von Chamisso
Peter Schlemihls wundersame Geschichte / The Wonderful History of Peter Schlemihl
Bilingual Edition
Translated by Sir John Bowring

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