Heinrich von

Kleist

Michael Kohlhaas

Aus einer alten Chronik

From an Old Chronicle

Translated by Frances H. King
Alignment and Amendments © Doppeltext 2012

TITLE PAGE

MICHAEL KOHLHAAS

COLOPHON

An den Ufern der Ha­vel leb­te, um die Mit­te des sech­zehn­ten Jahr­hun­derts,
ein Roß­händ­ler, na­mens Mi­cha­el Kohl­haas, Sohn ei­nes Schul­meis­ters,
ei­ner der recht­schaf­fens­ten zu­gleich und ent­setz­lichs­ten Men­schen sei­ner Zeit.
– Die­ser au­ßer­or­dent­li­che Mann wür­de, bis in sein drei­ßigs­tes Jahr für das Mus­ter ei­nes gu­ten Staats­bür­gers ha­ben gel­ten kön­nen.
Er be­saß in ei­nem Dor­fe, das noch von ihm den Na­men führt, einen Mei­er­hof, auf wel­chem er sich durch sein Ge­wer­be ru­hig er­nähr­te;
die Kin­der, die ihm sein Weib schenk­te, er­zog er, in der Furcht Got­tes, zur Ar­beit­sam­keit und Treue;
nicht ei­ner war un­ter sei­nen Nach­barn, der sich nicht sei­ner Wohl­tä­tig­keit, oder sei­ner Ge­rech­tig­keit er­freut hät­te;
kurz, die Welt wür­de sein An­den­ken ha­ben seg­nen müs­sen, wenn er in ei­ner Tu­gend nicht aus­ge­schweift hät­te. Das Recht­ge­fühl aber mach­te ihn zum Räu­ber und Mör­der.
Er ritt einst, mit ei­ner Kop­pel jun­ger Pfer­de, wohl­ge­nährt alle und glän­zend, ins Aus­land, und über­schlug eben,
wie er den Ge­winst, den er auf den Märk­ten da­mit zu ma­chen hoff­te, an­le­gen wol­le:
teils, nach Art gu­ter Wir­te, auf neu­en Ge­winst, teils aber auch auf den Ge­nuß der Ge­gen­wart:
als er an die Elbe kam, und bei ei­ner statt­li­chen Rit­ter­burg, auf säch­si­schem Ge­bie­te,
einen Schlag­baum traf, den er sonst auf die­sem Wege nicht ge­fun­den hat­te.
Er hielt, in ei­nem Au­gen­blick, da eben der Re­gen hef­tig stürm­te, mit den Pfer­den still, und rief den Schlag­wär­ter,
der auch bald dar­auf, mit ei­nem gräm­li­chen Ge­sicht, aus dem Fens­ter sah. Der Roß­händ­ler sag­te, daß er ihm öff­nen sol­le.
Was gibts hier Neu­es? frag­te er, da der Zöll­ner, nach ei­ner ge­rau­men Zeit, aus dem Hau­se trat.
Lan­des­herr­li­ches Pri­vi­le­gi­um, ant­wor­te­te die­ser, in­dem er auf­schloß: dem Jun­ker Wen­zel von Tron­ka ver­lie­hen.
– So, sag­te Kohl­haas. Wen­zel heißt der Jun­ker? und sah sich das Schloß an,
das mit glän­zen­den Zin­nen über das Feld blick­te. Ist der alte Herr tot?
– Am Schlag­fluß ge­stor­ben, er­wi­der­te der Zöll­ner, in­dem er den Baum in die Höhe ließ.
– Hm! Scha­de! ver­setz­te Kohl­haas. Ein wür­di­ger al­ter Herr,
der sei­ne Freu­de am Ver­kehr der Men­schen hat­te, Han­del und Wan­del, wo er nur ver­moch­te, forthalf,
und einen Stein­damm einst bau­en ließ, weil mir eine Stu­te, drau­ßen, wo der Weg ins Dorf geht, das Bein ge­bro­chen.
Nun! Was bin ich schul­dig? – frag­te er; und hol­te die Gro­schen, die der Zoll­wär­ter ver­lang­te, müh­se­lig un­ter dem im Win­de flat­tern­den Man­tel her­vor.
»Ja, Al­ter«, setz­te er noch hin­zu, da die­ser: hur­tig! hur­tig! mur­mel­te, und über die Wit­te­rung fluch­te:
»wenn der Baum im Wal­de ste­hen ge­blie­ben wäre, wärs bes­ser ge­we­sen, für mich und Euch«; und da­mit gab er ihm das Geld und woll­te rei­ten.
Er war aber noch kaum un­ter den Schlag­baum ge­kom­men, als eine neue Stim­me schon: halt dort, der Roß­kamm!
hin­ter ihm vom Turm er­scholl, und er den Burg­vogt ein Fens­ter zu­wer­fen und zu ihm her­a­bei­len sah.
Nun, was gibts Neu­es? frag­te Kohl­haas bei sich selbst, und hielt mit den Pfer­den an.
Der Burg­vogt, in­dem er sich noch eine Wes­te über sei­nen weit­läu­fi­gen Leib zu­knüpf­te, kam,
und frag­te, schief ge­gen die Wit­te­rung ge­stellt, nach dem Paß­schein.
– Kohl­haas frag­te: der Paß­schein? Er sag­te ein we­nig be­tre­ten, daß er, so­viel er wis­se, kei­nen habe;
daß man ihm aber nur be­schrei­ben möch­te, was dies für ein Ding des Herrn sei:
so wer­de er viel­leicht zu­fäl­li­ger­wei­se da­mit ver­se­hen sein.
Der Schloß­vogt, in­dem er ihn von der Sei­te an­sah, ver­setz­te, daß ohne einen lan­des­herr­li­chen Er­laub­nis­schein,
kein Roß­kamm mit Pfer­den über die Gren­ze ge­las­sen wür­de.
Der Roß­kamm ver­si­cher­te, daß er sieb­zehn Mal in sei­nem Le­ben, ohne einen sol­chen Schein, über die Gren­ze ge­zo­gen sei;
daß er alle lan­des­herr­li­chen Ver­fü­gun­gen, die sein Ge­wer­be an­gin­gen, ge­nau kenn­te;
daß dies wohl nur ein Irr­tum sein wür­de, we­gen des­sen er sich zu be­den­ken bit­te, und daß man ihn,
da sei­ne Ta­ge­rei­se lang sei, nicht län­ger un­nüt­zer Wei­se hier auf­hal­ten möge.
Doch der Vogt er­wi­der­te, daß er das acht­zehn­te Mal nicht durch­schlüp­fen wür­de,
daß die Ver­ord­nung des­halb erst neu­er­lich er­schie­nen wäre,
und daß er ent­we­der den Paß­schein noch hier lö­sen, oder zu­rück­keh­ren müs­se, wo er her­ge­kom­men sei.
Der Roß­händ­ler, den die­se un­ge­setz­li­chen Er­pres­sun­gen zu er­bit­tern an­fin­gen, stieg, nach ei­ner kur­z­en Be­sin­nung, vom Pfer­de,
gab es ei­nem Knecht, und sag­te, daß er den Jun­ker von Tron­ka selbst dar­über spre­chen wür­de.
Er ging auch auf die Burg; der Vogt folg­te ihm, in­dem er von fil­zi­gen Geldraf­fern und nütz­li­chen Ader­läs­sen der­sel­ben mur­mel­te;
und bei­de tra­ten, mit ih­ren Bli­cken ein­an­der mes­send, in den Saal.
Es traf sich, daß der Jun­ker eben, mit ei­ni­gen mun­tern Freun­den, beim Be­cher saß, und, um ei­nes Schwanks wil­len, ein un­end­li­ches Ge­läch­ter un­ter ih­nen er­scholl,
als Kohl­haas, um sei­ne Be­schwer­de an­zu­brin­gen, sich ihm nä­her­te.
Der Jun­ker frag­te, was er wol­le; die Rit­ter, als sie den frem­den Mann er­blick­ten, wur­den still;
doch kaum hat­te die­ser sein Ge­such, die Pfer­de be­tref­fend, an­ge­fan­gen, als der gan­ze Troß schon:
Pfer­de? Wo sind sie? aus­rief, und an die Fens­ter eil­te, um sie zu be­trach­ten.
Sie flo­gen, da sie die glän­zen­de Kop­pel sa­hen, auf den Vor­schlag des Jun­kers, in den Hof hin­ab;
der Re­gen hat­te auf­ge­hört; Schloß­vogt und Ver­wal­ter und Knech­te ver­sam­mel­ten sich um sie, und alle mus­ter­ten die Tie­re.
Der eine lob­te den Schweiß­fuchs mit der Bles­se, dem an­dern ge­fiel der Kas­ta­ni­en­brau­ne, der drit­te strei­chel­te den Sche­cken mit schwarz­gel­ben Fle­cken;
und alle mein­ten, daß die Pfer­de wie Hirsche wä­ren, und im Lan­de kei­ne bes­sern ge­zo­gen wür­den.
Kohl­haas er­wi­der­te mun­ter, daß die Pfer­de nicht bes­ser wä­ren, als die Rit­ter, die sie rei­ten soll­ten; und for­der­te sie auf, zu kau­fen.
Der Jun­ker, den der mäch­ti­ge Schweiß­hengst sehr reiz­te, be­frag­te ihn auch um den Preis;
der Ver­wal­ter lag ihm an, ein Paar Rap­pen zu kau­fen, die er, we­gen Pfer­de­man­gels, in der Wirt­schaft ge­brau­chen zu kön­nen glaub­te;
doch als der Roß­kamm sich er­klärt hat­te, fan­den die Rit­ter ihn zu teu­er, und der Jun­ker sag­te,
daß er nach der Ta­fel­run­de rei­ten und sich den Kö­nig Ar­thur auf­su­chen müs­se, wenn er die Pfer­de so an­schla­ge.
Kohl­haas, der den Schloß­vogt und den Ver­wal­ter, in­dem sie spre­chen­de Bli­cke auf die Rap­pen war­fen, mit ein­an­der flüs­tern sah,
ließ es, aus ei­ner dun­keln Vor­ahn­dung, an nichts feh­len, die Pfer­de an sie los zu wer­den.
Er sag­te zum Jun­ker: »Herr, die Rap­pen habe ich vor sechs Mo­na­ten für 25 Gold­gül­den ge­kauft; gebt mir 30, so sollt Ihr sie ha­ben.«
Zwei Rit­ter, die ne­ben dem Jun­ker stan­den, äu­ßer­ten nicht un­deut­lich, daß die Pfer­de wohl so viel wert wä­ren;
doch der Jun­ker mein­te, daß er für den Schweiß­fuchs wohl, aber nicht eben für die Rap­pen, Geld aus­ge­ben möch­te, und mach­te An­stal­ten, auf­zu­bre­chen;
wor­auf Kohl­haas sag­te, er wür­de viel­leicht das nächs­te Mal, wenn er wie­der mit sei­nen Gau­len durch­zö­ge, einen Han­del mit ihm ma­chen;
sich dem Jun­ker emp­fahl, und die Zü­gel sei­nes Pfer­des er­griff, um ab­zu­rei­sen.
In die­sem Au­gen­blick trat der Schloß­vogt aus dem Hau­fen vor, und sag­te, er höre, daß er ohne einen Paß­schein nicht rei­sen dür­fe.
Kohl­haas wand­te sich und frag­te den Jun­ker, ob es denn mit die­sem Um­stand, der sein gan­zes Ge­wer­be zer­stö­re, in der Tat sei­ne Rich­tig­keit habe?
Der Jun­ker ant­wor­te­te, mit ei­nem ver­leg­nen Ge­sicht, in­dem er ab­ging: ja, Kohl­haas, den Paß mußt du lö­sen.
Sprich mit dem Schloß­vogt, und zieh dei­ner Wege.
Kohl­haas ver­si­cher­te ihn, daß es gar nicht sei­ne Ab­sicht sei, die Ver­ord­nun­gen,
die we­gen Aus­füh­rung der Pfer­de be­ste­hen möch­ten, zu um­ge­hen;
ver­sprach, bei sei­nem Durch­zug durch Dres­den, den Paß in der Ge­heim­schrei­be­rei zu lö­sen,
und bat, ihn nur dies­mal, da er von die­ser For­de­rung durch­aus nichts ge­wußt, zie­hen zu las­sen.
Nun! sprach der Jun­ker, da eben das Wet­ter wie­der zu stür­men an­fing, und sei­ne dür­ren Glie­der durch­s­aus­te: laßt den Schlu­cker lau­fen.
Kommt! sag­te er zu den Rit­tern, kehr­te sich um, und woll­te nach dem Schlos­se ge­hen.
Der Schloß­vogt sag­te, zum Jun­ker ge­wandt, daß er we­nigs­tens ein Pfand, zur Si­cher­heit, daß er den Schein lö­sen wür­de, zu­rück­las­sen müs­se.
Der Jun­ker blieb wie­der un­ter dem Schloß­tor ste­hen.
Kohl­haas frag­te, wel­chen Wert er denn, an Geld oder an Sa­chen, zum Pfan­de, we­gen der Rap­pen, zu­rück­las­sen sol­le?
Der Ver­wal­ter mein­te, in den Bart mur­melnd, er kön­ne ja die Rap­pen selbst zu­rück­las­sen.
Al­ler­dings, sag­te der Schloß­vogt, das ist das Zweck­mä­ßigs­te; ist der Paß ge­löst, so kann er sie zu je­der Zeit wie­der ab­ho­len.
Kohl­haas, über eine so un­ver­schäm­te For­de­rung be­tre­ten, sag­te dem Jun­ker,
der sich die Wams­schö­ße frie­rend vor den Leib hielt, daß er die Rap­pen ja ver­kau­fen wol­le;
doch die­ser, da in dem­sel­ben Au­gen­blick ein Wind­stoß eine gan­ze Last von Re­gen und Ha­gel durchs Tor jag­te, rief, um der Sa­che ein Ende zu ma­chen:
wenn er die Pfer­de nicht los­las­sen will, so schmeißt ihn wie­der über den Schlag­baum zu­rück; und ging ab.
Der Roß­kamm, der wohl sah, daß er hier der Ge­walt­tä­tig­keit wei­chen muß­te, ent­schloß sich, die For­de­rung, weil doch nichts an­ders üb­rig blieb, zu er­fül­len;
spann­te die Rap­pen aus, und führ­te sie in einen Stall, den ihm der Schloß­vogt an­wies.
Er ließ einen Knecht bei ih­nen zu­rück, ver­sah ihn mit Geld, er­mahn­te ihn, die Pfer­de, bis zu sei­ner Zu­rück­kunft, wohl in acht zu neh­men,
und setz­te sei­ne Rei­se, mit dem Rest der Kop­pel, halb und halb un­ge­wiß,
ob nicht doch wohl, we­gen auf­kei­men­der Pfer­de­zucht, ein sol­ches Ge­bot, im Säch­si­schen, er­schie­nen sein kön­ne
nach Leip­zig, wo er auf die Mes­se woll­te, fort.

Heinrich von Kleist
Michael Kohlhaas
Bilingual Edition
Translated by Frances H. King

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