Franz

Kafka

Die Verwandlung

The Metamorphosis

Translated by Ian Johnston
Alignment and Amendments © Doppeltext 2012

TITLE PAGE

I

II

III

COLOPHON

I

Als Gre­gor Sam­sa ei­nes Mor­gens aus un­ru­hi­gen Träu­men er­wach­te,
fand er sich in sei­nem Bett zu ei­nem un­ge­heu­ren Un­ge­zie­fer ver­wan­delt.
Er lag auf sei­nem pan­zer­ar­tig har­ten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein we­nig hob, sei­nen ge­wölb­ten, brau­nen, von bo­gen­för­mi­gen Ver­stei­fun­gen ge­teil­ten Bauch,
auf des­sen Höhe sich die Bett­de­cke, zum gänz­li­chen Nie­der­glei­ten be­reit, kaum noch er­hal­ten konn­te.
Sei­ne vie­len, im Ver­gleich zu sei­nem sons­ti­gen Um­fang kläg­lich dün­nen Bei­ne flim­mer­ten ihm hilf­los vor den Au­gen.
»Was ist mit mir ge­sche­hen?« dach­te er. Es war kein Traum.
Sein Zim­mer, ein rich­ti­ges, nur et­was zu klei­nes Men­schen­zim­mer, lag ru­hig zwi­schen den vier wohl­be­kann­ten Wän­den.
Über dem Tisch, auf dem eine aus­ein­an­der­ge­pack­te Mus­ter­kol­lek­ti­on von Tuch­wa­ren aus­ge­brei­tet war – Sam­sa war Rei­sen­der –,
hing das Bild, das er vor kur­z­em aus ei­ner il­lus­trier­ten Zeit­schrift aus­ge­schnit­ten und in ei­nem hüb­schen, ver­gol­de­ten Rah­men un­ter­ge­bracht hat­te.
Es stell­te eine Dame dar, die, mit ei­nem Pelz­hut und ei­ner Pelz­boa ver­se­hen,
auf­recht da­saß und einen schwe­ren Pelz­muff, in dem ihr gan­zer Un­ter­arm ver­schwun­den war, dem Be­schau­er ent­ge­gen­hob.
Gre­gors Blick rich­te­te sich dann zum Fens­ter,
und das trü­be Wet­ter – man hör­te Re­gen­trop­fen auf das Fens­ter­blech auf­schla­gen – mach­te ihn ganz me­lan­cho­lisch.
»Wie wäre es, wenn ich noch ein we­nig weiter­schlie­fe und alle Narr­hei­ten ver­gä­ße,« dach­te er,
aber das war gänz­lich un­durch­führ­bar, denn er war ge­wöhnt, auf der rech­ten Sei­te zu schla­fen,
konn­te sich aber in sei­nem ge­gen­wär­ti­gen Zu­stand nicht in die­se Lage brin­gen.
Mit wel­cher Kraft er sich auch auf die rech­te Sei­te warf, im­mer wie­der schau­kel­te er in die Rücken­la­ge zu­rück.
Er ver­such­te es wohl hun­dert­mal, schloß die Au­gen, um die zap­peln­den Bei­ne nicht se­hen zu müs­sen,
und ließ erst ab, als er in der Sei­te einen noch nie ge­fühl­ten, leich­ten, dump­fen Schmerz zu füh­len be­gann.
»Ach Gott,« dach­te er, »was für einen an­stren­gen­den Be­ruf habe ich ge­wählt! Tag aus, Tag ein auf der Rei­se.
Die ge­schäft­li­chen Auf­re­gun­gen sind viel grö­ßer, als im ei­gent­li­chen Ge­schäft zu Hau­se,
und au­ßer­dem ist mir noch die­se Pla­ge des Rei­sens auf­er­legt, die Sor­gen um die Zug­an­schlüs­se,
das un­re­gel­mä­ßi­ge, schlech­te Es­sen, ein im­mer wech­seln­der, nie an­dau­ern­der, nie herz­lich wer­den­der mensch­li­cher Ver­kehr.
Der Teu­fel soll das al­les ho­len!« Er fühl­te ein leich­tes Ju­cken oben auf dem Bauch;
schob sich auf dem Rücken lang­sam nä­her zum Bett­pfos­ten, um den Kopf bes­ser he­ben zu kön­nen;
fand die ju­cken­de Stel­le, die mit lau­ter klei­nen wei­ßen Pünkt­chen be­setzt war, die er nicht zu be­ur­tei­len ver­stand;
und woll­te mit ei­nem Bein die Stel­le be­tas­ten, zog es aber gleich zu­rück, denn bei der Be­rüh­rung um­weh­ten ihn Käl­te­schau­er.
Er glitt wie­der in sei­ne frü­he­re Lage zu­rück. »Dies früh­zei­ti­ge Auf­ste­hen«, dach­te er, »macht einen ganz blöd­sin­nig.
Der Mensch muß sei­nen Schlaf ha­ben. An­de­re Rei­sen­de le­ben wie Ha­rems­frau­en.
Wenn ich zum Bei­spiel im Lau­fe des Vor­mit­tags ins Gast­haus zu­rück­ge­he, um die er­lang­ten Auf­trä­ge zu über­schrei­ben, sit­zen die­se Her­ren erst beim Früh­stück.
Das soll­te ich bei mei­nem Chef ver­su­chen; ich wür­de auf der Stel­le hin­aus­flie­gen. Wer weiß üb­ri­gens, ob das nicht sehr gut für mich wäre.
Wenn ich mich nicht we­gen mei­ner El­tern zu­rück­hiel­te, ich hät­te längst ge­kün­digt,
ich wäre vor den Chef hin­ge­tre­ten und hät­te ihm mei­ne Mei­nung von Grund des Her­zens aus ge­sagt.
Vom Pult hät­te er fal­len müs­sen! Es ist auch eine son­der­ba­re Art, sich auf das Pult zu set­zen und von der Höhe her­ab mit dem An­ge­stell­ten zu re­den,
der über­dies we­gen der Schwer­hö­rig­keit des Chefs ganz nahe her­an­tre­ten muß.
Nun, die Hoff­nung ist noch nicht gänz­lich auf­ge­ge­ben, habe ich ein­mal das Geld bei­sam­men, um die Schuld der El­tern an ihn ab­zu­zah­len
– es dürf­te noch fünf bis sechs Jah­re dau­ern –, ma­che ich die Sa­che un­be­dingt.
Dann wird der große Schnitt ge­macht. Vor­läu­fig al­ler­dings muß ich auf­ste­hen, denn mein Zug fährt um fünf.«
Und er sah zur Weck­uhr hin­über, die auf dem Kas­ten tick­te.
»Himm­li­scher Va­ter!« dach­te er, Es war halb sie­ben Uhr, und die Zei­ger gin­gen ru­hig vor­wärts,
es war so­gar halb vor­über, es nä­her­te sich schon drei­vier­tel.
Soll­te der We­cker nicht ge­läu­tet ha­ben? Man sah vom Bett aus, daß er auf vier Uhr rich­tig ein­ge­stellt war; ge­wiß hat­te er auch ge­läu­tet.
Ja, aber war es mög­lich, die­ses mö­bel­er­schüt­tern­de Läu­ten ru­hig zu ver­schla­fen?
Nun, ru­hig hat­te er ja nicht ge­schla­fen, aber wahr­schein­lich de­sto fes­ter.
Was aber soll­te er jetzt tun? Der nächs­te Zug ging um sie­ben Uhr;
um den ein­zu­ho­len, hät­te er sich un­sin­nig be­ei­len müs­sen, und die Kol­lek­ti­on war noch nicht ein­ge­packt,
und er selbst fühl­te sich durch­aus nicht be­son­ders frisch und be­weg­lich.
Und selbst wenn er den Zug ein­hol­te, ein Don­ner­wet­ter des Chefs war nicht zu ver­mei­den,
denn der Ge­schäfts­die­ner hat­te beim Fünf­uhr­zug ge­war­tet und die Mel­dung von sei­ner Ver­säum­nis längst er­stat­tet.
Es war eine Krea­tur des Chefs, ohne Rück­grat und Ver­stand. Wie nun, wenn er sich krank mel­de­te?
Das wäre aber äu­ßerst pein­lich und ver­däch­tig, denn Gre­gor war wäh­rend sei­nes fünf­jäh­ri­gen Diens­tes noch nicht ein­mal krank ge­we­sen.
Ge­wiß wür­de der Chef mit dem Kran­ken­kas­sen­arzt kom­men, wür­de den El­tern we­gen des fau­len Soh­nes Vor­wür­fe ma­chen
und alle Ein­wän­de durch den Hin­weis auf den Kran­ken­kas­sen­arzt ab­schnei­den,
für den es ja über­haupt nur ganz ge­sun­de, aber ar­beits­scheue Men­schen gibt.
Und hät­te er üb­ri­gens in die­sem Fal­le so ganz un­recht?
Gre­gor fühl­te sich tat­säch­lich, ab­ge­se­hen von ei­ner nach dem lan­gen Schlaf wirk­lich über­flüs­si­gen Schläf­rig­keit, ganz wohl und hat­te so­gar einen be­son­ders kräf­ti­gen Hun­ger.
Als er dies al­les in größ­ter Eile über­leg­te, ohne sich ent­schlie­ßen zu kön­nen, das Bett zu ver­las­sen
– ge­ra­de schlug der We­cker drei­vier­tel sie­ben – klopf­te es vor­sich­tig an die Tür am Kopf­en­de sei­nes Bet­tes.
»Gre­gor,« rief es – es war die Mut­ter –, »es ist drei­vier­tel sie­ben. Woll­test du nicht weg­fah­ren?« Die sanf­te Stim­me!
Gre­gor er­schrak, als er sei­ne ant­wor­ten­de Stim­me hör­te, die wohl un­ver­kenn­bar sei­ne frü­he­re war,
in die sich aber, wie von un­ten her, ein nicht zu un­ter­drücken­des, schmerz­li­ches Piep­sen misch­te,
das die Wor­te förm­lich nur im ers­ten Au­gen­blick in ih­rer Deut­lich­keit beließ,
um sie im Nach­klang der­art zu zer­stö­ren, daß man nicht wuß­te, ob man recht ge­hört hat­te.
Gre­gor hat­te aus­führ­lich ant­wor­ten und al­les er­klä­ren wol­len,
be­schränk­te sich aber bei die­sen Um­stän­den dar­auf, zu sa­gen: »Ja, ja, dan­ke, Mut­ter, ich ste­he schon auf.«
In­fol­ge der Holz­tür war die Ver­än­de­rung in Gre­gors Stim­me drau­ßen wohl nicht zu mer­ken,
denn die Mut­ter be­ru­hig­te sich mit die­ser Er­klä­rung und schlürf­te da­von.
Aber durch das klei­ne Ge­spräch wa­ren die an­de­ren Fa­mi­li­en­mit­glie­der dar­auf auf­merk­sam ge­wor­den,
daß Gre­gor wi­der Er­war­ten noch zu Hau­se war, und schon klopf­te an der einen Sei­ten­tür der Va­ter, schwach, aber mit der Faust.
»Gre­gor, Gre­gor,« rief er, »was ist denn?« Und nach ei­ner klei­nen Wei­le mahn­te er noch­mals mit tiefe­rer Stim­me: »Gre­gor! Gre­gor!«
An der an­de­ren Sei­ten­tür aber klag­te lei­se die Schwes­ter: »Gre­gor? Ist dir nicht wohl? Brauchst du et­was?«
Nach bei­den Sei­ten hin ant­wor­te­te Gre­gor: »Bin schon fer­tig,«
und be­müh­te sich, durch die sorg­fäl­tigs­te Aus­spra­che und durch Ein­schal­tung von lan­gen Pau­sen zwi­schen den ein­zel­nen Wor­ten sei­ner Stim­me al­les Auf­fal­len­de zu neh­men.
Der Va­ter kehr­te auch zu sei­nem Früh­stück zu­rück, die Schwes­ter aber flüs­ter­te: »Gre­gor, mach auf, ich be­schwö­re dich.«
Gre­gor aber dach­te gar nicht dar­an auf­zu­ma­chen, son­dern lob­te die vom Rei­sen her über­nom­me­ne Vor­sicht,
auch zu Hau­se alle Tü­ren wäh­rend der Nacht zu ver­sper­ren.
Zu­nächst woll­te er ru­hig und un­ge­stört auf­ste­hen, sich an­zie­hen und vor al­lem früh­stücken, und dann erst das Wei­te­re über­le­gen,
denn, das merk­te er wohl, im Bett wür­de er mit dem Nach­den­ken zu kei­nem ver­nünf­ti­gen Ende kom­men.
Er er­in­ner­te sich, schon öf­ters im Bett ir­gend­ei­nen viel­leicht durch un­ge­schick­tes Lie­gen er­zeug­ten,
leich­ten Schmerz emp­fun­den zu ha­ben, der sich dann beim Auf­ste­hen als rei­ne Ein­bil­dung her­aus­stell­te,
und er war ge­spannt, wie sich sei­ne heu­ti­gen Vor­stel­lun­gen all­mäh­lich auf­lö­sen wür­den.
Daß die Ver­än­de­rung der Stim­me nichts an­de­res war als der Vor­bo­te ei­ner tüch­ti­gen Ver­küh­lung,
ei­ner Be­rufs­krank­heit der Rei­sen­den, dar­an zwei­fel­te er nicht im ge­rings­ten.
Die De­cke ab­zu­wer­fen war ganz ein­fach; er brauch­te sich nur ein we­nig auf­zu­bla­sen und sie fiel von selbst.
Aber wei­ter­hin wur­de es schwie­rig, be­son­ders weil er so un­ge­mein breit war.
Er hät­te Arme und Hän­de ge­braucht, um sich auf­zu­rich­ten; statt des­sen aber hat­te er nur die vie­len Bein­chen,
die un­un­ter­bro­chen in der ver­schie­dens­ten Be­we­gung wa­ren und die er über­dies nicht be­herr­schen konn­te.
Woll­te er ei­nes ein­mal ein­kni­cken, so war es das ers­te, daß er sich streck­te;
und ge­lang es ihm end­lich, mit die­sem Bein das aus­zu­füh­ren, was er woll­te,
so ar­bei­te­ten in­zwi­schen alle an­de­ren, wie frei­ge­las­sen, in höchs­ter, schmerz­li­cher Auf­re­gung.
»Nur sich nicht im Bett un­nütz auf­hal­ten,« sag­te sich Gre­gor.
Zu­erst woll­te er mit dem un­te­ren Teil sei­nes Kör­pers aus dem Bett hin­aus­kom­men,
aber die­ser un­te­re Teil, den er üb­ri­gens noch nicht ge­se­hen hat­te
und von dem er sich auch kei­ne rech­te Vor­stel­lung ma­chen konn­te, er­wies sich als zu schwer be­weg­lich; es ging so lang­sam;
und als er schließ­lich, fast wild ge­wor­den, mit ge­sam­mel­ter Kraft, ohne Rück­sicht sich vor­wärts­s­tieß,
hat­te er die Rich­tung falsch ge­wählt, schlug an den un­te­ren Bett­pfos­ten hef­tig an,
und der bren­nen­de Schmerz, den er emp­fand, be­lehr­te ihn, daß ge­ra­de der un­te­re Teil sei­nes Kör­pers au­gen­blick­lich viel­leicht der emp­find­lichs­te war.
Er ver­such­te es da­her, zu­erst den Ober­kör­per aus dem Bett zu be­kom­men, und dreh­te vor­sich­tig den Kopf dem Bett­rand zu.
Dies ge­lang auch leicht, und trotz ih­rer Brei­te und Schwe­re folg­te schließ­lich die Kör­per­mas­se lang­sam der Wen­dung des Kopf­es.
Aber als er den Kopf end­lich au­ßer­halb des Bet­tes in der frei­en Luft hielt, be­kam er Angst, wei­ter auf die­se Wei­se vor­zu­rück­en,
denn wenn er sich schließ­lich so fal­len ließ, muß­te ge­ra­de­zu ein Wun­der ge­sche­hen wenn der Kopf nicht ver­letzt wer­den soll­te.
Und die Be­sin­nung durf­te er ge­ra­de jetzt um kei­nen Preis ver­lie­ren; lie­ber woll­te er im Bett blei­ben.
Aber als er wie­der nach glei­cher Mühe auf­seuf­zend so dalag wie frü­her,
und wie­der sei­ne Bein­chen wo­mög­lich noch är­ger ge­gen­ein­an­der kämp­fen sah
und kei­ne Mög­lich­keit fand, in die­se Will­kür Ruhe und Ord­nung zu brin­gen,
sag­te er sich wie­der, daß er un­mög­lich im Bett blei­ben kön­ne
und daß es das Ver­nünf­tigs­te sei, al­les zu op­fern, wenn auch nur die kleins­te Hoff­nung be­stün­de, sich da­durch vom Bett zu be­frei­en.
Gleich­zei­tig aber ver­gaß er nicht, sich zwi­schen­durch dar­an zu er­in­nern,
daß viel bes­ser als ver­zwei­fel­te Ent­schlüs­se ru­hi­ge und ru­higs­te Über­le­gung sei.
In sol­chen Au­gen­bli­cken rich­te­te er die Au­gen mög­lichst scharf auf das Fens­ter,
aber lei­der war aus dem An­blick des Mor­gen­ne­bels, der so­gar die an­de­re Sei­te der en­gen Stra­ße ver­hüll­te, we­nig Zu­ver­sicht und Mun­ter­keit zu ho­len.
»Schon sie­ben Uhr,« sag­te er sich beim neu­er­li­chen Schla­gen des Weckers, »schon sie­ben Uhr und noch im­mer ein sol­cher Ne­bel.«
Und ein Weil­chen lang lag er ru­hig mit schwa­chem Atem,
als er­war­te er viel­leicht von der völ­li­gen Stil­le die Wie­der­kehr der wirk­li­chen und selbst­ver­ständ­li­chen Ver­hält­nis­se.
Dann aber sag­te er sich: »Ehe es ein­vier­tel acht schlägt, muß ich un­be­dingt das Bett voll­stän­dig ver­las­sen ha­ben.
Im üb­ri­gen wird auch bis da­hin je­mand aus dem Ge­schäft kom­men, um nach mir zu fra­gen, denn das Ge­schäft wird vor sie­ben Uhr ge­öff­net.«
Und er mach­te sich nun dar­an, den Kör­per in sei­ner gan­zen Län­ge voll­stän­dig gleich­mä­ßig aus dem Bett hin­aus­zu­schau­keln.
Wenn er sich auf die­se Wei­se aus dem Bett fal­len ließ, blieb der Kopf, den er beim Fall scharf he­ben woll­te, vor­aus­sicht­lich un­ver­letzt.
Der Rücken schi­en hart zu sein; dem wür­de wohl bei dem Fall auf den Tep­pich nichts ge­sche­hen.
Das größ­te Be­den­ken mach­te ihm die Rück­sicht auf den lau­ten Krach, den es ge­ben müß­te
und der wahr­schein­lich hin­ter al­len Tü­ren wenn nicht Schre­cken, so doch Be­sorg­nis­se er­re­gen wür­de. Das muß­te aber ge­wagt wer­den.
Als Gre­gor schon zur Hälf­te aus dem Bet­te rag­te – die neue Me­tho­de war mehr ein Spiel als eine An­stren­gung,
er brauch­te im­mer nur ruck­wei­se zu schau­keln –, fiel ihm ein, wie ein­fach al­les wäre, wenn man ihm zu Hil­fe käme.
Zwei star­ke Leu­te – er dach­te an sei­nen Va­ter und das Dienst­mäd­chen – hät­ten voll­stän­dig ge­nügt;
sie hät­ten ihre Arme nur un­ter sei­nen ge­wölb­ten Rücken schie­ben, ihn so aus dem Bett schä­len,
sich mit der Last nie­der­beu­gen und dann bloß vor­sich­tig dul­den müs­sen,
daß er den Über­schwung auf dem Fuß­bo­den voll­zog, wo dann die Bein­chen hof­fent­lich einen Sinn be­kom­men wür­den.
Nun, ganz ab­ge­se­hen da­von, daß die Tü­ren ver­sperrt wa­ren, hät­te er wirk­lich um Hil­fe ru­fen sol­len?
Trotz al­ler Not konn­te er bei die­sem Ge­dan­ken ein Lä­cheln nicht un­ter­drücken.
Schon war er so weit, daß er bei stär­ke­rem Schau­keln kaum das Gleich­ge­wicht noch er­hielt,
und sehr bald muß­te er sich nun end­gül­tig ent­schei­den,
denn es war in fünf Mi­nu­ten ein­vier­tel acht, – als es an der Woh­nungs­tür läu­te­te.
»Das ist je­mand aus dem Ge­schäft,« sag­te er sich und er­starr­te fast, wäh­rend sei­ne Bein­chen nur de­sto ei­li­ger tanz­ten.
Einen Au­gen­blick blieb al­les still. »Sie öff­nen nicht,« sag­te sich Gre­gor, be­fan­gen in ir­gend­ei­ner un­sin­ni­gen Hoff­nung.
Aber dann ging na­tür­lich wie im­mer das Dienst­mäd­chen fes­ten Schrit­tes zur Tür und öff­ne­te.
Gre­gor brauch­te nur das ers­te Gruß­wort des Be­su­chers zu hö­ren und wuß­te schon, wer es war – der Pro­ku­rist selbst.
Warum war nur Gre­gor dazu ver­ur­teilt, bei ei­ner Fir­ma zu die­nen, wo man bei der kleins­ten Ver­säum­nis gleich den größ­ten Ver­dacht faß­te?
Wa­ren denn alle An­ge­stell­ten samt und son­ders Lum­pen, gab es denn un­ter ih­nen kei­nen treu­en er­ge­be­nen Men­schen,
den, wenn er auch nur ein paar Mor­gen­stun­den für das Ge­schäft nicht aus­genützt hat­te,
vor Ge­wis­sens­bis­sen när­risch wur­de und ge­ra­de­zu nicht im­stan­de war, das Bett zu ver­las­sen?
Ge­nüg­te es wirk­lich nicht, einen Lehr­jun­gen nach­fra­gen zu las­sen – wenn über­haupt die­se Fra­ge­rei nö­tig war –,
muß­te da der Pro­ku­rist selbst kom­men, und muß­te da­durch der gan­zen un­schul­di­gen Fa­mi­lie ge­zeigt wer­den,
daß die Un­ter­su­chung die­ser ver­däch­ti­gen An­ge­le­gen­heit nur dem Ver­stand des Pro­ku­ris­ten an­ver­traut wer­den konn­te?
Und mehr in­fol­ge der Er­re­gung, in wel­che Gre­gor durch die­se Über­le­gun­gen ver­setzt wur­de, als in­fol­ge ei­nes rich­ti­gen Ent­schlus­ses,
schwang er sich mit al­ler Macht aus dem Bett. Es gab einen lau­ten Schlag, aber ein ei­gent­li­cher Krach war es nicht.
Ein we­nig wur­de der Fall durch den Tep­pich ab­ge­schwächt, auch war der Rücken elas­ti­scher, als Gre­gor ge­dacht hat­te,
da­her kam der nicht gar so auf­fal­len­de dump­fe Klang.
Nur den Kopf hat­te er nicht vor­sich­tig ge­nug ge­hal­ten und ihn an­ge­schla­gen;
er dreh­te ihn und rieb ihn an dem Tep­pich vor Är­ger und Schmerz.
»Da drin ist et­was ge­fal­len,« sag­te der Pro­ku­rist im Ne­ben­zim­mer links.
Gre­gor such­te sich vor­zu­stel­len, ob nicht auch ein­mal dem Pro­ku­ris­ten et­was Ähn­li­ches pas­sie­ren könn­te, wie heu­te ihm;
die Mög­lich­keit des­sen muß­te man doch ei­gent­lich zu­ge­ben.
Aber wie zur ro­hen Ant­wort auf die­se Fra­ge
mach­te jetzt der Pro­ku­rist im Ne­ben­zim­mer ein paar be­stimm­te Schrit­te und ließ sei­ne Lackstie­fel knar­ren.
Aus dem Ne­ben­zim­mer rechts flüs­ter­te die Schwes­ter, um Gre­gor zu ver­stän­di­gen: »Gre­gor, der Pro­ku­rist ist da.«
»Ich weiß,« sag­te Gre­gor vor sich hin; aber so laut, daß es die Schwes­ter hät­te hö­ren kön­nen, wag­te er die Stim­me nicht zu er­he­ben.
»Gre­gor,« sag­te nun der Va­ter aus dem Ne­ben­zim­mer links, »der Herr Pro­ku­rist ist ge­kom­men und er­kun­digt sich, warum du nicht mit dem Früh­zug weg­ge­fah­ren bist.
Wir wis­sen nicht, was wir ihm sa­gen sol­len. Üb­ri­gens will er auch mit dir per­sön­lich spre­chen.
Also bit­te mach die Tür auf. Er wird die Un­ord­nung im Zim­mer zu ent­schul­di­gen schon die Güte ha­ben.«
»Gu­ten Mor­gen, Herr Sam­sa,« rief der Pro­ku­rist freund­lich da­zwi­schen.
»Ihm ist nicht wohl,« sag­te die Mut­ter zum Pro­ku­ris­ten, wäh­rend der Va­ter noch an der Tür re­de­te, »ihm ist nicht wohl, glau­ben Sie mir, Herr Pro­ku­rist.
Wie wür­de denn Gre­gor sonst einen Zug ver­säu­men! Der Jun­ge hat ja nichts im Kopf als das Ge­schäft.
Ich är­ge­re mich schon fast, daß er abends nie­mals aus­geht; jetzt war er doch acht Tage in der Stadt, aber je­den Abend war er zu Hau­se.
Da sitzt er bei uns am Tisch und liest still die Zei­tung oder stu­diert Fahr­plä­ne.
Es ist schon eine Zer­streu­ung für ihn, wenn er sich mit Laub­sä­ge­ar­bei­ten be­schäf­tigt.
Da hat er zum Bei­spiel im Lau­fe von zwei, drei Aben­den einen klei­nen Rah­men ge­schnitzt;
Sie wer­den stau­nen, wie hübsch er ist; er hängt drin im Zim­mer; Sie wer­den ihn gleich se­hen, wenn Gre­gor auf­macht.
Ich bin üb­ri­gens glück­lich, daß Sie da sind, Herr Pro­ku­rist; wir al­lein hät­ten Gre­gor nicht dazu ge­bracht, die Tür zu öff­nen;
er ist so hart­nä­ckig; und be­stimmt ist ihm nicht wohl, trotz­dem er es am Mor­gen ge­leug­net hat.«
»Ich kom­me gleich,« sag­te Gre­gor lang­sam und be­däch­tig und rühr­te sich nicht, um kein Wort der Ge­sprä­che zu ver­lie­ren.
»An­ders, gnä­di­ge Frau, kann ich es mir auch nicht er­klä­ren,« sag­te der Pro­ku­rist, »hof­fent­lich ist es nichts Erns­tes.
Wenn ich auch an­de­rer­seits sa­gen muß, daß wir Ge­schäfts­leu­te – wie man will, lei­der oder glück­li­cher­wei­se
– ein leich­tes Un­wohl­sein sehr oft aus ge­schäft­li­chen Rück­sich­ten ein­fach über­win­den müs­sen.«
»Also kann der Herr Pro­ku­rist schon zu dir hin­ein?« frag­te der un­ge­dul­di­ge Va­ter und klopf­te wie­der­um an die Tür.
»Nein,« sag­te Gre­gor. Im Ne­ben­zim­mer links trat eine pein­li­che Stil­le ein, im Ne­ben­zim­mer rechts be­gann die Schwes­ter zu schluch­zen.
Warum ging denn die Schwes­ter nicht zu den an­de­ren? Sie war wohl erst jetzt aus dem Bett auf­ge­stan­den und hat­te noch gar nicht an­ge­fan­gen sich an­zu­zie­hen.
Und warum wein­te sie denn? Weil er nicht auf­stand und den Pro­ku­ris­ten nicht her­ein­ließ, weil er in Ge­fahr war, den Pos­ten zu ver­lie­ren
und weil dann der Chef die El­tern mit den al­ten For­de­run­gen wie­der ver­fol­gen wür­de?
Das wa­ren doch vor­läu­fig wohl un­nö­ti­ge Sor­gen. Noch war Gre­gor hier und dach­te nicht im ge­rings­ten dar­an, sei­ne Fa­mi­lie zu ver­las­sen.
Au­gen­blick­lich lag er wohl da auf dem Tep­pich, und nie­mand, der sei­nen Zu­stand ge­kannt hät­te,
hät­te im Ernst von ihm ver­langt, daß er den Pro­ku­ris­ten her­ein­las­se.
Aber we­gen die­ser klei­nen Un­höf­lich­keit, für die sich ja spä­ter leicht eine pas­sen­de Aus­re­de fin­den wür­de,
konn­te Gre­gor doch nicht gut so­fort weg­ge­schickt wer­den.
Und Gre­gor schi­en es, daß es viel ver­nünf­ti­ger wäre, ihn jetzt in Ruhe zu las­sen, statt ihn mit Wei­nen und Zu­re­den zu stö­ren.
Aber es war eben die Un­ge­wiß­heit, wel­che die an­de­ren be­dräng­te und ihr Be­neh­men ent­schul­dig­te.
»Herr Sam­sa,« rief nun der Pro­ku­rist mit er­ho­be­ner Stim­me, »was ist denn los?
Sie ver­bar­ri­ka­die­ren sich da in Ih­rem Zim­mer, ant­wor­ten bloß mit ja und nein,
ma­chen Ih­ren El­tern schwe­re, un­nö­ti­ge Sor­gen und ver­säu­men
– dies nur ne­ben­bei er­wähnt – Ihre ge­schäft­li­chen Pflich­ten in ei­ner ei­gent­lich un­er­hör­ten Wei­se.
Ich spre­che hier im Na­men Ih­rer El­tern und Ih­res Chefs und bit­te Sie ganz ernst­haft um eine au­gen­blick­li­che, deut­li­che Er­klä­rung.
Ich stau­ne, ich stau­ne. Ich glaub­te Sie als einen ru­hi­gen, ver­nünf­ti­gen Men­schen zu ken­nen,
und nun schei­nen Sie plötz­lich an­fan­gen zu wol­len, mit son­der­ba­ren Lau­nen zu pa­ra­die­ren.
Der Chef deu­te­te mir zwar heu­te früh eine mög­li­che Er­klä­rung für Ihre Ver­säum­nis an
– sie be­traf das Ih­nen seit kur­z­em an­ver­trau­te In­kas­so –,
aber ich leg­te wahr­haf­tig fast mein Eh­ren­wort da­für ein, daß die­se Er­klä­rung nicht zu­tref­fen kön­ne.
Nun aber sehe ich hier Ih­ren un­be­greif­li­chen Starr­sinn und ver­lie­re ganz und gar jede Lust, mich auch nur im ge­rings­ten für Sie ein­zu­set­zen.
Und Ihre Stel­lung ist durch­aus nicht die fes­tes­te.
Ich hat­te ur­sprüng­lich die Ab­sicht, Ih­nen das al­les un­ter vier Au­gen zu sa­gen, aber da Sie mich hier nutz­los mei­ne Zeit ver­säu­men las­sen,
weiß ich nicht, warum es nicht auch Ihre Her­ren El­tern er­fah­ren sol­len.
Ihre Leis­tun­gen in der letz­ten Zeit wa­ren also sehr un­be­frie­di­gend;
es ist zwar nicht die Jah­res­zeit, um be­son­de­re Ge­schäf­te zu ma­chen, das er­ken­nen wir an;
aber eine Jah­res­zeit, um kei­ne Ge­schäf­te zu ma­chen, gibt es über­haupt nicht, Herr Sam­sa, darf es nicht ge­ben.«
»Aber Herr Pro­ku­rist,« rief Gre­gor au­ßer sich und ver­gaß in der Auf­re­gung al­les an­de­re, »ich ma­che ja so­fort, au­gen­blick­lich auf.
Ein leich­tes Un­wohl­sein, ein Schwin­del­an­fall, ha­ben mich ver­hin­dert auf­zu­ste­hen. Ich lie­ge noch jetzt im Bett.
Jetzt bin ich aber schon wie­der ganz frisch. Eben stei­ge ich aus dem Bett.
Nur einen klei­nen Au­gen­blick Ge­duld! Es geht noch nicht so gut, wie ich dach­te.
Es ist mir aber schon wohl. Wie das nur einen Men­schen so über­fal­len kann!
Noch ges­tern abend war mir ganz gut, mei­ne El­tern wis­sen es ja, oder bes­ser, schon ges­tern abend hat­te ich eine klei­ne Vor­ah­nung.
Man hät­te es mir an­se­hen müs­sen. Warum habe ich es nur im Ge­schäf­te nicht ge­mel­det!
Aber man denkt eben im­mer, daß man die Krank­heit ohne Zu­hau­se­blei­ben über­ste­hen wird. Herr Pro­ku­rist! Scho­nen Sie mei­ne El­tern!
Für alle die Vor­wür­fe, die Sie mir jetzt ma­chen, ist ja kein Grund; man hat mir ja da­von auch kein Wort ge­sagt.
Sie ha­ben viel­leicht die letz­ten Auf­trä­ge, die ich ge­schickt habe, nicht ge­le­sen.
Üb­ri­gens, noch mit dem Acht­uhr­zug fah­re ich auf die Rei­se, die paar Stun­den Ruhe ha­ben mich ge­kräf­tigt.
Hal­ten Sie sich nur nicht auf, Herr Pro­ku­rist; ich bin gleich selbst im Ge­schäft, und ha­ben Sie die Güte, das zu sa­gen und mich dem Herrn Chef zu emp­feh­len!«
Und wäh­rend Gre­gor dies al­les has­tig aus­stieß und kaum wuß­te, was er sprach,
hat­te er sich leicht, wohl in­fol­ge der im Bett be­reits er­lang­ten Übung, dem Kas­ten ge­nä­hert und ver­such­te nun, an ihm sich auf­zu­rich­ten.
Er woll­te tat­säch­lich die Tür auf­ma­chen, tat­säch­lich sich se­hen las­sen und mit dem Pro­ku­ris­ten spre­chen;
er war be­gie­rig zu er­fah­ren, was die an­de­ren, die jetzt so nach ihm ver­lang­ten, bei sei­nem An­blick sa­gen wür­den.
Wür­den sie er­schre­cken, dann hat­te Gre­gor kei­ne Ver­ant­wor­tung mehr und konn­te ru­hig sein.
Wür­den sie aber al­les ru­hig hin­neh­men, dann hat­te auch er kei­nen Grund sich auf­zu­re­gen,
und konn­te, wenn er sich be­eil­te, um acht Uhr tat­säch­lich auf dem Bahn­hof sein.
Zu­erst glitt er nun ei­ni­ge­ma­le von dem glat­ten Kas­ten ab, aber end­lich gab er sich einen letz­ten Schwung und stand auf­recht da;
auf die Schmer­zen im Un­ter­leib ach­te­te er gar nicht mehr, so sehr sie auch brann­ten.
Nun ließ er sich ge­gen die Rück­leh­ne ei­nes na­hen Stuh­les fal­len, an de­ren Rän­dern er sich mit sei­nen Bein­chen fest­hielt.
Da­mit hat­te er aber auch die Herr­schaft über sich er­langt und ver­stumm­te, denn nun konn­te er den Pro­ku­ris­ten an­hö­ren.
»Ha­ben Sie auch nur ein Wort ver­stan­den?« frag­te der Pro­ku­rist die El­tern, »er macht sich doch wohl nicht einen Nar­ren aus uns?«
»Um Got­tes wil­len,« rief die Mut­ter schon un­ter Wei­nen, »er ist viel­leicht schwer krank, und wir quä­len ihn.
Gre­te! Gre­te!« schrie sie dann. »Mut­ter?« rief die Schwes­ter von der an­de­ren Sei­te.
Sie ver­stän­dig­ten sich durch Gre­gors Zim­mer. »Du mußt au­gen­blick­lich zum Arzt. Gre­gor ist krank. Rasch um den Arzt.
Hast du Gre­gor jetzt re­den hö­ren?« »Das war eine Tier­stim­me,« sag­te der Pro­ku­rist, auf­fal­lend lei­se ge­gen­über dem Schrei­en der Mut­ter.
»Anna! Anna!« rief der Va­ter durch das Vor­zim­mer in die Kü­che und klatsch­te in die Hän­de, »so­fort einen Schlos­ser ho­len!«
Und schon lie­fen die zwei Mäd­chen mit rau­schen­den Rö­cken durch das Vor­zim­mer
– wie hat­te sich die Schwes­ter denn so schnell an­ge­zo­gen? – und ris­sen die Woh­nungs­tü­re auf.
Man hör­te gar nicht die Türe zu­schla­gen; sie hat­ten sie wohl of­fen ge­las­sen, wie es in Woh­nun­gen zu sein pflegt, in de­nen ein großes Un­glück ge­sche­hen ist.
Gre­gor war aber viel ru­hi­ger ge­wor­den. Man ver­stand zwar also sei­ne Wor­te nicht mehr,
trotz­dem sie ihm ge­nug klar, kla­rer als frü­her, vor­ge­kom­men wa­ren, viel­leicht in­fol­ge der Ge­wöh­nung des Oh­res.
Aber im­mer­hin glaub­te man nun schon dar­an, daß es mit ihm nicht ganz in Ord­nung war, und war be­reit, ihm zu hel­fen.
Die Zu­ver­sicht und Si­cher­heit, wo­mit die ers­ten An­ord­nun­gen ge­trof­fen wor­den wa­ren, ta­ten ihm wohl.
Er fühl­te sich wie­der ein­be­zo­gen in den mensch­li­chen Kreis und er­hoff­te von bei­den, vom Arzt und vom Schlos­ser,
ohne sie ei­gent­lich ge­nau zu schei­den, groß­ar­ti­ge und über­ra­schen­de Leis­tun­gen.
Um für die sich nä­hern­den ent­schei­den­den Be­spre­chun­gen eine mög­lichst kla­re Stim­me zu be­kom­men,
hus­te­te er ein we­nig ab, al­ler­dings be­müht, dies ganz ge­dämpft zu tun,
da mög­li­cher­wei­se auch schon die­ses Ge­räusch an­ders als mensch­li­cher Hus­ten klang, was er selbst zu ent­schei­den sich nicht mehr ge­trau­te.
Im Ne­ben­zim­mer war es in­zwi­schen ganz still ge­wor­den.
Viel­leicht sa­ßen die El­tern mit dem Pro­ku­ris­ten beim Tisch und tu­schel­ten, viel­leicht lehn­ten alle an der Türe und horch­ten.
Gre­gor schob sich lang­sam mit dem Ses­sel zur Tür hin, ließ ihn dort los, warf sich ge­gen die Tür, hielt sich an ihr auf­recht –
die Bal­len sei­ner Bein­chen hat­ten ein we­nig Kleb­stoff – und ruh­te sich dort einen Au­gen­blick lang von der An­stren­gung aus.
Dann aber mach­te er sich dar­an, mit dem Mund den Schlüs­sel im Schloß um­zu­dre­hen.
Es schi­en lei­der, daß er kei­ne ei­gent­li­chen Zäh­ne hat­te, – wo­mit soll­te er gleich den Schlüs­sel fas­sen?
– aber da­für wa­ren die Kie­fer frei­lich sehr stark, mit ih­rer Hil­fe brach­te er auch wirk­lich den Schlüs­sel in Be­we­gung und ach­te­te nicht dar­auf,
daß er sich zwei­fel­los ir­gend­ei­nen Scha­den zu­füg­te, denn eine brau­ne Flüs­sig­keit kam ihm aus dem Mund,
floß über den Schlüs­sel und tropf­te auf den Bo­den.
»Hö­ren Sie nur,« sag­te der Pro­ku­rist im Ne­ben­zim­mer, »er dreht den Schlüs­sel um.«
Das war für Gre­gor eine große Auf­mun­te­rung; aber alle hät­ten ihm zu­ru­fen sol­len, auch der Va­ter und die Mut­ter:
»Frisch, Gre­gor,« hät­ten sie ru­fen sol­len, »im­mer nur her­an, fest an das Schloß her­an!«
Und in der Vor­stel­lung, daß alle sei­ne Be­mü­hun­gen mit Span­nung ver­folg­ten,
ver­biß er sich mit al­lem, was er an Kraft auf­brin­gen konn­te, be­sin­nungs­los in den Schlüs­sel.
Je nach dem Fort­schrei­ten der Dre­hung des Schlüs­sels um­tanz­te er das Schloß, hielt sich jetzt nur noch mit dem Mun­de auf­recht,
und je nach Be­darf hing er sich an den Schlüs­sel oder drück­te ihn dann wie­der nie­der mit der gan­zen Last sei­nes Kör­pers.
Der hel­le­re Klang des end­lich zu­rück­schnap­pen­den Schlos­ses er­weck­te Gre­gor förm­lich.
Auf­at­mend sag­te er sich: »Ich habe also den Schlos­ser nicht ge­braucht,«
und leg­te den Kopf auf die Klin­ke, um die Türe gänz­lich zu öff­nen.
Da er die Türe auf die­se Wei­se öff­nen muß­te, war sie ei­gent­lich schon recht weit ge­öff­net, und er selbst noch nicht zu se­hen.
Er muß­te sich erst lang­sam um den einen Türflü­gel her­um­dre­hen,
und zwar sehr vor­sich­tig, wenn er nicht ge­ra­de vor dem Ein­tritt ins Zim­mer plump auf den Rücken fal­len woll­te.
Er war noch mit je­ner schwie­ri­gen Be­we­gung be­schäf­tigt und hat­te nicht Zeit, auf an­de­res zu ach­ten,
da hör­te er schon den Pro­ku­ris­ten ein lau­tes »Oh!« aus­sto­ßen – es klang, wie wenn der Wind saust
– und nun sah er ihn auch, wie er, der der Nächs­te an der Türe war, die Hand ge­gen den of­fe­nen Mund drück­te
und lang­sam zu­rück­wich, als ver­trei­be ihn eine un­sicht­ba­re, gleich­mä­ßig fort­wir­ken­de Kraft.
Die Mut­ter – sie stand hier trotz der An­we­sen­heit des Pro­ku­ris­ten mit von der Nacht her noch auf­ge­lös­ten, hoch sich sträu­ben­den Haa­ren
– sah zu­erst mit ge­fal­te­ten Hän­den den Va­ter an, ging dann zwei Schrit­te zu Gre­gor hin
und fiel in­mit­ten ih­rer rings um sie her­um sich aus­brei­ten­den Rö­cke nie­der, das Ge­sicht ganz un­auf­find­bar zu ih­rer Brust ge­senkt.
Der Va­ter ball­te mit feind­se­li­gem Aus­druck die Faust, als wol­le er Gre­gor in sein Zim­mer zu­rück­sto­ßen,
sah sich dann un­si­cher im Wohn­zim­mer um, be­schat­te­te dann mit den Hän­den die Au­gen und wein­te, daß sich sei­ne mäch­ti­ge Brust schüt­tel­te.
Gre­gor trat nun gar nicht in das Zim­mer, son­dern lehn­te sich von in­nen an den fest­ge­rie­gel­ten Türflü­gel,
so daß sein Leib nur zur Hälf­te und dar­über der seit­lich ge­neig­te Kopf zu se­hen war, mit dem er zu den an­de­ren hin­über­lug­te.
Es war in­zwi­schen viel hel­ler ge­wor­den; klar stand auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te ein Aus­schnitt
des ge­gen­über­lie­gen­den, end­lo­sen, grauschwar­zen Hau­ses – es war ein Kran­ken­haus – mit sei­nen hart die Front durch­bre­chen­den re­gel­mä­ßi­gen Fens­tern;
der Re­gen fiel noch nie­der, aber nur mit großen, ein­zeln sicht­ba­ren und förm­lich auch ein­zeln­wei­se auf die Erde hin­un­ter­ge­wor­fe­nen Trop­fen.
Das Früh­stücks­ge­schirr stand in über­rei­cher Zahl auf dem Tisch,
denn für den Va­ter war das Früh­stück die wich­tigs­te Mahl­zeit des Ta­ges, die er bei der Lek­tü­re ver­schie­de­ner Zei­tun­gen stun­den­lang hin­zog.
Ge­ra­de an der ge­gen­über­lie­gen­den Wand hing eine Pho­to­gra­phie Gre­gors aus sei­ner Mi­li­tär­zeit, die ihn als Leut­nant dar­stell­te,
wie er, die Hand am De­gen, sorg­los lä­chelnd, Re­spekt für sei­ne Hal­tung und Uni­form ver­lang­te.
Die Tür zum Vor­zim­mer war ge­öff­net, und man sah, da auch die Woh­nungs­tür of­fen war,
auf den Vor­platz der Woh­nung hin­aus und auf den Be­ginn der ab­wärts füh­ren­den Trep­pe.
»Nun,« sag­te Gre­gor und war sich des­sen wohl be­wußt, daß er der ein­zi­ge war, der die Ruhe be­wahrt hat­te,
»ich wer­de mich gleich an­zie­hen, die Kol­lek­ti­on zu­sam­men­pa­cken und weg­fah­ren.
Wollt ihr, wollt ihr mich weg­fah­ren las­sen? Nun, Herr Pro­ku­rist, Sie se­hen, ich bin nicht starr­köp­fig und ich ar­bei­te gern;
das Rei­sen ist be­schwer­lich, aber ich könn­te ohne das Rei­sen nicht le­ben.
Wo­hin ge­hen Sie denn, Herr Pro­ku­rist? Ins Ge­schäft? Ja? Wer­den Sie al­les wahr­heits­ge­treu be­rich­ten?
Man kann im Au­gen­blick un­fä­hig sein zu ar­bei­ten, aber dann ist ge­ra­de der rich­ti­ge Zeit­punkt, sich an die frü­he­ren Leis­tun­gen zu er­in­nern
und zu be­den­ken, daß man spä­ter, nach Be­sei­ti­gung des Hin­der­nis­ses, ge­wiß de­sto flei­ßi­ger und ge­sam­mel­ter ar­bei­ten wird.
Ich bin ja dem Herrn Chef so sehr ver­pflich­tet, das wis­sen Sie doch recht gut. An­de­rer­seits habe ich die Sor­ge um mei­ne El­tern und die Schwes­ter.
Ich bin in der Klem­me, ich wer­de mich aber auch wie­der her­aus­ar­bei­ten. Ma­chen Sie es mir aber nicht schwie­ri­ger, als es schon ist.
Hal­ten Sie im Ge­schäft mei­ne Par­tei! Man liebt den Rei­sen­den nicht, ich weiß.
Man denkt, er ver­dient ein Hei­den­geld und führt da­bei ein schö­nes Le­ben.
Man hat eben kei­ne be­son­de­re Ver­an­las­sung, die­ses Vor­ur­teil bes­ser zu durch­den­ken.
Sie aber, Herr Pro­ku­rist, Sie ha­ben einen bes­se­ren Über­blick über die Ver­hält­nis­se, als das sons­ti­ge Per­so­nal,
ja so­gar, ganz im Ver­trau­en ge­sagt, einen bes­se­ren Über­blick, als der Herr Chef selbst,
der in sei­ner Ei­gen­schaft als Un­ter­neh­mer sich in sei­nem Ur­teil leicht zu­un­guns­ten ei­nes An­ge­stell­ten be­ir­ren läßt.
Sie wis­sen auch sehr wohl, daß der Rei­sen­de, der fast das gan­ze Jahr au­ßer­halb des Ge­schäf­tes ist,
so leicht ein Op­fer von Klat­sche­rei­en, Zu­fäl­lig­kei­ten und grund­lo­sen Be­schwer­den wer­den kann,
ge­gen die sich zu weh­ren ihm ganz un­mög­lich ist, da er von ih­nen meis­tens gar nichts er­fährt und nur dann,
wenn er er­schöpft eine Rei­se be­en­det hat, zu Hau­se die schlim­men, auf ihre Ur­sa­chen hin nicht mehr zu durch­schau­en­den Fol­gen am ei­ge­nen Lei­be zu spü­ren be­kommt.
Herr Pro­ku­rist, ge­hen Sie nicht weg, ohne mir ein Wort ge­sagt zu ha­ben, das mir zeigt, daß Sie mir we­nigs­tens zu ei­nem klei­nen Teil recht ge­ben!«
Aber der Pro­ku­rist hat­te sich schon bei den ers­ten Wor­ten Gre­gors ab­ge­wen­det,
und nur über die zu­cken­de Schul­ter hin­weg sah er mit auf­ge­wor­fe­nen Lip­pen nach Gre­gor zu­rück.
Und wäh­rend Gre­gors Rede stand er kei­nen Au­gen­blick still, son­dern ver­zog sich, ohne Gre­gor aus den Au­gen zu las­sen, ge­gen die Tür,
aber ganz all­mäh­lich, als be­ste­he ein ge­hei­mes Ver­bot, das Zim­mer zu ver­las­sen.
Schon war er im Vor­zim­mer, und nach der plötz­li­chen Be­we­gung, mit der er zum letz­ten­mal den Fuß aus dem Wohn­zim­mer zog,
hät­te man glau­ben kön­nen, er habe sich so­eben die Soh­le ver­brannt.
Im Vor­zim­mer aber streck­te er die rech­te Hand weit von sich zur Trep­pe hin,
als war­te dort auf ihn eine ge­ra­de­zu über­ir­di­sche Er­lö­sung.
Gre­gor sah ein, daß er den Pro­ku­ris­ten in die­ser Stim­mung auf kei­nen Fall weg­ge­hen las­sen dür­fe,
wenn da­durch sei­ne Stel­lung im Ge­schäft nicht aufs äu­ßers­te ge­fähr­det wer­den soll­te.
Die El­tern ver­stan­den das al­les nicht so gut; sie hat­ten sich in den lan­gen Jah­ren die Über­zeu­gung ge­bil­det, daß Gre­gor in die­sem Ge­schäft für sein Le­ben ver­sorgt war,
und hat­ten au­ßer­dem jetzt mit den au­gen­blick­li­chen Sor­gen so viel zu tun, daß ih­nen jede Vor­aus­sicht ab­han­den ge­kom­men war.
Aber Gre­gor hat­te die­se Vor­aus­sicht. Der Pro­ku­rist muß­te ge­hal­ten, be­ru­higt, über­zeugt und schließ­lich ge­won­nen wer­den;
die Zu­kunft Gre­gors und sei­ner Fa­mi­lie hing doch da­von ab! Wäre doch die Schwes­ter hier ge­we­sen!
Sie war klug; sie hat­te schon ge­weint, als Gre­gor noch ru­hig auf dem Rücken lag.
Und ge­wiß hät­te der Pro­ku­rist, die­ser Da­men­freund, sich von ihr len­ken las­sen;
sie hät­te die Woh­nungs­tür zu­ge­macht und ihm im Vor­zim­mer den Schre­cken aus­ge­re­det.
Aber die Schwes­ter war eben nicht da, Gre­gor selbst muß­te han­deln.
Und ohne dar­an zu den­ken, daß er sei­ne ge­gen­wär­ti­gen Fä­hig­kei­ten, sich zu be­we­gen, noch gar nicht kann­te,
ohne auch dar­an zu den­ken, daß sei­ne Rede mög­li­cher- ja wahr­schein­li­cher­wei­se wie­der nicht ver­stan­den wor­den war,
ver­ließ er den Türflü­gel; schob sich durch die Öff­nung; woll­te zum Pro­ku­ris­ten hin­ge­hen,
der sich schon am Ge­län­der des Vor­plat­zes lä­cher­li­cher­wei­se mit bei­den Hän­den fest­hielt;
fiel aber so­fort, nach ei­nem Halt su­chend, mit ei­nem klei­nen Schrei auf sei­ne vie­len Bein­chen nie­der.
Kaum war das ge­sche­hen, fühl­te er zum ers­ten­mal an die­sem Mor­gen ein kör­per­li­ches Wohl­be­ha­gen; die Bein­chen hat­ten fes­ten Bo­den un­ter sich;
sie ge­horch­ten voll­kom­men, wie er zu sei­ner Freu­de merk­te; streb­ten so­gar dar­nach, ihn fort­zu­tra­gen, wo­hin er woll­te;
und schon glaub­te er, die end­gül­ti­ge Bes­se­rung al­les Lei­dens ste­he un­mit­tel­bar be­vor.
Aber im glei­chen Au­gen­blick, als er da schau­kelnd vor ver­hal­te­ner Be­we­gung, gar nicht weit von sei­ner Mut­ter ent­fernt, ihr ge­ra­de ge­gen­über auf dem Bo­den lag,
sprang die­se, die doch so ganz in sich ver­sun­ken schi­en, mit ei­nem­ma­le in die Höhe, die Arme weit aus­ge­streckt, die Fin­ger ge­spreizt,
rief: »Hil­fe, um Got­tes wil­len Hil­fe!«, hielt den Kopf ge­neigt, als wol­le sie Gre­gor bes­ser se­hen,
lief aber, im Wi­der­spruch dazu, sinn­los zu­rück; hat­te ver­ges­sen, daß hin­ter ihr der ge­deck­te Tisch stand;
setz­te sich, als sie bei ihm an­ge­kom­men war, wie in Zer­streut­heit, ei­lig auf ihn, und schi­en gar nicht zu mer­ken,
daß ne­ben ihr aus der um­ge­wor­fe­nen großen Kan­ne der Kaf­fee in vol­lem Stro­me auf den Tep­pich sich er­goß.
»Mut­ter, Mut­ter,« sag­te Gre­gor lei­se und sah zu ihr hin­auf. Der Pro­ku­rist war ihm für einen Au­gen­blick ganz aus dem Sinn ge­kom­men;
da­ge­gen konn­te er sich nicht ver­sa­gen, im An­blick des flie­ßen­den Kaf­fees mehr­mals mit den Kie­fern ins Lee­re zu schnap­pen.
Dar­über schrie die Mut­ter neu­er­dings auf, flüch­te­te vom Tisch und fiel dem ihr ent­ge­ge­nei­len­den Va­ter in die Arme.
Aber Gre­gor hat­te jetzt kei­ne Zeit für sei­ne El­tern; der Pro­ku­rist war schon auf der Trep­pe;
das Kinn auf dem Ge­län­der, sah er noch zum letz­ten Male zu­rück. Gre­gor nahm einen An­lauf, um ihn mög­lichst si­cher ein­zu­ho­len;
der Pro­ku­rist muß­te et­was ah­nen, denn er mach­te einen Sprung über meh­re­re Stu­fen und ver­schwand; »Huh!«
aber schrie er noch, es klang durchs gan­ze Trep­pen­haus.
Lei­der schi­en nun auch die­se Flucht des Pro­ku­ris­ten den Va­ter, der bis­her ver­hält­nis­mä­ßig ge­faßt ge­we­sen war, völ­lig zu ver­wir­ren,
denn statt selbst dem Pro­ku­ris­ten nach­zu­lau­fen oder we­nigs­tens Gre­gor in der Ver­fol­gung nicht zu hin­dern,
pack­te er mit der Rech­ten den Stock des Pro­ku­ris­ten, den die­ser mit Hut und Über­zie­her auf ei­nem Ses­sel zu­rück­ge­las­sen hat­te,
hol­te mit der Lin­ken eine große Zei­tung vom Tisch
und mach­te sich un­ter Fü­ße­stamp­fen dar­an, Gre­gor durch Schwen­ken des Stockes und der Zei­tung in sein Zim­mer zu­rück­zu­trei­ben.
Kein Bit­ten Gre­gors half, kein Bit­ten wur­de auch ver­stan­den,
er moch­te den Kopf noch so de­mü­tig dre­hen, der Va­ter stampf­te nur stär­ker mit den Fü­ßen.
Drü­ben hat­te die Mut­ter trotz des küh­len Wet­ters ein Fens­ter auf­ge­ris­sen,
und hin­aus­ge­lehnt drück­te sie ihr Ge­sicht weit au­ßer­halb des Fens­ters in ihre Hän­de.
Zwi­schen Gas­se und Trep­pen­haus ent­stand eine star­ke Zug­luft, die Fens­ter­vor­hän­ge flo­gen auf,
die Zei­tun­gen auf dem Ti­sche rausch­ten, ein­zel­ne Blät­ter weh­ten über den Bo­den hin.
Un­er­bitt­lich dräng­te der Va­ter und stieß Zischlau­te aus, wie ein Wil­der.
Nun hat­te aber Gre­gor noch gar kei­ne Übung im Rück­wärts­ge­hen, es ging wirk­lich sehr lang­sam.
Wenn sich Gre­gor nur hät­te um­dre­hen dür­fen, er wäre gleich in sei­nem Zim­mer ge­we­sen,
aber er fürch­te­te sich, den Va­ter durch die zeit­rau­ben­de Um­dre­hung un­ge­dul­dig zu ma­chen,
und je­den Au­gen­blick droh­te ihm doch von dem Stock in des Va­ters Hand der töd­li­che Schlag auf den Rücken oder auf den Kopf.
End­lich aber blieb Gre­gor doch nichts an­de­res üb­rig, denn er merk­te mit Ent­set­zen,
daß er im Rück­wärts­ge­hen nicht ein­mal die Rich­tung ein­zu­hal­ten ver­stand;
und so be­gann er, un­ter un­auf­hör­li­chen ängst­li­chen Sei­ten­bli­cken nach dem Va­ter,
sich nach Mög­lich­keit rasch, in Wirk­lich­keit aber doch nur sehr lang­sam um­zu­dre­hen.
Viel­leicht merk­te der Va­ter sei­nen gu­ten Wil­len, denn er stör­te ihn hier­bei nicht,
son­dern di­ri­gier­te so­gar hie und da die Dreh­be­we­gung von der Fer­ne mit der Spit­ze sei­nes Stockes.
Wenn nur nicht die­ses un­er­träg­li­che Zi­schen des Va­ters ge­we­sen wäre! Gre­gor ver­lor dar­über ganz den Kopf.
Er war schon fast ganz um­ge­dreht, als er sich, im­mer auf die­ses Zi­schen hor­chend, so­gar irr­te und sich wie­der ein Stück zu­rück­dreh­te.
Als er aber end­lich glück­lich mit dem Kopf vor der Tür­öff­nung war,
zeig­te es sich, daß sein Kör­per zu breit war, um ohne wei­te­res durch­zu­kom­men.
Dem Va­ter fiel es na­tür­lich in sei­ner ge­gen­wär­ti­gen Ver­fas­sung auch nicht ent­fernt ein,
etwa den an­de­ren Türflü­gel zu öff­nen, um für Gre­gor einen ge­nü­gen­den Durch­gang zu schaf­fen.
Sei­ne fixe Idee war bloß, daß Gre­gor so rasch als mög­lich in sein Zim­mer müs­se.
Nie­mals hät­te er auch die um­ständ­li­chen Vor­be­rei­tun­gen ge­stat­tet,
die Gre­gor brauch­te, um sich auf­zu­rich­ten und viel­leicht auf die­se Wei­se durch die Tür zu kom­men.
Viel­leicht trieb er, als gäbe es kein Hin­der­nis, Gre­gor jetzt un­ter be­son­de­rem Lärm vor­wärts;
es klang schon hin­ter Gre­gor gar nicht mehr wie die Stim­me bloß ei­nes ein­zi­gen Va­ters;
nun gab es wirk­lich kei­nen Spaß mehr, und Gre­gor dräng­te sich – ge­sch­ehe was wol­le – in die Tür.
Die eine Sei­te sei­nes Kör­pers hob sich, er lag schief in der Tür­öff­nung, sei­ne eine Flan­ke war ganz wund­ge­rie­ben,
an der wei­ßen Tür blie­ben häß­li­che Fle­cke, bald steck­te er fest und hät­te sich al­lein nicht mehr rüh­ren kön­nen,
die Bein­chen auf der einen Sei­te hin­gen zit­ternd oben in der Luft, die auf der an­de­ren wa­ren schmerz­haft zu Bo­den ge­drückt
– da gab ihm der Va­ter von hin­ten einen jetzt wahr­haf­tig er­lö­sen­den star­ken Stoß, und er flog, hef­tig blu­tend, weit in sein Zim­mer hin­ein.
Die Tür wur­de noch mit dem Stock zu­ge­schla­gen, dann war es end­lich still.

II

Erst in der Abend­däm­merung er­wach­te Gre­gor aus sei­nem schwe­ren ohn­macht­ähn­li­chen Schlaf.
Er wäre ge­wiß nicht viel spä­ter auch ohne Stö­rung er­wacht, denn er fühl­te sich ge­nü­gend aus­ge­ruht und aus­ge­schla­fen,
doch schi­en es ihm, als hät­te ihn ein flüch­ti­ger Schritt und ein vor­sich­ti­ges Schlie­ßen der zum Vor­zim­mer füh­ren­den Tür ge­weckt.
Der Schein der elek­tri­schen Stra­ßen­bahn lag bleich hier und da auf der Zim­mer­de­cke und auf den hö­he­ren Tei­len der Mö­bel, aber un­ten bei Gre­gor war es fins­ter.
Lang­sam schob er sich, noch un­ge­schickt mit sei­nen Füh­lern tas­tend,
die er jetzt erst schät­zen lern­te, zur Türe hin, um nach­zu­se­hen, was dort ge­sche­hen war.
Sei­ne lin­ke Sei­te schi­en eine ein­zi­ge lan­ge, un­an­ge­nehm span­nen­de Nar­be, und er muß­te auf sei­nen zwei Bein­rei­hen re­gel­recht hin­ken.
Ein Bein­chen war üb­ri­gens im Lau­fe der vor­mit­tä­gi­gen Vor­fäl­le schwer ver­letzt wor­den
– es war fast ein Wun­der, daß nur ei­nes ver­letzt wor­den war – und schlepp­te leb­los nach.
Erst bei der Tür merk­te er, was ihn dort­hin ei­gent­lich ge­lockt hat­te; es war der Ge­ruch von et­was Eß­ba­rem ge­we­sen.
Denn dort stand ein Napf mit sü­ßer Milch ge­füllt, in der klei­ne Schnit­te von Weiß­brot schwam­men.
Fast hät­te er vor Freu­de ge­lacht, denn er hat­te noch grö­ße­ren Hun­ger als am Mor­gen,
und gleich tauch­te er sei­nen Kopf fast bis über die Au­gen in die Milch hin­ein.
Aber bald zog er ihn ent­täuscht wie­der zu­rück; nicht nur, daß ihm das Es­sen we­gen sei­ner hei­klen lin­ken Sei­te Schwie­rig­kei­ten mach­te
– und er konn­te nur es­sen, wenn der gan­ze Kör­per schnau­fend mit­ar­bei­te­te –, so schmeck­te ihm über­dies die Milch,
die sonst sein Lieb­lings­ge­tränk war und die ihm ge­wiß die Schwes­ter des­halb her­ein­ge­stellt hat­te, gar nicht,
ja er wand­te sich fast mit Wi­der­wil­len von dem Napf ab und kroch in die Zim­mer­mit­te zu­rück.
Im Wohn­zim­mer war, wie Gre­gor durch die Tür­spal­te sah, das Gas an­ge­zün­det, aber wäh­rend sonst zu die­ser Ta­ges­zeit
der Va­ter sei­ne nach­mit­tags er­schei­nen­de Zei­tung der Mut­ter und manch­mal auch der Schwes­ter mit er­ho­be­ner Stim­me vor­zu­le­sen pfleg­te, hör­te man jetzt kei­nen Laut.
Nun viel­leicht war die­ses Vor­le­sen, von dem ihm die Schwes­ter im­mer er­zähl­te und schrieb, in der letz­ten Zeit über­haupt aus der Übung ge­kom­men.
Aber auch rings­her­um war es so still, trotz­dem doch ge­wiß die Woh­nung nicht leer war.
»Was für ein stil­les Le­ben die Fa­mi­lie doch führ­te,« sag­te sich Gre­gor und fühl­te, wäh­rend er starr vor sich ins Dunkle sah, einen großen Stolz dar­über,
daß er sei­nen El­tern und sei­ner Schwes­ter ein sol­ches Le­ben in ei­ner so schö­nen Woh­nung hat­te ver­schaf­fen kön­nen.
Wie aber, wenn jetzt alle Ruhe, al­ler Wohl­stand, alle Zu­frie­den­heit ein Ende mit Schre­cken neh­men soll­te?
Um sich nicht in sol­che Ge­dan­ken zu ver­lie­ren, setz­te sich Gre­gor lie­ber in Be­we­gung und kroch im Zim­mer auf und ab.
Ein­mal wäh­rend des lan­gen Abends wur­de die eine Sei­ten­tü­re und ein­mal die an­de­re bis zu ei­ner klei­nen Spal­te ge­öff­net und rasch wie­der ge­schlos­sen;
je­mand hat­te wohl das Be­dürf­nis her­ein­zu­kom­men, aber auch wie­der zu vie­le Be­den­ken.
Gre­gor mach­te nun un­mit­tel­bar bei der Wohn­zim­mer­tür Halt,
ent­schlos­sen, den zö­gern­den Be­su­cher doch ir­gend­wie her­ein­zu­brin­gen oder doch we­nigs­tens zu er­fah­ren, wer es sei;
aber nun wur­de die Tür nicht mehr ge­öff­net und Gre­gor war­te­te ver­ge­bens.
Früh, als die Tü­ren ver­sperrt wa­ren, hat­ten alle zu ihm her­ein­kom­men wol­len, jetzt,
da er die eine Tür ge­öff­net hat­te und die an­de­ren of­fen­bar wäh­rend des Ta­ges ge­öff­net wor­den wa­ren,
kam kei­ner mehr, und die Schlüs­sel steck­ten nun auch von au­ßen.
Spät erst in der Nacht wur­de das Licht im Wohn­zim­mer aus­ge­löscht, und nun war leicht fest­zu­stel­len,
daß die El­tern und die Schwes­ter so lan­ge wach­ge­blie­ben wa­ren, denn wie man ge­nau hö­ren konn­te, ent­fern­ten sich jetzt alle drei auf den Fuß­spit­zen.
Nun kam ge­wiß bis zum Mor­gen nie­mand mehr zu Gre­gor her­ein;
er hat­te also eine lan­ge Zeit, um un­ge­stört zu über­le­gen, wie er sein Le­ben jetzt neu ord­nen soll­te.
Aber das hohe freie Zim­mer, in dem er ge­zwun­gen war, flach auf dem Bo­den zu lie­gen, ängs­tig­te ihn,
ohne daß er die Ur­sa­che her­aus­fin­den konn­te, denn es war ja sein seit fünf Jah­ren von ihm be­wohn­tes Zim­mer
– und mit ei­ner halb un­be­wuß­ten Wen­dung und nicht ohne eine leich­te Scham eil­te er un­ter das Ka­na­pee,
wo er sich, trotz­dem sein Rücken ein we­nig ge­drückt wur­de und trotz­dem er den Kopf nicht mehr er­he­ben konn­te, gleich sehr be­hag­lich fühl­te
und nur be­dau­er­te, daß sein Kör­per zu breit war, um voll­stän­dig un­ter dem Ka­na­pee un­ter­ge­bracht zu wer­den.
Dort blieb er die gan­ze Nacht, die er zum Teil im Halb­schlaf, aus dem ihn der Hun­ger im­mer wie­der auf­schreck­te, ver­brach­te,
zum Teil aber in Sor­gen und un­deut­li­chen Hoff­nun­gen, die aber alle zu dem Schlus­se führ­ten,
daß er sich vor­läu­fig ru­hig ver­hal­ten und durch Ge­duld und größ­te Rück­sicht­nah­me der Fa­mi­lie die Un­an­nehm­lich­kei­ten er­träg­lich ma­chen müs­se,
die er ihr in sei­nem ge­gen­wär­ti­gen Zu­stand nun ein­mal zu ver­ur­sa­chen ge­zwun­gen war.
Schon am frü­hen Mor­gen, es war fast noch Nacht, hat­te Gre­gor Ge­le­gen­heit, die Kraft sei­ner eben ge­faß­ten Ent­schlüs­se zu prü­fen,
denn vom Vor­zim­mer her öff­ne­te die Schwes­ter, fast völ­lig an­ge­zo­gen, die Tür und sah mit Span­nung her­ein.
Sie fand ihn nicht gleich, aber als sie ihn un­ter dem Ka­na­pee be­merk­te –
Gott, er muß­te doch ir­gend­wo sein, er hat­te doch nicht weg­flie­gen kön­nen –
er­schrak sie so sehr, daß sie, ohne sich be­herr­schen zu kön­nen, die Tür von au­ßen wie­der zu­schlug.
Aber als be­reue sie ihr Be­neh­men, öff­ne­te sie die Tür so­fort wie­der
und trat, als sei sie bei ei­nem Schwer­kran­ken oder gar bei ei­nem Frem­den, auf den Fuß­spit­zen her­ein.
Gre­gor hat­te den Kopf bis knapp zum Ran­de des Ka­na­pees vor­ge­scho­ben und be­ob­ach­te­te sie.
Ob sie wohl be­mer­ken wür­de, daß er die Milch ste­hen ge­las­sen hat­te, und zwar kei­nes­wegs aus Man­gel an Hun­ger,
und ob sie eine an­de­re Spei­se her­ein­brin­gen wür­de, die ihm bes­ser ent­sprach?
Täte sie es nicht von selbst, er woll­te lie­ber ver­hun­gern, als sie dar­auf auf­merk­sam ma­chen,
trotz­dem es ihn ei­gent­lich un­ge­heu­er dräng­te, un­term Ka­na­pee vor­zu­schie­ßen,
sich der Schwes­ter zu Fü­ßen zu wer­fen und sie um ir­gend et­was Gu­tes zum Es­sen zu bit­ten.
Aber die Schwes­ter be­merk­te so­fort mit Ver­wun­de­rung den noch vol­len Napf, aus dem nur ein we­nig Milch rings­her­um ver­schüt­tet war,
sie hob ihn gleich auf, zwar nicht mit den blo­ßen Hän­den, son­dern mit ei­nem Fet­zen, und trug ihn hin­aus.
Gre­gor war äu­ßerst neu­gie­rig, was sie zum Er­sat­ze brin­gen wür­de, und er mach­te sich die ver­schie­dens­ten Ge­dan­ken dar­über.
Nie­mals aber hät­te er er­ra­ten kön­nen, was die Schwes­ter in ih­rer Güte wirk­lich tat.
Sie brach­te ihm, um sei­nen Ge­schmack zu prü­fen, eine gan­ze Aus­wahl, al­les auf ei­ner al­ten Zei­tung aus­ge­brei­tet.
Da war al­tes halb­ver­faul­tes Ge­mü­se; Kno­chen vom Nacht­mahl her, die von fest­ge­wor­de­ner wei­ßer Sau­ce um­ge­ben wa­ren;
ein paar Ro­si­nen und Man­deln; ein Käse, den Gre­gor vor zwei Ta­gen für un­ge­nieß­bar er­klärt hat­te;
ein tro­ckenes Brot, ein mit But­ter be­schmier­tes Brot und ein mit But­ter be­schmier­tes und ge­sal­ze­nes Brot.
Au­ßer­dem stell­te sie zu dem al­len noch den wahr­schein­lich ein für al­le­mal für Gre­gor be­stimm­ten Napf, in den sie Was­ser ge­gos­sen hat­te.
Und aus Zart­ge­fühl, da sie wuß­te, daß Gre­gor vor ihr nicht es­sen wür­de,
ent­fern­te sie sich ei­ligst und dreh­te so­gar den Schlüs­sel um,
da­mit nur Gre­gor mer­ken kön­ne, daß er es sich so be­hag­lich ma­chen dür­fe, wie er wol­le.
Gre­gors Bein­chen schwirr­ten, als es jetzt zum Es­sen ging.
Sei­ne Wun­den muß­ten üb­ri­gens auch schon voll­stän­dig ge­heilt sein, er fühl­te kei­ne Be­hin­de­rung mehr,
er staun­te dar­über und dach­te dar­an, wie er vor mehr als ei­nem Mo­nat sich mit dem Mes­ser ganz we­nig in den Fin­ger ge­schnit­ten,
und wie ihm die­se Wun­de noch vor­ges­tern ge­nug weh­ge­tan hat­te.
»Soll­te ich jetzt we­ni­ger Fein­ge­fühl ha­ben?« dach­te er und saug­te schon gie­rig an dem Käse,
zu dem es ihn vor al­len an­de­ren Spei­sen so­fort und nach­drück­lich ge­zo­gen hat­te.
Rasch hin­ter­ein­an­der und mit vor Be­frie­di­gung trä­nen­den Au­gen ver­zehr­te er den Käse, das Ge­mü­se und die Sau­ce;
die fri­schen Spei­sen da­ge­gen schmeck­ten ihm nicht, er konn­te nicht ein­mal ih­ren Ge­ruch ver­tra­gen und schlepp­te so­gar die Sa­chen, die er es­sen woll­te, ein Stück­chen wei­ter weg.
Er war schon längst mit al­lem fer­tig und lag nur noch faul auf der glei­chen Stel­le, als die Schwes­ter zum Zei­chen, daß er sich zu­rück­zie­hen sol­le, lang­sam den Schlüs­sel um­dreh­te.
Das schreck­te ihn so­fort auf, trotz­dem er schon fast schlum­mer­te, und er eil­te wie­der un­ter das Ka­na­pee.
Aber es kos­te­te ihn große Selbst­über­win­dung, auch nur die kur­ze Zeit, wäh­rend wel­cher die Schwes­ter im Zim­mer war, un­ter dem Ka­na­pee zu blei­ben,
denn von dem reich­li­chen Es­sen hat­te sich sein Leib ein we­nig ge­run­det, und er konn­te dort in der Enge kaum at­men.
Un­ter klei­nen Er­sti­ckungs­an­fäl­len sah er mit et­was her­vor­ge­quol­le­nen Au­gen zu,
wie die nichts­ah­nen­de Schwes­ter mit ei­nem Be­sen nicht nur die Über­bleib­sel zu­sam­men­kehr­te,
son­dern selbst die von Gre­gor gar nicht be­rühr­ten Spei­sen, als sei­en also auch die­se nicht mehr zu ge­brau­chen,
und wie sie al­les has­tig in einen Kü­bel schüt­te­te, den sie mit ei­nem Holz­de­ckel schloß, wor­auf sie al­les hin­austrug.
Kaum hat­te sie sich um­ge­dreht, zog sich schon Gre­gor un­ter dem Ka­na­pee her­vor und streck­te und bläh­te sich.
Auf die­se Wei­se be­kam nun Gre­gor täg­lich sein Es­sen, ein­mal am Mor­gen, wenn die El­tern und das Dienst­mäd­chen noch schlie­fen,
das zwei­te­mal nach dem all­ge­mei­nen Mit­tages­sen, denn dann schlie­fen die El­tern gleich­falls noch ein Weil­chen,
und das Dienst­mäd­chen wur­de von der Schwes­ter mit ir­gend­ei­ner Be­sor­gung weg­ge­schickt.
Ge­wiß woll­ten auch sie nicht, daß Gre­gor ver­hun­ge­re,
aber viel­leicht hät­ten sie es nicht er­tra­gen kön­nen, von sei­nem Es­sen mehr als durch Hö­ren­sa­gen zu er­fah­ren,
viel­leicht woll­te die Schwes­ter ih­nen auch eine mög­li­cher­wei­se nur klei­ne Trau­er er­spa­ren, denn tat­säch­lich lit­ten sie ja ge­ra­de ge­nug.
Mit wel­chen Aus­re­den man an je­nem ers­ten Vor­mit­tag den Arzt und den Schlos­ser wie­der aus der Woh­nung ge­schafft hat­te, konn­te Gre­gor gar nicht er­fah­ren,
denn da er nicht ver­stan­den wur­de, dach­te nie­mand dar­an, auch die Schwes­ter nicht, daß er die an­de­ren ver­ste­hen kön­ne,
und so muß­te er sich, wenn die Schwes­ter in sei­nem Zim­mer war, da­mit be­gnü­gen, nur hier und da ihre Seuf­zer und An­ru­fe der Hei­li­gen zu hö­ren.
Erst spä­ter, als sie sich ein we­nig an al­les ge­wöhnt hat­te – von voll­stän­di­ger Ge­wöh­nung konn­te na­tür­lich nie­mals die Rede sein –,
er­hasch­te Gre­gor manch­mal eine Be­mer­kung, die freund­lich ge­meint war oder so ge­deu­tet wer­den konn­te.
»Heu­te hat es ihm aber ge­schmeckt,« sag­te sie, wenn Gre­gor un­ter dem Es­sen tüch­tig auf­ge­räumt hat­te,
wäh­rend sie im ge­gen­tei­li­gen Fall, der sich all­mäh­lich im­mer häu­fi­ger wie­der­hol­te,
fast trau­rig zu sa­gen pfleg­te: »Nun ist wie­der al­les ste­hen­ge­blie­ben.«
Wäh­rend aber Gre­gor un­mit­tel­bar kei­ne Neu­ig­keit er­fah­ren konn­te, er­horch­te er man­ches aus den Ne­ben­zim­mern,
und wo er nun ein­mal Stim­men hör­te, lief er gleich zu der be­tref­fen­den Tür und drück­te sich mit gan­zem Leib an sie.
Be­son­ders in der ers­ten Zeit gab es kein Ge­spräch, das nicht ir­gend­wie wenn auch nur im ge­hei­men, von ihm han­del­te.
Zwei Tage lang wa­ren bei al­len Mahl­zei­ten Be­ra­tun­gen dar­über zu hö­ren, wie man sich jetzt ver­hal­ten sol­le;
aber auch zwi­schen den Mahl­zei­ten sprach man über das glei­che The­ma, denn im­mer wa­ren zu­min­dest zwei Fa­mi­li­en­mit­glie­der zu Hau­se,
da wohl nie­mand al­lein zu Hau­se blei­ben woll­te und man die Woh­nung doch auf kei­nen Fall gänz­lich ver­las­sen konn­te.
Auch hat­te das Dienst­mäd­chen gleich am ers­ten Tag – es war nicht ganz klar, was und wie­viel sie von dem Vor­ge­fal­le­nen wuß­te
– knie­fäl­lig die Mut­ter ge­be­ten, sie so­fort zu ent­las­sen, und als sie sich eine Vier­tel­stun­de da­nach ver­ab­schie­de­te,
dank­te sie für die Ent­las­sung un­ter Trä­nen, wie für die größ­te Wohl­tat, die man ihr hier er­wie­sen hat­te,
und gab, ohne daß man es von ihr ver­lang­te, einen fürch­ter­li­chen Schwur ab, nie­man­dem auch nur das ge­rings­te zu ver­ra­ten.
Nun muß­te die Schwes­ter im Ver­ein mit der Mut­ter auch ko­chen; al­ler­dings mach­te das nicht viel Mühe, denn man aß fast nichts.
Im­mer wie­der hör­te Gre­gor, wie der eine den an­de­ren ver­ge­bens zum Es­sen auf­for­der­te
und kei­ne an­de­re Ant­wort be­kam, als: »Dan­ke ich habe ge­nug« oder et­was Ähn­li­ches.
Ge­trun­ken wur­de viel­leicht auch nichts.
Öf­ters frag­te die Schwes­ter den Va­ter, ob er Bier ha­ben wol­le, und herz­lich er­bot sie sich, es selbst zu ho­len,
und als der Va­ter schwieg, sag­te sie, um ihm je­des Be­den­ken zu neh­men, sie kön­ne auch die Haus­meis­te­rin dar­um schi­cken,
aber dann sag­te der Va­ter schließ­lich ein großes »Nein«, und es wur­de nicht mehr da­von ge­spro­chen.
Schon im Lau­fe des ers­ten Ta­ges leg­te der Va­ter die gan­zen Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se und Aus­sich­ten so­wohl der Mut­ter als auch der Schwes­ter dar.
Hie und da stand er vom Ti­sche auf und hol­te aus sei­ner klei­nen Wert­heim­kas­sa,
die er aus dem vor fünf Jah­ren er­folg­ten Zu­sam­men­bruch sei­nes Ge­schäf­tes ge­ret­tet hat­te, ir­gend­ei­nen Be­leg oder ir­gend­ein Vor­merk­buch.
Man hör­te, wie er das kom­pli­zier­te Schloß auf­sperr­te und nach Ent­nah­me des Ge­such­ten wie­der ver­schloß.
Die­se Er­klä­run­gen des Va­ters wa­ren zum Teil das ers­te Er­freu­li­che, was Gre­gor seit sei­ner Ge­fan­gen­schaft zu hö­ren be­kam.
Er war der Mei­nung ge­we­sen, daß dem Va­ter von je­nem Ge­schäft her nicht das Ge­rings­te üb­rig­ge­blie­ben war,
zu­min­dest hat­te ihm der Va­ter nichts Ge­gen­tei­li­ges ge­sagt, und Gre­gor al­ler­dings hat­te ihn auch nicht dar­um ge­fragt.
Gre­gors Sor­ge war da­mals nur ge­we­sen, al­les dar­an­zu­set­zen,
um die Fa­mi­lie das ge­schäft­li­che Un­glück, das alle in eine voll­stän­di­ge Hoff­nungs­lo­sig­keit ge­bracht hat­te, mög­lichst rasch ver­ges­sen zu las­sen.
Und so hat­te er da­mals mit ganz be­son­de­rem Feu­er zu ar­bei­ten an­ge­fan­gen und war fast über Nacht aus ei­nem klei­nen Kom­mis ein Rei­sen­der ge­wor­den,
der na­tür­lich ganz an­de­re Mög­lich­kei­ten des Geld­ver­die­nens hat­te, und des­sen Ar­beits­er­fol­ge sich so­fort in Form der Pro­vi­si­on zu Bar­geld ver­wan­del­ten,
das der er­staun­ten und be­glück­ten Fa­mi­lie zu Hau­se auf den Tisch ge­legt wer­den konn­te.
Es wa­ren schö­ne Zei­ten ge­we­sen, und nie­mals nach­her hat­ten sie sich, we­nigs­tens in die­sem Glanze, wie­der­holt,
trotz­dem Gre­gor spä­ter so viel Geld ver­dien­te, daß er den Auf­wand der gan­zen Fa­mi­lie zu tra­gen im­stan­de war und auch trug.
Man hat­te sich eben dar­an ge­wöhnt, so­wohl die Fa­mi­lie, als auch Gre­gor,
man nahm das Geld dank­bar an, er lie­fer­te es gern ab, aber eine be­son­de­re Wär­me woll­te sich nicht mehr er­ge­ben.
Nur die Schwes­ter war Gre­gor doch noch nahe ge­blie­ben, und es war sein ge­hei­mer Plan, sie, die zum Un­ter­schied von Gre­gor Mu­sik sehr lieb­te und rüh­rend Vio­li­ne zu spie­len ver­stand,
nächs­tes Jahr, ohne Rück­sicht auf die großen Kos­ten, die das ver­ur­sa­chen muß­te, und die man schon auf an­de­re Wei­se her­ein­brin­gen wür­de, auf das Kon­ser­va­to­ri­um zu schi­cken.
Öf­ters wäh­rend der kur­z­en Auf­ent­hal­te Gre­gors in der Stadt wur­de in den Ge­sprä­chen mit der Schwes­ter das Kon­ser­va­to­ri­um er­wähnt,
aber im­mer nur als schö­ner Traum, an des­sen Ver­wirk­li­chung nicht zu den­ken war,
und die El­tern hör­ten nicht ein­mal die­se un­schul­di­gen Er­wäh­nun­gen gern;
aber Gre­gor dach­te sehr be­stimmt dar­an und be­ab­sich­tig­te, es am Weih­nachts­abend fei­er­lich zu er­klä­ren.
Sol­che in sei­nem ge­gen­wär­ti­gen Zu­stand ganz nutz­lo­se Ge­dan­ken gin­gen ihm durch den Kopf, wäh­rend er dort auf­recht an der Türe kleb­te und horch­te.
Manch­mal konn­te er vor all­ge­mei­ner Mü­dig­keit gar nicht mehr zu­hö­ren
und ließ den Kopf nach­läs­sig ge­gen die Tür schla­gen, hielt ihn aber so­fort wie­der fest,
denn selbst das klei­ne Ge­räusch, das er da­mit ver­ur­sacht hat­te, war ne­ben­an ge­hört wor­den und hat­te alle ver­stum­men las­sen.
»Was er nur wie­der treibt,« sag­te der Va­ter nach ei­ner Wei­le, of­fen­bar zur Türe hin­ge­wen­det,
und dann erst wur­de das un­ter­bro­che­ne Ge­spräch all­mäh­lich wie­der auf­ge­nom­men.
Gre­gor er­fuhr nun zur Ge­nü­ge – denn der Va­ter pfleg­te sich in sei­nen Er­klä­run­gen öf­ters zu wie­der­ho­len,
teils, weil er selbst sich mit die­sen Din­gen schon lan­ge nicht be­schäf­tigt hat­te,
teils auch, weil die Mut­ter nicht al­les gleich beim ers­ten­mal ver­stand –,
daß trotz al­len Un­glücks ein al­ler­dings ganz klei­nes Ver­mö­gen aus der al­ten Zeit noch vor­han­den war,
das die nicht an­ge­rühr­ten Zin­sen in der Zwi­schen­zeit ein we­nig hat­ten an­wach­sen las­sen.
Au­ßer­dem aber war das Geld, das Gre­gor all­mo­nat­lich nach Hau­se ge­bracht hat­te – er selbst hat­te nur ein paar Gul­den für sich be­hal­ten –,
nicht voll­stän­dig auf­ge­braucht wor­den und hat­te sich zu ei­nem klei­nen Ka­pi­tal an­ge­sam­melt.
Gre­gor, hin­ter sei­ner Türe, nick­te eif­rig, er­freut über die­se un­er­war­te­te Vor­sicht und Spar­sam­keit.
Ei­gent­lich hät­te er ja mit die­sen über­schüs­si­gen Gel­dern die Schuld des Va­ters ge­gen­über dem Chef wei­ter ab­ge­tra­gen ha­ben kön­nen,
und je­ner Tag, an dem er die­sen Pos­ten hät­te los­wer­den kön­nen, wäre weit nä­her ge­we­sen,
aber jetzt war es zwei­fel­los bes­ser so, wie es der Va­ter ein­ge­rich­tet hat­te.
Nun ge­nüg­te die­ses Geld aber ganz und gar nicht, um die Fa­mi­lie etwa von den Zin­sen le­ben zu las­sen;
es ge­nüg­te viel­leicht, um die Fa­mi­lie ein, höchs­tens zwei Jah­re zu er­hal­ten, mehr war es nicht.
Es war also bloß eine Sum­me, die man ei­gent­lich nicht an­grei­fen durf­te, und die für den Not­fall zu­rück­ge­legt wer­den muß­te;
das Geld zum Le­ben aber muß­te man ver­die­nen.
Nun war aber der Va­ter ein zwar ge­sun­der, aber al­ter Mann,
der schon fünf Jah­re nichts ge­ar­bei­tet hat­te und sich je­den­falls nicht viel zu­trau­en durf­te;
er hat­te in die­sen fünf Jah­ren, wel­che die ers­ten Fe­ri­en sei­nes mü­he­vol­len und doch er­folg­lo­sen Le­bens wa­ren,
viel Fett an­ge­setzt und war da­durch recht schwer­fäl­lig ge­wor­den.
Und die alte Mut­ter soll­te nun viel­leicht Geld ver­die­nen, die an Asth­ma litt,
der eine Wan­de­rung durch die Woh­nung schon An­stren­gung ver­ur­sach­te,
und die je­den zwei­ten Tag in Atem­be­schwer­den auf dem Sofa beim of­fe­nen Fens­ter ver­brach­te?
Und die Schwes­ter soll­te Geld ver­die­nen, die noch ein Kind war mit ih­ren sieb­zehn Jah­ren, und der ihre bis­he­ri­ge Le­bens­wei­se so sehr zu gön­nen war,
die dar­aus be­stan­den hat­te, sich nett zu klei­den, lan­ge zu schla­fen, in der Wirt­schaft mit­zu­hel­fen,
an ein paar be­schei­de­nen Ver­gnü­gun­gen sich zu be­tei­li­gen und vor al­lem Vio­li­ne zu spie­len?
Wenn die Rede auf die­se Not­wen­dig­keit des Geld­ver­die­nens kam, ließ zu­erst im­mer Gre­gor die Türe los
und warf sich auf das ne­ben der Tür be­find­li­che küh­le Le­der­so­fa, denn ihm war ganz heiß vor Be­schä­mung und Trau­er.
Oft lag er dort die gan­zen lan­gen Näch­te über, schlief kei­nen Au­gen­blick und scharr­te nur stun­den­lang auf dem Le­der.
Oder er scheu­te nicht die große Mühe, einen Ses­sel zum Fens­ter zu schie­ben,
dann die Fens­ter­brüs­tung hin­auf­zu­krie­chen und, in den Ses­sel ge­stemmt, sich ans Fens­ter zu leh­nen,
of­fen­bar nur in ir­gend­ei­ner Er­in­ne­rung an das Be­frei­en­de, das frü­her für ihn dar­in ge­le­gen war, aus dem Fens­ter zu schau­en.
Denn tat­säch­lich sah er von Tag zu Tag die auch nur ein we­nig ent­fern­ten Din­ge im­mer un­deut­li­cher;
das ge­gen­über­lie­gen­de Kran­ken­haus, des­sen nur all­zu häu­fi­gen An­blick er frü­her ver­flucht hat­te, be­kam er über­haupt nicht mehr zu Ge­sicht,
und wenn er nicht ge­nau ge­wußt hät­te, daß er in der stil­len, aber völ­lig städ­ti­schen Char­lot­ten­stra­ße wohn­te,
hät­te er glau­ben kön­nen, von sei­nem Fens­ter aus in eine Ein­öde zu schau­en
in wel­cher der graue Him­mel und die graue Erde un­un­ter­scheid­bar sich ver­ei­nig­ten.
Nur zwei­mal hat­te die auf­merk­sa­me Schwes­ter se­hen müs­sen, daß der Ses­sel beim Fens­ter stand,
als sie schon je­des­mal, nach­dem sie das Zim­mer auf­ge­räumt hat­te, den Ses­sel wie­der ge­nau zum Fens­ter hin­schob,
ja so­gar von nun ab den in­ne­ren Fens­ter­flü­gel of­fen ließ.
Hät­te Gre­gor nur mit der Schwes­ter spre­chen und ihr für al­les dan­ken kön­nen, was sie für ihn ma­chen muß­te,
er hät­te ihre Diens­te leich­ter er­tra­gen; so aber litt er dar­un­ter.
Die Schwes­ter such­te frei­lich die Pein­lich­keit des Gan­zen mög­lichst zu ver­wi­schen,
und je län­ge­re Zeit ver­ging, de­sto bes­ser ge­lang es ihr na­tür­lich auch, aber auch Gre­gor durch­schau­te mit der Zeit al­les viel ge­nau­er.
Schon ihr Ein­tritt war für ihn schreck­lich. Kaum war sie ein­ge­tre­ten,
lief sie, ohne sich Zeit zu neh­men, die Türe zu schlie­ßen, so sehr sie sonst dar­auf ach­te­te, je­dem den An­blick von Gre­gors Zim­mer zu er­spa­ren, ge­ra­de­wegs zum Fens­ter
und riß es, als er­sti­cke sie fast, mit has­ti­gen Hän­den auf, blieb auch, selbst wenn es noch so kalt war, ein Weil­chen beim Fens­ter und at­me­te tief.
Mit die­sem Lau­fen und Lär­men er­schreck­te sie Gre­gor täg­lich zwei­mal;
die gan­ze Zeit über zit­ter­te er un­ter dem Ka­na­pee und wuß­te doch sehr gut, daß sie ihn ge­wiß ger­ne da­mit ver­schont hät­te,
wenn es ihr nur mög­lich ge­we­sen wäre, sich in ei­nem Zim­mer, in dem sich Gre­gor be­fand, bei ge­schlos­se­nem Fens­ter auf­zu­hal­ten.
Ein­mal, es war wohl schon ein Mo­nat seit Gre­gors Ver­wand­lung ver­gan­gen,
und es war doch schon für die Schwes­ter kein be­son­de­rer Grund mehr, über Gre­gors Aus­se­hen in Er­stau­nen zu ge­ra­ten, kam sie ein we­nig frü­her als sonst
und traf Gre­gor noch an, wie er, un­be­weg­lich und so recht zum Er­schre­cken auf­ge­stellt, aus dem Fens­ter schau­te.
Es wäre für Gre­gor nicht un­er­war­tet ge­we­sen, wenn sie nicht ein­ge­tre­ten wäre,
da er sie durch sei­ne Stel­lung ver­hin­der­te, so­fort das Fens­ter zu öff­nen,
aber sie trat nicht nur nicht ein, sie fuhr so­gar zu­rück und schloß die Tür;
ein Frem­der hät­te ge­ra­de­zu den­ken kön­nen, Gre­gor habe ihr auf­ge­lau­ert und habe sie bei­ßen wol­len.
Gre­gor ver­steck­te sich na­tür­lich so­fort un­ter dem Ka­na­pee,
aber er muß­te bis zum Mit­tag war­ten, ehe die Schwes­ter wie­der­kam, und sie schi­en viel un­ru­hi­ger als sonst.
Er er­kann­te dar­aus, daß ihr sein An­blick noch im­mer un­er­träg­lich war und ihr auch wei­ter­hin un­er­träg­lich blei­ben müs­se,
und daß sie sich wohl sehr über­win­den muß­te, vor dem An­blick auch nur der klei­nen Par­tie sei­nes Kör­pers nicht da­von­zu­lau­fen, mit der er un­ter dem Ka­na­pee her­vor­rag­te.
Um ihr auch die­sen An­blick zu er­spa­ren, trug er ei­nes Ta­ges auf sei­nem Rücken – er brauch­te zu die­ser Ar­beit vier Stun­den – das Lein­tuch auf das Ka­na­pee
und ord­ne­te es in ei­ner sol­chen Wei­se an, daß er nun gänz­lich ver­deckt war, und daß die Schwes­ter, selbst wenn sie sich bück­te, ihn nicht se­hen konn­te.
Wäre die­ses Lein­tuch ih­rer Mei­nung nach nicht nö­tig ge­we­sen, dann hät­te sie es ja ent­fer­nen kön­nen,
denn daß es nicht zum Ver­gnü­gen Gre­gors ge­hö­ren konn­te, sich so ganz und gar ab­zu­sper­ren, war doch klar ge­nug,
aber sie ließ das Lein­tuch, so wie es war, und Gre­gor glaub­te so­gar einen dank­ba­ren Blick er­hascht zu ha­ben,
als er ein­mal mit dem Kopf vor­sich­tig das Lein­tuch ein we­nig lüf­te­te, um nach­zu­se­hen, wie die Schwes­ter die neue Ein­rich­tung auf­nahm.
In den ers­ten vier­zehn Ta­gen konn­ten es die El­tern nicht über sich brin­gen, zu ihm her­ein­zu­kom­men,
und er hör­te oft, wie sie die jet­zi­ge Ar­beit der Schwes­ter völ­lig an­er­kann­ten,
wäh­rend sie sich bis­her häu­fig über die Schwes­ter ge­är­gert hat­ten, weil sie ih­nen als ein et­was nutz­lo­ses Mäd­chen er­schie­nen war.
Nun aber war­te­ten oft bei­de, der Va­ter und die Mut­ter, vor Gre­gors Zim­mer, wäh­rend die Schwes­ter dort auf­räum­te,
und kaum war sie her­aus­ge­kom­men, muß­te sie ganz ge­nau er­zäh­len, wie es in dem Zim­mer aus­sah,
was Gre­gor ge­ges­sen hat­te, wie er sich dies­mal be­nom­men hat­te, und ob viel­leicht eine klei­ne Bes­se­rung zu be­mer­ken war.
Die Mut­ter üb­ri­gens woll­te ver­hält­nis­mä­ßig bald Gre­gor be­su­chen,
aber der Va­ter und die Schwes­ter hiel­ten sie zu­erst mit Ver­nunft­grün­den zu­rück, de­nen Gre­gor sehr auf­merk­sam zu­hör­te, und die er voll­stän­dig bil­lig­te.
Spä­ter aber muß­te man sie mit Ge­walt zu­rück­hal­ten, und wenn sie dann rief:
»Laßt mich doch zu Gre­gor, er ist ja mein un­glück­li­cher Sohn! Be­greift ihr es denn nicht, daß ich zu ihm muß?«,
dann dach­te Gre­gor, daß es viel­leicht doch gut wäre, wenn die Mut­ter her­ein­käme, nicht je­den Tag na­tür­lich, aber viel­leicht ein­mal in der Wo­che;
sie ver­stand doch al­les viel bes­ser als die Schwes­ter, die trotz all ih­rem Mute doch nur ein Kind war
und im letz­ten Grun­de viel­leicht nur aus kind­li­chem Leicht­sinn eine so schwe­re Auf­ga­be über­nom­men hat­te.
Der Wunsch Gre­gors, die Mut­ter zu se­hen, ging bald in Er­fül­lung.
Wäh­rend des Ta­ges woll­te Gre­gor schon aus Rück­sicht auf sei­ne El­tern sich nicht beim Fens­ter zei­gen,
krie­chen konn­te er aber auf den paar Qua­drat­me­tern des Fuß­bo­dens auch nicht viel,
das ru­hi­ge Lie­gen er­trug er schon wäh­rend der Nacht schwer, das Es­sen mach­te ihm bald nicht mehr das ge­rings­te Ver­gnü­gen,
und so nahm er zur Zer­streu­ung die Ge­wohn­heit an, kreuz und quer über Wän­de und Pla­fond zu krie­chen.
Be­son­ders oben an der De­cke hing er gern; es war ganz an­ders, als das Lie­gen auf dem Fuß­bo­den;
man at­me­te frei­er; ein leich­tes Schwin­gen ging durch den Kör­per, und in der fast glück­li­chen Zer­streut­heit,
in der sich Gre­gor dort oben be­fand, konn­te es ge­sche­hen, daß er zu sei­ner ei­ge­nen Über­ra­schung sich losließ und auf den Bo­den klatsch­te.
Aber nun hat­te er na­tür­lich sei­nen Kör­per ganz an­ders in der Ge­walt als frü­her und be­schä­dig­te sich selbst bei ei­nem so großen Fal­le nicht.
Die Schwes­ter nun be­merk­te so­fort die neue Un­ter­hal­tung, die Gre­gor für sich ge­fun­den hat­te
– er hin­ter­ließ ja auch beim Krie­chen hie und da Spu­ren sei­nes Kleb­stof­fes –,
und da setz­te sie es sich in den Kopf, Gre­gor das Krie­chen in größ­tem Aus­ma­ße zu er­mög­li­chen
und die Mö­bel, die es ver­hin­der­ten, also vor al­lem den Kas­ten und den Schreib­tisch, weg­zu­schaf­fen.
Nun war sie aber nicht im­stan­de, dies al­lein zu tun; den Va­ter wag­te sie nicht um Hil­fe zu bit­ten;
das Dienst­mäd­chen hät­te ihr ganz ge­wiß nicht ge­hol­fen, denn die­ses etwa sech­zehn­jäh­ri­ge Mäd­chen harr­te zwar tap­fer seit Ent­las­sung der frü­he­ren Kö­chin aus,
hat­te aber um die Ver­güns­ti­gung ge­be­ten, die Kü­che un­auf­hör­lich ver­sperrt hal­ten zu dür­fen und nur auf be­son­de­ren An­ruf öff­nen zu müs­sen;
so blieb der Schwes­ter also nichts üb­rig, als ein­mal in Ab­we­sen­heit des Va­ters die Mut­ter zu ho­len.
Mit Aus­ru­fen er­reg­ter Freu­de kam die Mut­ter auch her­an, ver­stumm­te aber an der Tür vor Gre­gors Zim­mer.
Zu­erst sah na­tür­lich die Schwes­ter nach, ob al­les im Zim­mer in Ord­nung war; dann erst ließ sie die Mut­ter ein­tre­ten.
Gre­gor hat­te in größ­ter Eile das Lein­tuch noch tiefer und mehr in Fal­ten ge­zo­gen,
das Gan­ze sah wirk­lich nur wie ein zu­fäl­lig über das Ka­na­pee ge­wor­fe­nes Lein­tuch aus.
Gre­gor un­ter­ließ auch dies­mal, un­ter dem Lein­tuch zu spio­nie­ren;
er ver­zich­te­te dar­auf, die Mut­ter schon dies­mal zu se­hen, und war nur froh, daß sie nun doch ge­kom­men war.
»Komm nur, man sieht ihn nicht,« sag­te die Schwes­ter, und of­fen­bar führ­te sie die Mut­ter an der Hand.
Gre­gor hör­te nun, wie die zwei schwa­chen Frau­en den im­mer­hin schwe­ren al­ten Kas­ten von sei­nem Plat­ze rück­ten,
und wie die Schwes­ter im­mer­fort den größ­ten Teil der Ar­beit für sich be­an­spruch­te,
ohne auf die War­nun­gen der Mut­ter zu hö­ren, wel­che fürch­te­te, daß sie sich über­an­stren­gen wer­de.
Es dau­er­te sehr lan­ge. Wohl nach schon vier­tel­stün­di­ger Ar­beit sag­te die Mut­ter, man sol­le den Kas­ten doch lie­ber hier las­sen,
denn ers­tens sei er zu schwer, sie wür­den vor An­kunft des Va­ters nicht fer­tig wer­den
und mit dem Kas­ten in der Mit­te des Zim­mers Gre­gor je­den Weg ver­ram­meln, zwei­tens
aber sei es doch gar nicht si­cher, daß Gre­gor mit der Ent­fer­nung der Mö­bel ein Ge­fal­len ge­sch­ehe.
Ihr schei­ne das Ge­gen­teil der Fall zu sein; ihr be­drücke der An­blick der lee­ren Wand ge­ra­de­zu das Herz;
und warum sol­le nicht auch Gre­gor die­se Emp­fin­dung ha­ben, da er doch an die Zim­mer­mö­bel längst ge­wöhnt sei und sich des­halb im lee­ren Zim­mer ver­las­sen füh­len wer­de.
»Und ist es dann nicht so,« schloß die Mut­ter ganz lei­se, wie sie über­haupt fast flüs­ter­te,
als wol­le sie ver­mei­den, daß Gre­gor, des­sen ge­nau­en Auf­ent­halt sie ja nicht kann­te,
auch nur den Klang der Stim­me höre, denn daß er die Wor­te nicht ver­stand, da­von war sie über­zeugt,
»und ist es nicht so, als ob wir durch die Ent­fer­nung der Mö­bel zeig­ten,
daß wir jede Hoff­nung auf Bes­se­rung auf­ge­ben und ihn rück­sichts­los sich selbst über­las­sen?
Ich glau­be, es wäre das bes­te, wir su­chen das Zim­mer ge­nau in dem Zu­stand zu er­hal­ten, in dem es frü­her war, da­mit Gre­gor,
wenn er wie­der zu uns zu­rück­kommt, al­les un­ver­än­dert fin­det und um so leich­ter die Zwi­schen­zeit ver­ges­sen kann.«
Beim An­hö­ren die­ser Wor­te der Mut­ter er­kann­te Gre­gor, daß der Man­gel je­der un­mit­tel­ba­ren mensch­li­chen An­spra­che,
ver­bun­den mit dem ein­för­mi­gen Le­ben in­mit­ten der Fa­mi­lie, im Lau­fe die­ser zwei Mo­na­te sei­nen Ver­stand hat­te ver­wir­ren müs­sen,
denn an­ders konn­te er es sich nicht er­klä­ren, daß er ernst­haft dar­nach hat­te ver­lan­gen kön­nen, daß sein Zim­mer aus­ge­leert wür­de.
Hat­te er wirk­lich Lust, das war­me, mit er­erb­ten Mö­beln ge­müt­lich aus­ge­stat­te­te Zim­mer in eine Höh­le ver­wan­deln zu las­sen,
in der er dann frei­lich nach al­len Rich­tun­gen un­ge­stört wür­de krie­chen kön­nen,
je­doch auch un­ter gleich­zei­ti­gem, schnel­len, gänz­li­chen Ver­ges­sen sei­ner mensch­li­chen Ver­gan­gen­heit?
War er doch jetzt schon nahe dar­an, zu ver­ges­sen, und nur die seit lan­gem nicht ge­hör­te Stim­me der Mut­ter hat­te ihn auf­ge­rüt­telt.
Nichts soll­te ent­fernt wer­den, al­les muß­te blei­ben, die gu­ten Ein­wir­kun­gen der Mö­bel auf sei­nen Zu­stand konn­te er nicht ent­beh­ren;
und wenn die Mö­bel ihn hin­der­ten, das sinn­lo­se Her­um­krie­chen zu be­trei­ben, so war es kein Scha­den, son­dern ein großer Vor­teil.
Aber die Schwes­ter war lei­der an­de­rer Mei­nung; sie hat­te sich, al­ler­dings nicht ganz un­be­rech­tigt, an­ge­wöhnt,
bei Be­spre­chung der An­ge­le­gen­hei­ten Gre­gors als be­son­ders Sach­ver­stän­di­ge ge­gen­über den El­tern auf­zu­tre­ten,
und so war auch jetzt der Rat der Mut­ter für die Schwes­ter Grund ge­nug,
auf der Ent­fer­nung nicht nur des Kas­tens und des Schreib­ti­sches, an die sie zu­erst al­lein ge­dacht hat­te,
son­dern auf der Ent­fer­nung sämt­li­cher Mö­bel, mit Aus­nah­me des un­ent­behr­li­chen Ka­na­pees, zu be­ste­hen.
Es war na­tür­lich nicht nur kind­li­cher Trotz und das in der letz­ten Zeit so un­er­war­tet und schwer er­wor­be­ne Selbst­ver­trau­en, das sie zu die­ser For­de­rung be­stimm­te;
sie hat­te doch auch tat­säch­lich be­ob­ach­tet, daß Gre­gor viel Raum zum Krie­chen brauch­te,
da­ge­gen die Mö­bel, so­weit man se­hen konn­te, nicht im ge­rings­ten be­nütz­te.
Viel­leicht aber spiel­te auch der schwär­me­ri­sche Sinn der Mäd­chen ih­res Al­ters mit, der bei je­der Ge­le­gen­heit sei­ne Be­frie­di­gung sucht,
und durch den Gre­te jetzt sich dazu ver­lo­cken ließ, die Lage Gre­gors noch schre­cken­er­re­gen­der ma­chen zu wol­len, um dann noch mehr als bis jetzt für ihn leis­ten zu kön­nen.
Denn in ei­nem Raum, in dem Gre­gor ganz al­lein die lee­ren Wän­de be­herrsch­te, wür­de wohl kein Mensch au­ßer Gre­te je­mals ein­zu­tre­ten sich ge­trau­en.
Und so ließ sie sich von ih­rem Ent­schlus­se durch die Mut­ter nicht ab­brin­gen,
die auch in die­sem Zim­mer vor lau­ter Un­ru­he un­si­cher schi­en, bald ver­stumm­te
und der Schwes­ter nach Kräf­ten beim Hin­aus­schaf­fen des Kas­tens half.
Nun, den Kas­ten konn­te Gre­gor im Not­fall noch ent­beh­ren, aber schon der Schreib­tisch muß­te blei­ben.
Und kaum hat­ten die Frau­en mit dem Kas­ten, an dem sie sich äch­zend drück­ten, das Zim­mer ver­las­sen,
als Gre­gor den Kopf un­ter dem Ka­na­pee her­vors­tieß, um zu se­hen, wie er vor­sich­tig und mög­lichst rück­sichts­voll ein­grei­fen könn­te.
Aber zum Un­glück war es ge­ra­de die Mut­ter, wel­che zu­erst zu­rück­kehr­te,
wäh­rend Gre­te im Ne­ben­zim­mer den Kas­ten um­fan­gen hielt und ihn al­lein hin und her schwang, ohne ihn na­tür­lich von der Stel­le zu brin­gen.
Die Mut­ter aber war Gre­gors An­blick nicht ge­wöhnt, er hät­te sie krank ma­chen kön­nen,
und so eil­te Gre­gor er­schro­cken im Rück­wärts­lauf bis an das an­de­re Ende des Ka­na­pees,
konn­te es aber nicht mehr ver­hin­dern, daß das Lein­tuch vor­ne ein we­nig sich be­weg­te.
Das ge­nüg­te, um die Mut­ter auf­merk­sam zu ma­chen. Sie stock­te, stand einen Au­gen­blick still und ging dann zu Gre­te zu­rück.
Trotz­dem sich Gre­gor im­mer wie­der sag­te, daß ja nichts Au­ßer­ge­wöhn­li­ches ge­sch­ehe,
son­dern nur ein paar Mö­bel um­ge­stellt wür­den,
wirk­te doch, wie er sich bald ein­ge­ste­hen muß­te, die­ses Hin- und Her­ge­hen der Frau­en, ihre klei­nen Zu­ru­fe,
das Krat­zen der Mö­bel auf dem Bo­den, wie ein großer, von al­len Sei­ten ge­nähr­ter Tru­bel auf ihn,
und er muß­te sich, so fest er Kopf und Bei­ne an sich zog und den Leib bis an den Bo­den drück­te, un­wei­ger­lich sa­gen, daß er das Gan­ze nicht lan­ge aus­hal­ten wer­de.
Sie räum­ten ihm sein Zim­mer aus; nah­men ihm al­les, was ihm lieb war;
den Kas­ten, in dem die Laub­sä­ge und an­de­re Werk­zeu­ge la­gen, hat­ten sie schon hin­aus­ge­tra­gen;
lo­cker­ten jetzt den schon im Bo­den fest ein­ge­gra­be­nen Schreib­tisch, an dem er als Han­dels­aka­de­mi­ker,
als Bür­ger­schü­ler, ja so­gar schon als Volks­schü­ler sei­ne Auf­ga­ben ge­schrie­ben hat­te,
– da hat­te er wirk­lich kei­ne Zeit mehr, die gu­ten Ab­sich­ten zu prü­fen, wel­che die zwei Frau­en hat­ten,
de­ren Exis­tenz er üb­ri­gens fast ver­ges­sen hat­te, denn vor Er­schöp­fung ar­bei­te­ten sie schon stumm,
und man hör­te nur das schwe­re Tap­pen ih­rer Füße.
Und so brach er denn her­vor – die Frau­en stütz­ten sich ge­ra­de im Ne­ben­zim­mer an den Schreib­tisch, um ein we­nig zu ver­schnau­fen –,
wech­sel­te vier­mal die Rich­tung des Lau­fes, er wuß­te wirk­lich nicht, was er zu­erst ret­ten soll­te,
da sah er an der im üb­ri­gen schon lee­ren Wand auf­fal­lend das Bild der in lau­ter Pelz­werk ge­klei­de­ten Dame hän­gen,
kroch eilends hin­auf und preß­te sich an das Glas, das ihn fest­hielt und sei­nem hei­ßen Bauch wohl­tat.
Die­ses Bild we­nigs­tens, das Gre­gor jetzt ganz ver­deck­te, wür­de nun ge­wiß nie­mand weg­neh­men.
Er ver­dreh­te den Kopf nach der Tür des Wohn­zim­mers, um die Frau­en bei ih­rer Rück­kehr zu be­ob­ach­ten.
Sie hat­ten sich nicht viel Ruhe ge­gönnt und ka­men schon wie­der; Gre­te hat­te den Arm um die Mut­ter ge­legt und trug sie fast.
»Also was neh­men wir jetzt?« sag­te Gre­te und sah sich um, Da kreuz­ten sich ihre Bli­cke mit de­nen Gre­gors an der Wand.
Wohl nur in­fol­ge der Ge­gen­wart der Mut­ter be­hielt sie ihre Fas­sung, beug­te ihr Ge­sicht zur Mut­ter, um die­se vom Her­um­schau­en ab­zu­hal­ten,
und sag­te, al­ler­dings zit­ternd und un­über­legt: »Komm, wol­len wir nicht lie­ber auf einen Au­gen­blick noch ins Wohn­zim­mer zu­rück­ge­hen?«
Die Ab­sicht Gre­tes war für Gre­gor klar, sie woll­te die Mut­ter in Si­cher­heit brin­gen und dann ihn von der Wand hin­un­ter­ja­gen.
Nun, sie konn­te es ja im­mer­hin ver­su­chen! Er saß auf sei­nem Bild und gab es nicht her. Lie­ber wür­de er Gre­te ins Ge­sicht sprin­gen.
Aber Gre­tes Wor­te hat­ten die Mut­ter erst recht be­un­ru­higt, sie trat zur Sei­te,
er­blick­te den rie­si­gen brau­nen Fleck auf der ge­blüm­ten Ta­pe­te, rief,
ehe ihr ei­gent­lich zum Be­wußt­sein kam, daß das Gre­gor war, was sie sah, mit schrei­en­der, rau­her Stim­me:
»Ach Gott, ach Gott!« und fiel mit aus­ge­brei­te­ten Ar­men, als gebe sie al­les auf, über das Ka­na­pee hin und rühr­te sich nicht.
»Du, Gre­gor!« rief die Schwes­ter mit er­ho­be­ner Faust und ein­dring­li­chen Bli­cken.
Es wa­ren seit der Ver­wand­lung die ers­ten Wor­te, die sie un­mit­tel­bar an ihn ge­rich­tet hat­te.
Sie lief ins Ne­ben­zim­mer, um ir­gend­ei­ne Es­senz zu ho­len, mit der sie die Mut­ter aus ih­rer Ohn­macht we­cken könn­te;
Gre­gor woll­te auch hel­fen – zur Ret­tung des Bil­des war noch Zeit –; er kleb­te aber fest an dem Glas und muß­te sich mit Ge­walt los­rei­ßen;
er lief dann auch ins Ne­ben­zim­mer, als kön­ne er der Schwes­ter ir­gend­ei­nen Rat ge­ben, wie in frü­he­rer Zeit;
muß­te aber dann un­tä­tig hin­ter ihr ste­hen; wäh­rend sie in ver­schie­de­nen Fläsch­chen kram­te, er­schreck­te sie noch, als sie sich um­dreh­te;
eine Fla­sche fiel auf den Bo­den und zer­brach; ein Split­ter ver­letz­te Gre­gor im Ge­sicht, ir­gend­ei­ne ät­zen­de Me­di­zin um­floß ihn;
Gre­te nahm nun, ohne sich län­ger auf­zu­hal­ten, so vie­le Fläsch­chen, als sie nur hal­ten konn­te, und rann­te mit ih­nen zur Mut­ter hin­ein; die Tür schlug sie mit dem Fuße zu.
Gre­gor war nun von der Mut­ter ab­ge­schlos­sen, die durch sei­ne Schuld viel­leicht dem Tode nahe war;
die Tür durf­te er nicht öff­nen, woll­te er die Schwes­ter, die bei der Mut­ter blei­ben muß­te, nicht ver­ja­gen;
er hat­te jetzt nichts zu tun, als zu war­ten; und von Selbst­vor­wür­fen und Be­sorg­nis be­drängt,
be­gann er zu krie­chen, über­kroch al­les, Wän­de, Mö­bel und Zim­mer­de­cke
und fiel end­lich in sei­ner Ver­zweif­lung, als sich das gan­ze Zim­mer schon um ihn zu dre­hen an­fing, mit­ten auf den großen Tisch.
Es ver­ging eine klei­ne Wei­le, Gre­gor lag matt da, rings­her­um war es still, viel­leicht war das ein gu­tes Zei­chen. Da läu­te­te es.
Das Mäd­chen war na­tür­lich in ih­rer Kü­che ein­ge­sperrt und Gre­te muß­te da­her öff­nen ge­hen.
Der Va­ter war ge­kom­men. »Was ist ge­sche­hen?« wa­ren sei­ne ers­ten Wor­te; Gre­tes Aus­se­hen hat­te ihm wohl al­les ver­ra­ten.
Gre­te ant­wor­te­te mit dump­fer Stim­me, of­fen­bar drück­te sie ihr Ge­sicht an des Va­ters Brust:
»Die Mut­ter war ohn­mäch­tig, aber es geht ihr schon bes­ser. Gre­gor ist aus­ge­bro­chen.«
»Ich habe es ja er­war­tet,« sag­te der Va­ter, »ich habe es euch ja im­mer ge­sagt, aber ihr Frau­en wollt nicht hö­ren.«
Gre­gor war es klar, daß der Va­ter Gre­tes all­zu­kur­ze Mit­tei­lung schlecht ge­deu­tet hat­te
und an­nahm, daß Gre­gor sich ir­gend­ei­ne Ge­walt­tat habe zu­schul­den kom­men las­sen.
Des­halb muß­te Gre­gor den Va­ter jetzt zu be­sänf­ti­gen su­chen, denn ihn auf­zu­klä­ren hat­te er we­der Zeit noch Mög­lich­keit.
Und so flüch­te­te er sich zur Tür sei­nes Zim­mers und drück­te sich an sie, da­mit der Va­ter beim Ein­tritt vom Vor­zim­mer her gleich se­hen kön­ne,
daß Gre­gor die bes­te Ab­sicht habe, so­fort in sein Zim­mer zu­rück­zu­keh­ren, und daß es nicht nö­tig sei, ihn zu­rück­zu­trei­ben,
son­dern daß man nur die Tür zu öff­nen brauch­te, und gleich wer­de er ver­schwin­den.
Aber der Va­ter war nicht in der Stim­mung, sol­che Fein­hei­ten zu be­mer­ken.
»Ah!« rief er gleich beim Ein­tritt in ei­nem Tone, als sei er gleich­zei­tig wü­tend und froh.
Gre­gor zog den Kopf von der Tür zu­rück und hob ihn ge­gen den Va­ter. So hat­te er sich den Va­ter wirk­lich nicht vor­ge­stellt, wie er jetzt da­stand;
al­ler­dings hat­te er in der letz­ten Zeit über dem neu­ar­ti­gen Her­um­krie­chen ver­säumt, sich so wie frü­her um die Vor­gän­ge in der üb­ri­gen Woh­nung zu küm­mern,
und hät­te ei­gent­lich dar­auf ge­faßt sein müs­sen, ver­än­der­te Ver­hält­nis­se an­zu­tref­fen.
Trotz­dem, trotz­dem, war das noch der Va­ter?
Der glei­che Mann, der müde im Bett ver­gra­ben lag, wenn frü­her Gre­gor zu ei­ner Ge­schäfts­rei­se aus­ge­rückt war;
der ihn an Aben­den der Heim­kehr im Schlaf­rock im Lehn­stuhl emp­fan­gen hat­te;
gar nicht recht im­stan­de war, auf­zu­ste­hen, son­dern zum Zei­chen der Freu­de nur die Arme ge­ho­ben hat­te,
und der bei den sel­te­nen ge­mein­sa­men Spa­zier­gän­gen an ein paar Sonn­ta­gen im Jahr und an den höchs­ten Fei­er­ta­gen
zwi­schen Gre­gor und der Mut­ter, die schon an und für sich lang­sam gin­gen, im­mer noch ein we­nig lang­sa­mer,
in sei­nen al­ten Man­tel ein­ge­packt, mit stets vor­sich­tig auf­ge­setz­tem Krück­stock sich vor­wärts ar­bei­te­te
und, wenn er et­was sa­gen woll­te, fast im­mer still­stand und sei­ne Be­glei­tung um sich ver­sam­mel­te?
Nun aber war er doch gut auf­ge­rich­tet; in eine straf­fe blaue Uni­form mit Gold­knöp­fen ge­klei­det, wie sie Die­ner der Ban­k­in­sti­tu­te tra­gen;
über dem ho­hen stei­fen Kra­gen des Rockes ent­wi­ckel­te sich sein star­kes Dop­pel­kinn;
un­ter den bu­schi­gen Au­gen­brau­en drang der Blick der schwar­zen Au­gen frisch und auf­merk­sam her­vor;
das sonst zer­zaus­te wei­ße Haar war zu ei­ner pein­lich ge­nau­en, leuch­ten­den Schei­tel­fri­sur nie­der­ge­kämmt.
Er warf sei­ne Müt­ze, auf der ein Gold­mo­no­gramm, wahr­schein­lich das ei­ner Bank, an­ge­bracht war, über das gan­ze Zim­mer im Bo­gen auf das Ka­na­pee hin
und ging, die En­den sei­nes lan­gen Uni­form­rockes zu­rück­ge­schla­gen, die Hän­de in den Ho­sen­ta­schen, mit ver­bis­se­nem Ge­sicht auf Gre­gor zu.
Er wuß­te wohl selbst nicht, was er vor­hat­te; im­mer­hin hob er die Füße un­ge­wöhn­lich hoch,
und Gre­gor staun­te über die Rie­sen­grö­ße sei­ner Stie­felsoh­len.
Doch hielt er sich da­bei nicht auf, er wuß­te ja noch vom ers­ten Tage sei­nes neu­en Le­bens her,
daß der Va­ter ihm ge­gen­über nur die größ­te Stren­ge für an­ge­bracht an­sah.
Und so lief er vor dem Va­ter her, stock­te, wenn der Va­ter ste­hen blieb, und eil­te schon wie­der vor­wärts, wenn sich der Va­ter nur rühr­te.
So mach­ten sie mehr­mals die Run­de um das Zim­mer, ohne daß sich et­was Ent­schei­den­des er­eig­ne­te,
ja ohne daß das Gan­ze in­fol­ge sei­nes lang­sa­men Tem­pos den An­schein ei­ner Ver­fol­gung ge­habt hät­te.
Des­halb blieb auch Gre­gor vor­läu­fig auf dem Fuß­bo­den, zu­mal er fürch­te­te,
der Va­ter könn­te eine Flucht auf die Wän­de oder den Pla­fond für be­son­de­re Bos­heit hal­ten.
Al­ler­dings muß­te sich Gre­gor sa­gen, daß er so­gar die­ses Lau­fen nicht lan­ge aus­hal­ten wür­de,
denn wäh­rend der Va­ter einen Schritt mach­te, muß­te er eine Un­zahl von Be­we­gun­gen aus­füh­ren.
Atem­not be­gann sich schon be­merk­bar zu ma­chen, wie er ja auch in sei­ner frü­he­ren Zeit kei­ne ganz ver­trau­ens­wür­di­ge Lun­ge be­ses­sen hat­te.
Als er nun so da­hin­tor­kel­te, um alle Kräf­te für den Lauf zu sam­meln,
kaum die Au­gen of­fen­hielt; in sei­ner Stumpf­heit an eine an­de­re Ret­tung als durch Lau­fen gar nicht dach­te;
und fast schon ver­ges­sen hat­te, daß ihm die Wän­de frei­stan­den,
die hier al­ler­dings mit sorg­fäl­tig ge­schnitz­ten Mö­beln voll Za­cken und Spit­zen ver­stellt wa­ren
– da flog knapp ne­ben ihm, leicht ge­schleu­dert, ir­gend et­was nie­der und roll­te vor ihm her.
Es war ein Ap­fel; gleich flog ihm ein zwei­ter nach; Gre­gor blieb vor Schre­cken ste­hen;
ein Wei­ter­lau­fen war nutz­los, denn der Va­ter hat­te sich ent­schlos­sen, ihn zu bom­bar­die­ren.
Aus der Obst­scha­le auf der Kre­denz hat­te er sich die Ta­schen ge­füllt und warf nun, ohne vor­läu­fig scharf zu zie­len, Ap­fel für Ap­fel.
Die­se klei­nen ro­ten Äp­fel roll­ten wie elek­tri­siert auf dem Bo­den her­um und stie­ßen an­ein­an­der.
Ein schwach ge­wor­fe­ner Ap­fel streif­te Gre­gors Rücken, glitt aber un­schäd­lich ab.
Ein ihm so­fort nach­flie­gen­der drang da­ge­gen förm­lich in Gre­gors Rücken ein;
Gre­gor woll­te sich weiter­schlep­pen, als kön­ne der über­ra­schen­de un­glaub­li­che Schmerz mit dem Orts­wech­sel ver­ge­hen;
doch fühl­te er sich wie fest­ge­na­gelt und streck­te sich in voll­stän­di­ger Ver­wir­rung al­ler Sin­ne.
Nur mit dem letz­ten Blick sah er noch, wie die Tür sei­nes Zim­mers auf­ge­ris­sen wur­de,
und vor der schrei­en­den Schwes­ter die Mut­ter her­vor­eil­te, im Hemd,
denn die Schwes­ter hat­te sie ent­klei­det, um ihr in der Ohn­macht Atem­frei­heit zu ver­schaf­fen,
wie dann die Mut­ter auf den Va­ter zu­lief und ihr auf dem Weg die auf­ge­bun­de­nen Rö­cke ei­ner nach dem an­de­ren zu Bo­den glit­ten,
und wie sie stol­pernd über die Rö­cke auf den Va­ter ein­drang und ihn um­ar­mend, in gänz­li­cher Ver­ei­ni­gung mit ihm
– nun ver­sag­te aber Gre­gors Seh­kraft schon – die Hän­de an des Va­ters Hin­ter­kopf um Scho­nung von Gre­gors Le­ben bat.

III

Die schwe­re Ver­wun­dung Gre­gors, an der er über einen Mo­nat litt
– der Ap­fel blieb, da ihn nie­mand zu ent­fer­nen wag­te, als sicht­ba­res An­den­ken im Flei­sche sit­zen –,
schi­en selbst den Va­ter dar­an er­in­nert zu ha­ben,
daß Gre­gor trotz sei­ner ge­gen­wär­ti­gen trau­ri­gen und ekel­haf­ten Ge­stalt ein Fa­mi­li­en­glied war, das man nicht wie einen Feind be­han­deln durf­te,
son­dern dem ge­gen­über es das Ge­bot der Fa­mi­li­en­pflicht war, den Wi­der­wil­len hin­un­ter­zu­schlu­cken und zu dul­den, nichts als dul­den.
Und wenn nun auch Gre­gor durch sei­ne Wun­de an Be­weg­lich­keit wahr­schein­lich für im­mer ver­lo­ren hat­te
und vor­läu­fig zur Durch­que­rung sei­nes Zim­mers wie ein al­ter In­va­li­de lan­ge, lan­ge Mi­nu­ten brauch­te
– an das Krie­chen in der Höhe war nicht zu den­ken –,
so be­kam er für die­se Ver­schlim­me­rung sei­nes Zu­stan­des einen sei­ner Mei­nung nach voll­stän­dig ge­nü­gen­den Er­satz da­durch,
daß im­mer ge­gen Abend die Wohn­zim­mer­tür, die er schon ein bis zwei Stun­den vor­her scharf zu be­ob­ach­ten pfleg­te, ge­öff­net wur­de,
so daß er, im Dun­kel sei­nes Zim­mers lie­gend, vom Wohn­zim­mer aus un­sicht­bar, die gan­ze Fa­mi­lie beim be­leuch­te­ten Ti­sche se­hen
und ihre Re­den, ge­wis­ser­ma­ßen mit all­ge­mei­ner Er­laub­nis, also ganz an­ders als frü­her, an­hö­ren durf­te.
Frei­lich wa­ren es nicht mehr die leb­haf­ten Un­ter­hal­tun­gen der frü­he­ren Zei­ten,
an die Gre­gor in den klei­nen Ho­tel­zim­mern stets mit ei­ni­gem Ver­lan­gen ge­dacht hat­te, wenn er sich müde in das feuch­te Bett­zeug hat­te wer­fen müs­sen.
Es ging jetzt meist nur sehr still zu. Der Va­ter schlief bald nach dem Nachtes­sen in sei­nem Ses­sel ein; die Mut­ter und Schwes­ter er­mahn­ten ein­an­der zur Stil­le;
die Mut­ter näh­te, weit über das Licht vor­ge­beugt, fei­ne Wä­sche für ein Mo­den­ge­schäft;
die Schwes­ter, die eine Stel­lung als Ver­käu­fe­rin an­ge­nom­men hat­te, lern­te am Abend Ste­no­gra­phie und Fran­zö­sisch,
um viel­leicht spä­ter ein­mal einen bes­se­ren Pos­ten zu er­rei­chen.
Manch­mal wach­te der Va­ter auf, und als wis­se er gar nicht, daß er ge­schla­fen habe, sag­te er zur Mut­ter:
»Wie lan­ge du heu­te schon wie­der nähst!« und schlief so­fort wie­der ein, wäh­rend Mut­ter und Schwes­ter ein­an­der müde zu­lä­chel­ten.
Mit ei­ner Art Ei­gen­sinn wei­ger­te sich der Va­ter, auch zu Hau­se sei­ne Die­ne­r­uni­form ab­zu­le­gen;
und wäh­rend der Schlaf­rock nutz­los am Klei­der­ha­ken hing, schlum­mer­te der Va­ter voll­stän­dig an­ge­zo­gen auf sei­nem Platz,
als sei er im­mer zu sei­nem Diens­te be­reit und war­te auch hier auf die Stim­me des Vor­ge­setz­ten.
In­fol­ge­des­sen ver­lor die gleich an­fangs nicht neue Uni­form trotz al­ler Sorg­falt von Mut­ter und Schwes­ter an Rein­lich­keit,
und Gre­gor sah oft gan­ze Aben­de lang auf die­ses über und über fle­cki­ge, mit sei­nen stets ge­putz­ten Gold­knöp­fen leuch­ten­de Kleid,
in dem der alte Mann höchst un­be­quem und doch ru­hig schlief.
So­bald die Uhr zehn schlug, such­te die Mut­ter durch lei­se Zu­spra­che den Va­ter zu we­cken
und dann zu über­re­den, ins Bett zu ge­hen, denn hier war es doch kein rich­ti­ger Schlaf
und die­sen hat­te der Va­ter, der um sechs Uhr sei­nen Dienst an­tre­ten muß­te, äu­ßerst nö­tig.
Aber in dem Ei­gen­sinn, der ihn, seit­dem er Die­ner war, er­grif­fen hat­te, be­stand er im­mer dar­auf, noch län­ger bei Tisch zu blei­ben,
trotz­dem er re­gel­mä­ßig ein­sch­lief, und war dann über­dies nur mit der größ­ten Mühe zu be­we­gen, den Ses­sel mit dem Bett zu ver­tau­schen.
Da moch­ten Mut­ter und Schwes­ter mit klei­nen Er­mah­nun­gen noch so sehr auf ihn ein­drin­gen,
vier­tel­stun­den­lang schüt­tel­te er lang­sam den Kopf, hielt die Au­gen ge­schlos­sen und stand nicht auf.
Die Mut­ter zupf­te ihn am Är­mel, sag­te ihm Schmei­chel­wor­te ins Ohr,
die Schwes­ter ver­ließ ihre Auf­ga­be, um der Mut­ter zu hel­fen, aber beim Va­ter ver­fing das nicht.
Er ver­sank nur noch tiefer in sei­nen Ses­sel.
Erst bis ihn die Frau­en un­ter den Ach­seln faß­ten, schlug er die Au­gen auf,
sah ab­wech­selnd die Mut­ter und die Schwes­ter an und pfleg­te zu sa­gen: »Das ist ein Le­ben. Das ist die Ruhe mei­ner al­ten Tage.«
Und auf die bei­den Frau­en ge­stützt, er­hob er sich, um­ständ­lich, als sei er für sich selbst die größ­te Last,
ließ sich von den Frau­en bis zur Türe füh­ren, wink­te ih­nen dort ab und ging nun selb­stän­dig wei­ter,
wäh­rend die Mut­ter ihr Näh­zeug, die Schwes­ter ihre Fe­der ei­ligst hin­war­fen, um hin­ter dem Va­ter zu lau­fen und ihm wei­ter be­hilf­lich zu sein.
Wer hat­te in die­ser ab­ge­ar­bei­te­ten und über­mü­de­ten Fa­mi­lie Zeit, sich um Gre­gor mehr zu küm­mern, als un­be­dingt nö­tig war?
Der Haus­halt wur­de im­mer mehr ein­ge­schränkt; das Dienst­mäd­chen wur­de nun doch ent­las­sen;
eine rie­si­ge kno­chi­ge Be­die­ne­rin mit weißem, den Kopf um­flat­tern­dem Haar kam des Mor­gens und des Abends, um die schwers­te Ar­beit zu leis­ten;
al­les an­de­re be­sorg­te die Mut­ter ne­ben ih­rer vie­len Näh­ar­beit.
Es ge­sch­ah so­gar, daß ver­schie­de­ne Fa­mi­li­en­schmuck­stücke,
wel­che frü­her die Mut­ter und die Schwes­ter über­glück­lich bei Un­ter­hal­tun­gen und Fei­er­lich­kei­ten ge­tra­gen hat­ten,
ver­kauft wur­den, wie Gre­gor am Abend aus der all­ge­mei­nen Be­spre­chung der er­ziel­ten Prei­se er­fuhr.
Die größ­te Kla­ge war aber stets, daß man die­se für die ge­gen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­se all­zu­große Woh­nung nicht ver­las­sen konn­te,
da es nicht aus­zu­den­ken war, wie man Gre­gor über­sie­deln soll­te.
Aber Gre­gor sah wohl ein, daß es nicht nur die Rück­sicht auf ihn war, wel­che eine Über­sied­lung ver­hin­der­te,
denn ihn hät­te man doch in ei­ner pas­sen­den Kis­te mit ein paar Luft­lö­chern leicht trans­por­tie­ren kön­nen;
was die Fa­mi­lie haupt­säch­lich vom Woh­nungs­wech­sel ab­hielt, war viel­mehr die völ­li­ge Hoff­nungs­lo­sig­keit und der Ge­dan­ke dar­an,
daß sie mit ei­nem Un­glück ge­schla­gen war, wie nie­mand sonst im gan­zen Ver­wand­ten- und Be­kann­ten­kreis.
Was die Welt von ar­men Leu­ten ver­langt, er­füll­ten sie bis zum äu­ßers­ten,
der Va­ter hol­te den klei­nen Bank­be­am­ten das Früh­stück, die Mut­ter op­fer­te sich für die Wä­sche frem­der Leu­te,
die Schwes­ter lief nach dem Be­fehl der Kun­den hin­ter dem Pul­te hin und her, aber wei­ter reich­ten die Kräf­te der Fa­mi­lie schon nicht.
Und die Wun­de im Rücken fing Gre­gor wie neu zu schmer­zen an, wenn Mut­ter und Schwes­ter, nach­dem sie den Va­ter zu Bett ge­bracht hat­ten, nun zu­rück­kehr­ten,
die Ar­beit lie­gen lie­ßen, nahe zu­sam­men­rück­ten, schon Wan­ge an Wan­ge sa­ßen;
wenn jetzt die Mut­ter, auf Gre­gors Zim­mer zei­gend, sag­te: »Mach’ dort die Tür zu, Gre­te,« und wenn nun Gre­gor wie­der im Dun­kel war,
wäh­rend ne­ben­an die Frau­en ihre Trä­nen ver­misch­ten oder gar trä­nen­los den Tisch an­starr­ten.
Die Näch­te und Tage ver­brach­te Gre­gor fast ganz ohne Schlaf.
Manch­mal dach­te er dar­an, beim nächs­ten Öff­nen der Tür die An­ge­le­gen­hei­ten der Fa­mi­lie ganz so wie frü­her wie­der in die Hand zu neh­men;
in sei­nen Ge­dan­ken er­schie­nen wie­der nach lan­ger Zeit der Chef und der Pro­ku­rist, die Kom­mis und die Lehr­jun­gen,
der so be­griffs­stüt­zi­ge Haus­knecht, zwei drei Freun­de aus an­de­ren Ge­schäf­ten, ein Stu­ben­mäd­chen aus ei­nem Ho­tel in der Pro­vinz,
eine lie­be, flüch­ti­ge Er­in­ne­rung, eine Kas­sie­re­rin aus ei­nem Hut­ge­schäft, um die er sich ernst­haft, aber zu lang­sam be­wor­ben hat­te
– sie alle er­schie­nen un­ter­mischt mit Frem­den oder schon Ver­ges­se­nen,
aber statt ihm und sei­ner Fa­mi­lie zu hel­fen, wa­ren sie sämt­lich un­zu­gäng­lich, und er war froh, wenn sie ver­schwan­den.
Dann aber war er wie­der gar nicht in der Lau­ne, sich um sei­ne Fa­mi­lie zu sor­gen, bloß Wut über die schlech­te War­tung er­füll­te ihn,
und trotz­dem er sich nichts vor­stel­len konn­te, wor­auf er Ap­pe­tit ge­habt hät­te, mach­te er doch Plä­ne,
wie er in die Spei­se­kam­mer ge­lan­gen könn­te, um dort zu neh­men, was ihm, auch wenn er kei­nen Hun­ger hat­te, im­mer­hin ge­bühr­te.
Ohne jetzt mehr nach­zu­den­ken, wo­mit man Gre­gor einen be­son­de­ren Ge­fal­len ma­chen könn­te,
schob die Schwes­ter ei­ligst, ehe sie mor­gens und mit­tags ins Ge­schäft lief, mit dem Fuß ir­gend­ei­ne be­lie­bi­ge Spei­se in Gre­gors Zim­mer hin­ein,
um sie am Abend, gleich­gül­tig da­ge­gen, ob die Spei­se viel­leicht nur ge­kos­tet
oder – der häu­figs­te Fall – gänz­lich un­be­rührt war, mit ei­nem Schwen­ken des Be­sens hin­aus­zu­keh­ren.
Das Auf­räu­men des Zim­mers, das sie nun im­mer abends be­sorg­te, konn­te gar nicht mehr schnel­ler ge­tan sein.
Schmutz­strei­fen zo­gen sich die Wän­de ent­lang, hie und da la­gen Knäu­el von Staub und Un­rat.
In der ers­ten Zeit stell­te sich Gre­gor bei der An­kunft der Schwes­ter in der­ar­ti­ge be­son­ders be­zeich­nen­de Win­kel, um ihr durch die­se Stel­lung ge­wis­ser­ma­ßen einen Vor­wurf zu ma­chen.
Aber er hät­te wohl wo­chen­lang dort blei­ben kön­nen, ohne daß sich die Schwes­ter ge­bes­sert hät­te;
sie sah ja den Schmutz ge­nau so wie er, aber sie hat­te sich eben ent­schlos­sen, ihn zu las­sen.
Da­bei wach­te sie mit ei­ner an ihr ganz neu­en Emp­find­lich­keit, die über­haupt die gan­ze Fa­mi­lie er­grif­fen hat­te, dar­über,
daß das Auf­räu­men von Gre­gors Zim­mer ihr vor­be­hal­ten blieb.
Ein­mal hat­te die Mut­ter Gre­gors Zim­mer ei­ner großen Rei­ni­gung un­ter­zo­gen,
die ihr nur nach Ver­brauch ei­ni­ger Kü­bel Was­ser ge­lun­gen war – die vie­le Feuch­tig­keit kränk­te al­ler­dings Gre­gor auch
und er lag breit, ver­bit­tert und un­be­weg­lich auf dem Ka­na­pee –, aber die Stra­fe blieb für die Mut­ter nicht aus.
Denn kaum hat­te am Abend die Schwes­ter die Ver­än­de­rung in Gre­gors Zim­mer be­merkt, als sie, aufs höchs­te be­lei­digt, ins Wohn­zim­mer lief
und, trotz der be­schwö­rend er­ho­be­nen Hän­de der Mut­ter, in einen Wein­krampf aus­brach,
dem die El­tern – der Va­ter war na­tür­lich aus sei­nem Ses­sel auf­ge­schreckt wor­den
– zu­erst er­staunt und hilf­los zu­sa­hen; bis auch sie sich zu rüh­ren an­fin­gen;
der Va­ter rechts der Mut­ter Vor­wür­fe mach­te, daß sie Gre­gors Zim­mer nicht der Schwes­ter zur Rei­ni­gung über­ließ;
links da­ge­gen die Schwes­ter an­schrie, sie wer­de nie­mals mehr Gre­gors Zim­mer rei­ni­gen dür­fen;
wäh­rend die Mut­ter den Va­ter, der sich vor Er­re­gung nicht mehr kann­te, ins Schlaf­zim­mer zu schlep­pen such­te;
die Schwes­ter, von Schluch­zen ge­schüt­telt, mit ih­ren klei­nen Fäus­ten den Tisch be­ar­bei­te­te;
und Gre­gor laut vor Wut dar­über zisch­te, daß es kei­nem ein­fiel, die Tür zu schlie­ßen und ihm die­sen An­blick und Lärm zu er­spa­ren.
Aber selbst wenn die Schwes­ter, er­schöpft von ih­rer Be­rufs­ar­beit, des­sen über­drüs­sig ge­wor­den war, für Gre­gor, wie frü­her, zu sor­gen,
so hät­te noch kei­nes­wegs die Mut­ter für sie ein­tre­ten müs­sen
und Gre­gor hät­te doch nicht ver­nach­läs­sigt zu wer­den brau­chen. Denn nun war die Be­die­ne­rin da.
Die­se alte Wit­we, die in ih­rem lan­gen Le­ben mit Hil­fe ih­res star­ken Kno­chen­bau­es das Ärgs­te über­stan­den ha­ben moch­te, hat­te kei­nen ei­gent­li­chen Ab­scheu vor Gre­gor.
Ohne ir­gend­wie neu­gie­rig zu sein, hat­te sie zu­fäl­lig ein­mal die Tür von Gre­gors Zim­mer auf­ge­macht
und war im An­blick Gre­gors, der, gänz­lich über­rascht, trotz­dem ihn nie­mand jag­te, hin- und her­zu­lau­fen be­gann, die Hän­de im Schoß ge­fal­tet stau­nend ste­hen ge­blie­ben.
Seit­dem ver­säum­te sie nicht, stets flüch­tig mor­gens und abends die Tür ein we­nig zu öff­nen und zu Gre­gor hin­ein­zu­schau­en.
An­fangs rief sie ihn auch zu sich her­bei, mit Wor­ten, die sie wahr­schein­lich für freund­lich hielt,
wie »Komm mal her­über, al­ter Mist­kä­fer!« oder »Seht mal den al­ten Mist­kä­fer!«
Auf sol­che An­spra­chen ant­wor­te­te Gre­gor mit nichts, son­dern blieb un­be­weg­lich auf sei­nem Platz, als sei die Tür gar nicht ge­öff­net wor­den.
Hät­te man doch die­ser Be­die­ne­rin, statt sie nach ih­rer Lau­ne ihn nutz­los stö­ren zu las­sen,
lie­ber den Be­fehl ge­ge­ben, sein Zim­mer täg­lich zu rei­ni­gen!
Ein­mal am frü­hen Mor­gen – ein hef­ti­ger Re­gen, viel­leicht schon ein Zei­chen des kom­men­den Früh­jahrs, schlug an die Schei­ben
– war Gre­gor, als die Be­die­ne­rin mit ih­ren Re­dens­ar­ten wie­der be­gann, der­ar­tig er­bit­tert, daß er, wie zum An­griff, al­ler­dings lang­sam und hin­fäl­lig, sich ge­gen sie wen­de­te.
Die Be­die­ne­rin aber, statt sich zu fürch­ten, hob bloß einen in der Nähe der Tür be­find­li­chen Stuhl hoch em­por,
und wie sie mit groß ge­öff­ne­tem Mun­de da­stand, war ihre Ab­sicht klar,
den Mund erst zu schlie­ßen, wenn der Ses­sel in ih­rer Hand auf Gre­gors Rücken nie­der­schla­gen wür­de.
»Also wei­ter geht es nicht?« frag­te sie, als Gre­gor sich wie­der um­dreh­te, und stell­te den Ses­sel ru­hig in die Ecke zu­rück.
Gre­gor aß nun fast gar nichts mehr. Nur wenn er zu­fäl­lig an der vor­be­rei­te­ten Spei­se vor­über­kam,
nahm er zum Spiel einen Bis­sen in den Mund, hielt ihn dort stun­den­lang und spie ihn dann meist wie­der aus.
Zu­erst dach­te er, es sei die Trau­er über den Zu­stand sei­nes Zim­mers, die ihn vom Es­sen ab­hal­te,
aber ge­ra­de mit den Ver­än­de­run­gen des Zim­mers söhn­te er sich sehr bald aus.
Man hat­te sich an­ge­wöhnt, Din­ge, die man an­ders­wo nicht un­ter­brin­gen konn­te, in die­ses Zim­mer hin­ein­zu­stel­len,
und sol­cher Din­ge gab es nun vie­le, da man ein Zim­mer der Woh­nung an drei Zim­mer­her­ren ver­mie­tet hat­te.
Die­se erns­ten Her­ren, – alle drei hat­ten Voll­bär­te, wie Gre­gor ein­mal durch eine Tür­spal­te fest­stell­te
– wa­ren pein­lich auf Ord­nung, nicht nur in ih­rem Zim­mer, son­dern, da sie sich nun ein­mal hier ein­ge­mie­tet hat­ten, in der gan­zen Wirt­schaft, also ins­be­son­de­re in der Kü­che, be­dacht.
Un­nüt­zen oder gar schmut­zi­gen Kram er­tru­gen sie nicht. Über­dies hat­ten sie zum größ­ten Teil ihre ei­ge­nen Ein­rich­tungs­stücke mit­ge­bracht.
Aus die­sem Grun­de wa­ren vie­le Din­ge über­flüs­sig ge­wor­den, die zwar nicht ver­käuf­lich wa­ren, die man aber auch nicht weg­wer­fen woll­te.
Alle die­se wan­der­ten in Gre­gors Zim­mer. Eben­so auch die Aschen­kis­te und die Ab­fall­kis­te aus der Kü­che.
Was nur im Au­gen­blick un­brauch­bar war, schleu­der­te die Be­die­ne­rin, die es im­mer sehr ei­lig hat­te, ein­fach in Gre­gors Zim­mer;
Gre­gor sah glück­li­cher­wei­se meist nur den be­tref­fen­den Ge­gen­stand und die Hand, die ihn hielt.
Die Be­die­ne­rin hat­te viel­leicht die Ab­sicht, bei Zeit und Ge­le­gen­heit die Din­ge wie­der zu ho­len
oder alle ins­ge­samt mit ei­nem­mal hin­aus­zu­wer­fen, tat­säch­lich aber blie­ben sie dort lie­gen,
wo­hin sie durch den ers­ten Wurf ge­kom­men wa­ren, wenn nicht Gre­gor sich durch das Rum­pel­zeug wand und es in Be­we­gung brach­te,
zu­erst ge­zwun­gen, weil kein sons­ti­ger Platz zum Krie­chen frei war, spä­ter aber mit wach­sen­dem Ver­gnü­gen,
ob­wohl er nach sol­chen Wan­de­run­gen, zum Ster­ben müde und trau­rig, wie­der stun­den­lang sich nicht rühr­te.
Da die Zim­mer­her­ren manch­mal auch ihr Abendes­sen zu Hau­se im ge­mein­sa­men Wohn­zim­mer ein­nah­men,
blieb die Wohn­zim­mer­tür an man­chen Aben­den ge­schlos­sen, aber Gre­gor ver­zich­te­te ganz leicht auf das Öff­nen der Tür,
hat­te er doch schon man­che Aben­de, an de­nen sie ge­öff­net war, nicht aus­genützt,
son­dern war, ohne daß es die Fa­mi­lie merk­te, im dun­kels­ten Win­kel sei­nes Zim­mers ge­le­gen.
Ein­mal aber hat­te die Be­die­ne­rin die Tür zum Wohn­zim­mer ein we­nig of­fen ge­las­sen,
und sie blieb so of­fen, auch als die Zim­mer­her­ren am Abend ein­tra­ten und Licht ge­macht wur­de.
Sie setz­ten sich oben an den Tisch, wo in frü­he­ren Zei­ten der Va­ter, die Mut­ter und Gre­gor ge­ses­sen hat­ten,
ent­fal­te­ten die Ser­vi­et­ten und nah­men Mes­ser und Ga­bel in die Hand.
So­fort er­schi­en in der Tür die Mut­ter mit ei­ner Schüs­sel Fleisch
und knapp hin­ter ihr die Schwes­ter mit ei­ner Schüs­sel hoch­ge­schich­te­ter Kar­tof­feln. Das Es­sen dampf­te mit star­kem Rauch.
Die Zim­mer­her­ren beug­ten sich über die vor sie hin­ge­stell­ten Schüs­seln, als woll­ten sie sie vor dem Es­sen prü­fen,
und tat­säch­lich zer­schnitt der, wel­cher in der Mit­te saß und den an­de­ren zwei als Au­to­ri­tät zu gel­ten schi­en, ein Stück Fleisch noch auf der Schüs­sel,
of­fen­bar um fest­zu­stel­len, ob es mür­be ge­nug sei und ob es nicht etwa in die Kü­che zu­rück­ge­schickt wer­den sol­le.
Er war be­frie­digt, und Mut­ter und Schwes­ter, die ge­spannt zu­ge­se­hen hat­ten, be­gan­nen auf­at­mend zu lä­cheln.
Die Fa­mi­lie selbst aß in der Kü­che. Trotz­dem kam der Va­ter, ehe er in die Kü­che ging, in die­ses Zim­mer her­ein
und mach­te mit ei­ner ein­zi­gen Ver­beu­gung, die Kap­pe in der Hand, einen Rund­gang um den Tisch.
Die Zim­mer­her­ren er­ho­ben sich sämt­lich und mur­mel­ten et­was in ihre Bär­te.
Als sie dann al­lein wa­ren, aßen sie fast un­ter voll­kom­me­nem Still­schwei­gen.
Son­der­bar schi­en es Gre­gor, daß man aus al­len man­nig­fa­chen Ge­räuschen des Es­sens im­mer wie­der ihre kau­en­den Zäh­ne her­aus­hör­te,
als ob da­mit Gre­gor ge­zeigt wer­den soll­te, daß man Zäh­ne brau­che, um zu es­sen,
und daß man auch mit den schöns­ten zahn­lo­sen Kie­fern nichts aus­rich­ten kön­ne.
»Ich habe ja Ap­pe­tit,« sag­te sich Gre­gor sor­gen­voll, »aber nicht auf die­se Din­ge.
Wie sich die­se Zim­mer­her­ren näh­ren, und ich kom­me um!«
Ge­ra­de an die­sem Abend – Gre­gor er­in­ner­te sich nicht, wäh­rend der gan­zen Zeit die Vio­li­ne ge­hört zu ha­ben – er­tön­te sie von der Kü­che her.
Die Zim­mer­her­ren hat­ten schon ihr Nacht­mahl be­en­det, der mitt­le­re hat­te eine Zei­tung her­vor­ge­zo­gen,
den zwei an­de­ren je ein Blatt ge­ge­ben, und nun la­sen sie zu­rück­ge­lehnt und rauch­ten.
Als die Vio­li­ne zu spie­len be­gann, wur­den sie auf­merk­sam, er­ho­ben sich
und gin­gen auf den Fuß­spit­zen zur Vor­zim­mer­tür, in der sie an­ein­an­der­ge­drängt ste­hen blie­ben.
Man muß­te sie von der Kü­che aus ge­hört ha­ben, denn der Va­ter rief: »Ist den Her­ren das Spiel viel­leicht un­an­ge­nehm? Es kann so­fort ein­ge­stellt wer­den.«
»Im Ge­gen­teil,« sag­te der mitt­le­re der Her­ren, »möch­te das Fräu­lein nicht zu uns her­ein­kom­men
und hier im Zim­mer spie­len, wo es doch viel be­que­mer und ge­müt­li­cher ist?«
»O bit­te,« rief der Va­ter, als sei er der Vio­lin­spie­ler. Die Her­ren tra­ten ins Zim­mer zu­rück und war­te­ten.
Bald kam der Va­ter mit dem No­ten­pult, die Mut­ter mit den No­ten und die Schwes­ter mit der Vio­li­ne.
Die Schwes­ter be­rei­te­te al­les ru­hig zum Spie­le vor;
die El­tern, die nie­mals frü­her Zim­mer ver­mie­tet hat­ten und des­halb die Höf­lich­keit ge­gen die Zim­mer­her­ren über­trie­ben, wag­ten gar nicht, sich auf ihre ei­ge­nen Ses­sel zu set­zen;
der Va­ter lehn­te an der Tür, die rech­te Hand zwi­schen zwei Knöp­fe des ge­schlos­se­nen Li­vre­erockes ge­steckt;
die Mut­ter aber er­hielt von ei­nem Herrn einen Ses­sel an­ge­bo­ten und saß,
da sie den Ses­sel dort ließ, wo­hin ihn der Herr zu­fäl­lig ge­stellt hat­te, ab­seits in ei­nem Win­kel.
Die Schwes­ter be­gann zu spie­len; Va­ter und Mut­ter ver­folg­ten, je­der von sei­ner Sei­te, auf­merk­sam die Be­we­gun­gen ih­rer Hän­de.
Gre­gor hat­te, von dem Spie­le an­ge­zo­gen, sich ein we­nig wei­ter vor­ge­wagt und war schon mit dem Kopf im Wohn­zim­mer.
Er wun­der­te sich kaum dar­über, daß er in letz­ter Zeit so we­nig Rück­sicht auf die an­dern nahm;
frü­her war die­se Rück­sicht­nah­me sein Stolz ge­we­sen.
Und da­bei hät­te er ge­ra­de jetzt mehr Grund ge­habt, sich zu ver­ste­cken, denn in­fol­ge des Stau­bes,
der in sei­nem Zim­mer über­all lag und bei der kleins­ten Be­we­gung um­her­flog, war auch er ganz staub­be­deckt;
Fä­den, Haa­re, Spei­se­über­res­te schlepp­te er auf sei­nem Rücken und an den Sei­ten mit sich her­um;
sei­ne Gleich­gül­tig­keit ge­gen al­les war viel zu groß,
als daß er sich, wie frü­her mehr­mals wäh­rend des Ta­ges, auf den Rücken ge­legt und am Tep­pich ge­scheu­ert hät­te.
Und trotz die­ses Zu­stan­des hat­te er kei­ne Scheu, ein Stück auf dem ma­kel­lo­sen Fuß­bo­den des Wohn­zim­mers vor­zu­rück­en.
Al­ler­dings ach­te­te auch nie­mand auf ihn. Die Fa­mi­lie war gänz­lich vom Vio­lin­spiel in An­spruch ge­nom­men;
die Zim­mer­her­ren da­ge­gen, die zu­nächst, die Hän­de in den Ho­sen­ta­schen, viel zu nahe hin­ter dem No­ten­pult der Schwes­ter sich auf­ge­stellt hat­ten,
so daß sie alle in die No­ten hät­te se­hen kön­nen, was si­cher die Schwes­ter stö­ren muß­te,
zo­gen sich bald un­ter halb­lau­ten Ge­sprä­chen mit ge­senk­ten Köp­fen zum Fens­ter zu­rück, wo sie, vom Va­ter be­sorgt be­ob­ach­tet, auch blie­ben.
Es hat­te nun wirk­lich den über­deut­li­chen An­schein, als wä­ren sie in ih­rer An­nah­me, ein schö­nes oder un­ter­hal­ten­des Vio­lin­spiel zu hö­ren, ent­täuscht,
hät­ten die gan­ze Vor­füh­rung satt und lie­ßen sich nur aus Höf­lich­keit noch in ih­rer Ruhe stö­ren.
Be­son­ders die Art, wie sie alle aus Nase und Mund den Rauch ih­rer Zi­gar­ren in die Höhe blie­sen, ließ auf große Ner­vo­si­tät schlie­ßen.
Und doch spiel­te die Schwes­ter so schön. Ihr Ge­sicht war zur Sei­te ge­neigt, prü­fend und trau­rig folg­ten ihre Bli­cke den No­ten­zei­len.
Gre­gor kroch noch ein Stück vor­wärts und hielt den Kopf eng an den Bo­den, um mög­li­cher­wei­se ih­ren Bli­cken be­geg­nen zu kön­nen.
War er ein Tier, da ihn Mu­sik so er­griff? Ihm war, als zei­ge sich ihm der Weg zu der er­sehn­ten un­be­kann­ten Nah­rung.
Er war ent­schlos­sen, bis zur Schwes­ter vor­zu­drin­gen, sie am Rock zu zup­fen und ihr da­durch an­zu­deu­ten,
sie möge doch mit ih­rer Vio­li­ne in sein Zim­mer kom­men, denn nie­mand lohn­te hier das Spiel so, wie er es loh­nen woll­te.
Er woll­te sie nicht mehr aus sei­nem Zim­mer las­sen, we­nigs­tens nicht, so­lan­ge er leb­te;
sei­ne Schreck­ge­stalt soll­te ihm zum ers­ten­mal nütz­lich wer­den;
an al­len Tü­ren sei­nes Zim­mers woll­te er gleich­zei­tig sein und den An­grei­fern ent­ge­gen­fau­chen;
die Schwes­ter aber soll­te nicht ge­zwun­gen, son­dern frei­wil­lig bei ihm blei­ben;
sie soll­te ne­ben ihm auf dem Ka­na­pee sit­zen, das Ohr zu ihm her­un­ter­nei­gen,
und er woll­te ihr dann an­ver­trau­en, daß er die fes­te Ab­sicht ge­habt habe, sie auf das Kon­ser­va­to­ri­um zu schi­cken,
und daß er dies, wenn nicht das Un­glück da­zwi­schen ge­kom­men wäre, ver­gan­ge­ne Weih­nach­ten – Weih­nach­ten war doch wohl schon vor­über? – al­len ge­sagt hät­te,
ohne sich um ir­gend­wel­che Wi­der­re­den zu küm­mern.
Nach die­ser Er­klä­rung wür­de die Schwes­ter in Trä­nen der Rüh­rung aus­bre­chen,
und Gre­gor wür­de sich bis zu ih­rer Ach­sel er­he­ben und ih­ren Hals küs­sen, den sie,
seit­dem sie ins Ge­schäft ging, frei ohne Band oder Kra­gen trug.
»Herr Sam­sa!« rief der mitt­le­re Herr dem Va­ter zu
und zeig­te, ohne ein wei­te­res Wort zu ver­lie­ren, mit dem Zei­ge­fin­ger auf den lang­sam sich vor­wärts­be­we­gen­den Gre­gor.
Die Vio­li­ne ver­stumm­te, der mitt­le­re Zim­mer­herr lä­chel­te erst ein­mal kopf­schüt­telnd sei­nen Freun­den zu und sah dann wie­der auf Gre­gor hin.
Der Va­ter schi­en es für nö­ti­ger zu hal­ten, statt Gre­gor zu ver­trei­ben, vor­erst die Zim­mer­her­ren zu be­ru­hi­gen,
trotz­dem die­se gar nicht auf­ge­regt wa­ren und Gre­gor sie mehr als das Vio­lin­spiel zu un­ter­hal­ten schi­en.
Er eil­te zu ih­nen und such­te sie mit aus­ge­brei­te­ten Ar­men in ihr Zim­mer zu drän­gen
und gleich­zei­tig mit sei­nem Kör­per ih­nen den Aus­blick auf Gre­gor zu neh­men.
Sie wur­den nun tat­säch­lich ein we­nig böse, man wuß­te nicht mehr, ob über das Be­neh­men des Va­ters
oder über die ih­nen jetzt auf­ge­hen­de Er­kennt­nis, ohne es zu wis­sen, einen sol­chen Zim­mer­nach­bar wie Gre­gor be­ses­sen zu ha­ben.
Sie ver­lang­ten vom Va­ter Er­klä­run­gen, ho­ben ih­rer­seits die Arme,
zupf­ten un­ru­hig an ih­ren Bär­ten und wi­chen nur lang­sam ge­gen ihr Zim­mer zu­rück.
In­zwi­schen hat­te die Schwes­ter die Ver­lo­ren­heit, in die sie nach dem plötz­lich ab­ge­bro­che­nen Spiel ver­fal­len war, über­wun­den,
hat­te sich, nach­dem sie eine Zeit­lang in den läs­sig hän­gen­den Hän­den Vio­li­ne und Bo­gen ge­hal­ten
und wei­ter, als spie­le sie noch, in die No­ten ge­se­hen hat­te,
mit ei­nem Male auf­ge­rafft, hat­te das In­stru­ment auf den Schoß der Mut­ter ge­legt,
die in Atem­be­schwer­den mit hef­tig ar­bei­ten­den Lun­gen noch auf ih­rem Ses­sel saß,
und war in das Ne­ben­zim­mer ge­lau­fen, dem sich die Zim­mer­her­ren un­ter dem Drän­gen des Va­ters schon schnel­ler nä­her­ten.
Man sah, wie un­ter den ge­üb­ten Hän­den der Schwes­ter die De­cken und Pols­ter in den Bet­ten in die Höhe flo­gen und sich ord­ne­ten.
Noch ehe die Her­ren das Zim­mer er­reicht hat­ten, war sie mit dem Auf­bet­ten fer­tig und schlüpf­te her­aus.
Der Va­ter schi­en wie­der von sei­nem Ei­gen­sinn der­ar­tig er­grif­fen, daß er je­den Re­spekt ver­gaß, den er sei­nen Mie­tern im­mer­hin schul­de­te.
Er dräng­te nur und dräng­te, bis schon in der Tür des Zim­mers der mitt­le­re der Her­ren don­nernd mit dem Fuß auf­stampf­te und da­durch den Va­ter zum Ste­hen brach­te.
»Ich er­klä­re hier­mit,« sag­te er, hob die Hand und such­te mit den Bli­cken auch die Mut­ter und die Schwes­ter,
»daß ich mit Rück­sicht auf die in die­ser Woh­nung und Fa­mi­lie herr­schen­den wi­der­li­chen Ver­hält­nis­se«
– hier­bei spie er kurz ent­schlos­sen auf den Bo­den – »mein Zim­mer au­gen­blick­lich kün­di­ge.
Ich wer­de na­tür­lich auch für die Tage, die ich hier ge­wohnt habe, nicht das Ge­rings­te be­zah­len,
da­ge­gen wer­de ich es mir noch über­le­gen, ob ich nicht mit ir­gend­wel­chen – glau­ben Sie mir – sehr leicht zu be­grün­den­den For­de­run­gen ge­gen Sie auf­tre­ten wer­de.«
Er schwieg und sah ge­ra­de vor sich hin, als er­war­te er et­was.
Tat­säch­lich fie­len so­fort sei­ne zwei Freun­de mit den Wor­ten ein: »Auch wir kün­di­gen au­gen­blick­lich.«
Dar­auf faß­te er die Tür­klin­ke und schloß mit ei­nem Krach die Tür.
Der Va­ter wank­te mit tas­ten­den Hän­den zu sei­nem Ses­sel und ließ sich hin­ein­fal­len;
es sah aus, als stre­cke er sich zu sei­nem ge­wöhn­li­chen Abend­schläf­chen,
aber das star­ke Ni­cken sei­nes wie halt­lo­sen Kopf­es zeig­te, daß er ganz und gar nicht schlief.
Gre­gor war die gan­ze Zeit still auf dem Platz ge­le­gen, auf dem ihn die Zim­mer­her­ren er­tappt hat­ten.
Die Ent­täu­schung über das Miß­lin­gen sei­nes Pla­nes, viel­leicht aber auch die durch das vie­le Hun­gern ver­ur­sach­te Schwä­che mach­ten es ihm un­mög­lich, sich zu be­we­gen.
Er fürch­te­te mit ei­ner ge­wis­sen Be­stimmt­heit schon für den nächs­ten Au­gen­blick einen all­ge­mei­nen über ihn sich ent­la­den­den Zu­sam­men­sturz und war­te­te.
Nicht ein­mal die Vio­li­ne schreck­te ihn auf, die, un­ter den zit­tern­den Fin­gern der Mut­ter her­vor, ihr vom Scho­ße fiel und einen hal­len­den Ton von sich gab.
»Lie­be El­tern,« sag­te die Schwes­ter und schlug zur Ein­lei­tung mit der Hand auf den Tisch, »so geht es nicht wei­ter.
Wenn ihr das viel­leicht nicht ein­se­het, ich sehe es ein.
Ich will vor die­sem Un­tier nicht den Na­men mei­nes Bru­ders aus­spre­chen und sage da­her bloß: wir müs­sen ver­su­chen es los­zu­wer­den.
Wir ha­ben das Men­schen­mög­li­che ver­sucht, es zu pfle­gen und zu dul­den, ich glau­be, es kann uns nie­mand den ge­rings­ten Vor­wurf ma­chen.«
»Sie hat tau­send­mal recht,« sag­te der Va­ter für sich. Die Mut­ter, die noch im­mer nicht ge­nug Atem fin­den konn­te,
fing mit ei­nem irr­sin­ni­gen Aus­druck der Au­gen dumpf in die vor­ge­hal­te­ne Hand zu hus­ten an.
Die Schwes­ter eil­te zur Mut­ter und hielt ihr die Stirn. Der Va­ter schi­en durch die Wor­te der Schwes­ter auf be­stimm­te­re Ge­dan­ken ge­bracht zu sein,
hat­te sich auf­recht ge­setzt, spiel­te mit sei­ner Die­ner­müt­ze zwi­schen den Tel­lern,
die noch vom Nacht­mahl der Zim­mer­her­ren her auf dem Ti­sche stan­den, und sah bis­wei­len auf den stil­len Gre­gor hin.
»Wir müs­sen es los­zu­wer­den su­chen,« sag­te die Schwes­ter nun aus­schließ­lich zum Va­ter,
denn die Mut­ter hör­te in ih­rem Hus­ten nichts, »es bringt euch noch bei­de um, ich sehe es kom­men.
Wenn man schon so schwer ar­bei­ten muß, wie wir alle, kann man nicht noch zu Hau­se die­se ewi­ge Quä­le­rei er­tra­gen. Ich kann es auch nicht mehr.«
Und sie brach so hef­tig in Wei­nen aus, daß ihre Trä­nen auf das Ge­sicht der Mut­ter nie­der­flos­sen,
von dem sie sie mit me­cha­ni­schen Hand­be­we­gun­gen wisch­te.
»Kind,« sag­te der Va­ter mit­lei­dig und mit auf­fal­len­dem Ver­ständ­nis, »was sol­len wir aber tun?«
Die Schwes­ter zuck­te nur die Ach­seln zum Zei­chen der Rat­lo­sig­keit,
die sie nun wäh­rend des Wei­nens im Ge­gen­satz zu ih­rer frü­he­ren Si­cher­heit er­grif­fen hat­te.
»Wenn er uns ver­stün­de,« sag­te der Va­ter halb fra­gend;
die Schwes­ter schüt­tel­te aus dem Wei­nen her­aus hef­tig die Hand zum Zei­chen, daß dar­an nicht zu den­ken sei.
»Wenn er uns ver­stün­de,« wie­der­hol­te der Va­ter und nahm durch Schlie­ßen der Au­gen die Über­zeu­gung der Schwes­ter von der Un­mög­lich­keit des­sen in sich auf,
»dann wäre viel­leicht ein Über­ein­kom­men mit ihm mög­lich. Aber so –«
»Weg muß es,« rief die Schwes­ter, »das ist das ein­zi­ge Mit­tel, Va­ter. Du mußt bloß den Ge­dan­ken los­zu­wer­den su­chen, daß es Gre­gor ist.
Daß wir es so lan­ge ge­glaubt ha­ben, das ist ja un­ser ei­gent­li­ches Un­glück.
Aber wie kann es denn Gre­gor sein? Wenn es Gre­gor wäre, er hät­te längst ein­ge­se­hen,
daß ein Zu­sam­men­le­ben von Men­schen mit ei­nem sol­chen Tier nicht mög­lich ist, und wäre frei­wil­lig fort­ge­gan­gen.
Wir hät­ten dann kei­nen Bru­der, aber könn­ten wei­ter le­ben und sein An­den­ken in Eh­ren hal­ten.
So aber ver­folgt uns die­ses Tier, ver­treibt die Zim­mer­her­ren, will of­fen­bar die gan­ze Woh­nung ein­neh­men und uns auf der Gas­se über­nach­ten las­sen.
Sieh nur, Va­ter,« schrie sie plötz­lich auf, »er fängt schon wie­der an!«
Und in ei­nem für Gre­gor gänz­lich un­ver­ständ­li­chen Schre­cken ver­ließ die Schwes­ter so­gar die Mut­ter,
stieß sich förm­lich von ih­rem Ses­sel ab, als woll­te sie lie­ber die Mut­ter op­fern,
als in Gre­gors Nähe blei­ben, und eil­te hin­ter den Va­ter, der, le­dig­lich durch ihr Be­neh­men er­regt,
auch auf­stand und die Arme wie zum Schut­ze der Schwes­ter vor ihr halb er­hob.
Aber Gre­gor fiel es doch gar nicht ein, ir­gend je­man­dem und gar sei­ner Schwes­ter Angst ma­chen zu wol­len.
Er hat­te bloß an­ge­fan­gen sich um­zu­dre­hen, um in sein Zim­mer zu­rück­zu­wan­dern, und das nahm sich al­ler­dings auf­fal­lend aus,
da er in­fol­ge sei­nes lei­den­den Zu­stan­des bei den schwie­ri­gen Um­dre­hun­gen mit sei­nem Kopfe nach­hel­fen muß­te,
den er hier­bei vie­le Male hob und ge­gen den Bo­den schlug.
Er hielt inne und sah sich um. Sei­ne gute Ab­sicht schi­en er­kannt wor­den zu sein; es war nur ein au­gen­blick­li­cher Schre­cken ge­we­sen.
Nun sa­hen ihn alle schwei­gend und trau­rig an.
Die Mut­ter lag, die Bei­ne aus­ge­streckt und an­ein­an­der­ge­drückt, in ih­rem Ses­sel, die Au­gen fie­len ihr vor Er­mat­tung fast zu;
der Va­ter und die Schwes­ter sa­ßen ne­ben­ein­an­der, die Schwes­ter hat­te ihre Hand um des Va­ters Hals ge­legt.
»Nun darf ich mich schon viel­leicht um­dre­hen,« dach­te Gre­gor und be­gann sei­ne Ar­beit wie­der.
Er konn­te das Schnau­fen der An­stren­gung nicht un­ter­drücken und muß­te auch hie und da aus­ru­hen.
Im üb­ri­gen dräng­te ihn auch nie­mand, es war al­les ihm selbst über­las­sen.
Als er die Um­dre­hung vollen­det hat­te, fing er so­fort an, ge­ra­de­aus zu­rück­zu­wan­dern.
Er staun­te über die große Ent­fer­nung, die ihn von sei­nem Zim­mer trenn­te, und be­griff gar nicht,
wie er bei sei­ner Schwä­che vor kur­z­er Zeit den glei­chen Weg, fast ohne es zu mer­ken, zu­rück­ge­legt hat­te.
Im­mer­fort nur auf ra­sches Krie­chen be­dacht, ach­te­te er kaum dar­auf, daß kein Wort, kein Aus­ruf sei­ner Fa­mi­lie ihn stör­te.
Erst als er schon in der Tür war, wen­de­te er den Kopf, nicht, voll­stän­dig, denn er fühl­te den Hals steif wer­den,
im­mer­hin sah er noch, daß sich hin­ter ihm nichts ver­än­dert hat­te, nur die Schwes­ter war auf­ge­stan­den.
Sein letz­ter Blick streif­te die Mut­ter, die nun völ­lig ein­ge­schla­fen war.
Kaum war er in­ner­halb sei­nes Zim­mers, wur­de die Tür ei­ligst zu­ge­drückt, fest­ge­rie­gelt und ver­sperrt.
Über den plötz­li­chen Lärm hin­ter sich er­schrak Gre­gor so, daß ihm die Bein­chen ein­knick­ten.
Es war die Schwes­ter, die sich so be­eilt hat­te.
Auf­recht war sie schon da ge­stan­den und hat­te ge­war­tet, leicht­fü­ßig war sie dann vor­wärts­ge­sprun­gen,
Gre­gor hat­te sie gar nicht kom­men hö­ren, und ein »End­lich!« rief sie den El­tern zu, wäh­rend sie den Schlüs­sel im Schloß um­dreh­te.
»Und jetzt?« frag­te sich Gre­gor und sah sich im Dun­keln um.
Er mach­te bald die Ent­de­ckung, daß er sich nun über­haupt nicht mehr rüh­ren konn­te.
Er wun­der­te sich dar­über nicht, eher kam es ihm un­na­tür­lich vor,
daß er sich bis jetzt tat­säch­lich mit die­sen dün­nen Bein­chen hat­te fort­be­we­gen kön­nen.
Im üb­ri­gen fühl­te er sich ver­hält­nis­mä­ßig be­hag­lich. Er hat­te zwar Schmer­zen im gan­zen Leib,
aber ihm war, als wür­den sie all­mäh­lich schwä­cher und schwä­cher und wür­den schließ­lich ganz ver­ge­hen.
Den ver­faul­ten Ap­fel in sei­nem Rücken und die ent­zün­de­te Um­ge­bung, die ganz von wei­chem Staub be­deckt war, spür­te er schon kaum.
An sei­ne Fa­mi­lie dach­te er mit Rüh­rung und Lie­be zu­rück.
Sei­ne Mei­nung dar­über, daß er ver­schwin­den müs­se, war wo­mög­lich noch ent­schie­de­ner, als die sei­ner Schwes­ter.
In die­sem Zu­stand lee­ren und fried­li­chen Nach­den­kens blieb er, bis die Turm­uhr die drit­te Mor­gen­stun­de schlug.
Den An­fang des all­ge­mei­nen Hel­ler­wer­dens drau­ßen vor dem Fens­ter er­leb­te er noch.
Dann sank sein Kopf ohne sei­nen Wil­len gänz­lich nie­der, und aus sei­nen Nüs­tern ström­te sein letz­ter Atem schwach her­vor.
Als am frü­hen Mor­gen die Be­die­ne­rin kam –
vor lau­ter Kraft und Eile schlug sie, wie oft man sie auch schon ge­be­ten hat­te, das zu ver­mei­den, alle Tü­ren der­ar­tig zu,
daß in der gan­zen Woh­nung von ih­rem Kom­men an kein ru­hi­ger Schlaf mehr mög­lich war –,
fand sie bei ih­rem ge­wöhn­li­chen kur­z­en Be­such bei Gre­gor zu­erst nichts Be­son­de­res.
Sie dach­te, er lie­ge ab­sicht­lich so un­be­weg­lich da und spie­le den Be­lei­dig­ten; sie trau­te ihm al­len mög­li­chen Ver­stand zu.
Weil sie zu­fäl­lig den lan­gen Be­sen in der Hand hielt, such­te sie mit ihm Gre­gor von der Tür aus zu kit­zeln.
Als sich auch da kein Er­folg zeig­te, wur­de sie är­ger­lich und stieß ein we­nig in Gre­gor hin­ein,
und erst als sie ihn ohne je­den Wi­der­stand von sei­nem Plat­ze ge­scho­ben hat­te, wur­de sie auf­merk­sam.
Als sie bald den wah­ren Sach­ver­halt er­kann­te, mach­te sie große Au­gen, pfiff vor sich hin,
hielt sich aber nicht lan­ge auf, son­dern riß die Tür des Schlaf­zim­mers auf und rief mit lau­ter Stim­me in das Dun­kel hin­ein:
»Se­hen Sie nur mal an, es ist kre­piert; da liegt es, ganz und gar kre­piert!«
Das Ehe­paar Sam­sa saß im Ehe­bett auf­recht da und hat­te zu tun, den Schre­cken über die Be­die­ne­rin zu ver­win­den, ehe es dazu kam, ihre Mel­dung auf­zu­fas­sen.
Dann aber stie­gen Herr und Frau Sam­sa, je­der auf sei­ner Sei­te, ei­ligst aus dem Bett,
Herr Sam­sa warf die De­cke über sei­ne Schul­tern, Frau Sam­sa kam nur im Nacht­hemd her­vor; so tra­ten sie in Gre­gors Zim­mer.
In­zwi­schen hat­te sich auch die Tür des Wohn­zim­mers ge­öff­net, in dem Gre­te seit dem Ein­zug der Zim­mer­her­ren schlief;
sie war völ­lig an­ge­zo­gen, als hät­te sie gar nicht ge­schla­fen, auch ihr blei­ches Ge­sicht schi­en das zu be­wei­sen.
»Tot?« sag­te Frau Sam­sa und sah fra­gend zur Be­die­ne­rin auf,
trotz­dem sie doch al­les selbst prü­fen und so­gar ohne Prü­fung er­ken­nen konn­te.
»Das will ich mei­nen,« sag­te die Be­die­ne­rin und stieß zum Be­weis Gre­gors Lei­che mit dem Be­sen noch ein großes Stück seit­wärts.
Frau Sam­sa mach­te eine Be­we­gung, als wol­le sie den Be­sen zu­rück­hal­ten, tat es aber nicht.
»Nun,« sag­te Herr Sam­sa, »jetzt kön­nen wir Gott dan­ken.« Er be­kreuz­te sich, und die drei Frau­en folg­ten sei­nem Bei­spiel.
Gre­te, die kein Auge von der Lei­che wen­de­te, sag­te: »Seht nur, wie ma­ger er war.
Er hat ja auch schon so lan­ge Zeit nichts ge­ges­sen. So wie die Spei­sen her­ein­ka­men, sind sie wie­der hin­aus­ge­kom­men.«
Tat­säch­lich war Gre­gors Kör­per voll­stän­dig flach und tro­cken, man er­kann­te das ei­gent­lich erst jetzt,
da er nicht mehr von den Bein­chen ge­ho­ben war und auch sonst nichts den Blick ab­lenk­te.
»Komm, Gre­te, auf ein Weil­chen zu uns her­ein,« sag­te Frau Sam­sa mit ei­nem weh­mü­ti­gen Lä­cheln,
und Gre­te ging, nicht ohne nach der Lei­che zu­rück­zu­se­hen, hin­ter den El­tern in das Schlaf­zim­mer.
Die Be­die­ne­rin schloß die Tür und öff­ne­te gänz­lich das Fens­ter.
Trotz des frü­hen Mor­gens war der fri­schen Luft schon et­was Lau­ig­keit bei­ge­mischt. Es war eben schon Ende März.
Aus ih­rem Zim­mer tra­ten die drei Zim­mer­her­ren und sa­hen sich er­staunt nach ih­rem Früh­stück um; man hat­te sie ver­ges­sen.
»Wo ist das Früh­stück?« frag­te der mitt­le­re der Her­ren mür­risch die Be­die­ne­rin. Die­se aber leg­te den Fin­ger an den Mund und wink­te dann has­tig
und schwei­gend den Her­ren zu, sie möch­ten in Gre­gors Zim­mer kom­men.
Sie ka­men auch und stan­den dann, die Hän­de in den Ta­schen ih­rer et­was ab­ge­nütz­ten Röck­chen, in dem nun schon ganz hel­len Zim­mer um Gre­gors Lei­che her­um.
Da öff­ne­te sich die Tür des Schlaf­zim­mers, und Herr Sam­sa er­schi­en in sei­ner Li­vree, an ei­nem Arm sei­ne Frau, am an­de­ren sei­ne Toch­ter.
Alle wa­ren ein we­nig ver­weint; Gre­te drück­te bis­wei­len ihr Ge­sicht an den Arm des Va­ters.
»Ver­las­sen Sie so­fort mei­ne Woh­nung!« sag­te Herr Sam­sa und zeig­te auf die Tür, ohne die Frau­en von sich zu las­sen.
»Wie mei­nen Sie das?« sag­te der mitt­le­re der Her­ren et­was be­stürzt und lä­chel­te süß­lich.
Die zwei an­de­ren hiel­ten die Hän­de auf dem Rücken und rie­ben sie un­un­ter­bro­chen an­ein­an­der,
wie in freu­di­ger Er­war­tung ei­nes großen Strei­tes, der aber für sie güns­tig aus­fal­len muß­te.
»Ich mei­ne es ge­nau so, wie ich es sage,« ant­wor­te­te Herr Sam­sa und ging in ei­ner Li­nie mit sei­nen zwei Be­glei­te­rin­nen auf den Zim­mer­herrn zu.
Die­ser stand zu­erst still da und sah zu Bo­den, als ob sich die Din­ge in sei­nem Kopf zu ei­ner neu­en Ord­nung zu­sam­men­stell­ten.
»Dann ge­hen wir also,« sag­te er dann und sah zu Herrn Sam­sa auf,
als ver­lan­ge er in ei­ner plötz­lich ihn über­kom­men­den De­mut so­gar für die­sen Ent­schluß eine neue Ge­neh­mi­gung.
Herr Sam­sa nick­te ihm bloß mehr­mals kurz mit großen Au­gen zu.
Dar­auf­hin ging der Herr tat­säch­lich so­fort mit lan­gen Schrit­ten ins Vor­zim­mer;
sei­ne bei­den Freun­de hat­ten schon ein Weil­chen lang mit ganz ru­hi­gen Hän­den auf­ge­horcht und hüpf­ten ihm jetzt ge­ra­de­zu nach,
wie in Angst, Herr Sam­sa könn­te vor ih­nen ins Vor­zim­mer ein­tre­ten und die Ver­bin­dung mit ih­rem Füh­rer stö­ren.
Im Vor­zim­mer nah­men alle drei die Hüte vom Klei­der­re­chen, zo­gen ihre Stö­cke aus dem Stock­be­häl­ter, ver­beug­ten sich stumm und ver­lie­ßen die Woh­nung.
In ei­nem, wie sich zeig­te, gänz­lich un­be­grün­de­ten Miß­trau­en trat Herr Sam­sa mit den zwei Frau­en auf den Vor­platz hin­aus;
an das Ge­län­der ge­lehnt, sa­hen sie zu, wie die drei Her­ren zwar lang­sam, aber stän­dig die lan­ge Trep­pe hin­un­ter­stie­gen,
in je­dem Stock­werk in ei­ner be­stimm­ten Bie­gung des Trep­pen­hau­ses ver­schwan­den und nach ein paar Au­gen­bli­cken wie­der her­vor­ka­men;
je tiefer sie ge­lang­ten, de­sto mehr ver­lor sich das In­ter­es­se der Fa­mi­lie Sam­sa für sie,
und als ih­nen ent­ge­gen und dann hoch über sie hin­weg ein Flei­scher­ge­sel­le mit der Tra­ge auf dem Kopf in stol­zer Hal­tung her­auf­stieg,
ver­ließ bald Herr Sam­sa mit den Frau­en das Ge­län­der, und alle kehr­ten, wie er­leich­tert, in ihre Woh­nung zu­rück.
Sie be­schlos­sen, den heu­ti­gen Tag zum Aus­ru­hen und Spa­zie­ren­ge­hen zu ver­wen­den;
sie hat­ten die­se Ar­beits­un­ter­bre­chung nicht nur ver­dient, sie brauch­ten sie so­gar un­be­dingt.
Und so setz­ten sie sich zum Tisch und schrie­ben drei Ent­schul­di­gungs­brie­fe,
Herr Sam­sa an sei­ne Di­rek­ti­on, Frau Sam­sa an ih­ren Auf­trag­ge­ber, und Gre­te an ih­ren Prin­zi­pal.
Wäh­rend des Schrei­bens kam die Be­die­ne­rin her­ein, um zu sa­gen, daß sie fort­ge­he, denn ihre Mor­ge­n­ar­beit war be­en­det.
Die drei Schrei­ben­den nick­ten zu­erst bloß, ohne auf­zu­schau­en, erst als die Be­die­ne­rin sich im­mer noch nicht ent­fer­nen woll­te, sah man är­ger­lich auf.
»Nun?« frag­te Herr Sam­sa. Die Be­die­ne­rin stand lä­chelnd in der Tür, als habe sie der Fa­mi­lie ein großes Glück zu mel­den,
wer­de es aber nur dann tun, wenn sie gründ­lich aus­ge­fragt wer­de.
Die fast auf­rech­te klei­ne Strauß­fe­der auf ih­rem Hut,
über die sich Herr Sam­sa schon wäh­rend ih­rer gan­zen Dienst­zeit är­ger­te, schwank­te leicht nach al­len Rich­tun­gen.
»Also was wol­len Sie ei­gent­lich?« frag­te Frau Sam­sa, vor wel­cher die Be­die­ne­rin noch am meis­ten Re­spekt hat­te.
»Ja,« ant­wor­te­te die Be­die­ne­rin und konn­te vor freund­li­chem La­chen nicht gleich wei­ter re­den,
»also dar­über, wie das Zeug von ne­ben­an weg­ge­schafft wer­den soll, müs­sen Sie sich kei­ne Sor­ge ma­chen.
Es ist schon in Ord­nung.« Frau Sam­sa und Gre­te beug­ten sich zu ih­ren Brie­fen nie­der, als woll­ten sie weiter­schrei­ben;
Herr Sam­sa, wel­cher merk­te, daß die Be­die­ne­rin nun al­les aus­führ­lich zu be­schrei­ben an­fan­gen woll­te,
wehr­te dies mit aus­ge­streck­ter Hand ent­schie­den ab.
Da sie aber nicht er­zäh­len durf­te, er­in­ner­te sie sich an die große Eile, die sie hat­te, rief of­fen­bar be­lei­digt:
»Ad­jes all­seits,« dreh­te sich wild um und ver­ließ un­ter fürch­ter­li­chem Tü­re­zu­schla­gen die Woh­nung.
»Abends wird sie ent­las­sen,« sag­te Herr Sam­sa, be­kam aber we­der von sei­ner Frau noch von sei­ner Toch­ter eine Ant­wort,
denn die Be­die­ne­rin schi­en ihre kaum ge­won­ne­ne Ruhe wie­der ge­stört zu ha­ben.
Sie er­ho­ben sich, gin­gen zum Fens­ter und blie­ben dort, sich um­schlun­gen hal­tend.
Herr Sam­sa dreh­te sich in sei­nem Ses­sel nach ih­nen um und be­ob­ach­te­te sie still ein Weil­chen.
Dann rief er: »Also kommt doch her. Laßt schon end­lich die al­ten Sa­chen. Und nehmt auch ein we­nig Rück­sicht auf mich.«
Gleich folg­ten ihm die Frau­en, eil­ten zu ihm, lieb­kos­ten ihn und be­en­de­ten rasch ihre Brie­fe.
Dann ver­lie­ßen alle drei ge­mein­schaft­lich die Woh­nung, was sie schon seit Mo­na­ten nicht ge­tan hat­ten,
und fuh­ren mit der Elek­tri­schen ins Freie vor die Stadt.
Der Wa­gen, in dem sie al­lein sa­ßen, war ganz von war­mer Son­ne durch­schie­nen.
Sie be­spra­chen, be­quem auf ih­ren Sit­zen zu­rück­ge­lehnt, die Aus­sich­ten für die Zu­kunft,
und es fand sich, daß die­se bei nä­he­rer Be­trach­tung durch­aus nicht schlecht wa­ren,
denn al­ler drei An­stel­lun­gen wa­ren, wor­über sie ein­an­der ei­gent­lich noch gar nicht aus­ge­fragt hat­ten, über­aus güns­tig und be­son­ders für spä­ter viel­ver­spre­chend.
Die größ­te au­gen­blick­li­che Bes­se­rung der Lage muß­te sich na­tür­lich leicht durch einen Woh­nungs­wech­sel er­ge­ben;
sie woll­ten nun eine klei­ne­re und bil­li­ge­re, aber bes­ser ge­le­ge­ne und über­haupt prak­ti­sche­re Woh­nung neh­men,
als es die jet­zi­ge, noch von Gre­gor aus­ge­such­te war.
Wäh­rend sie sich so un­ter­hiel­ten, fiel es Herrn und Frau Sam­sa
im An­blick ih­rer im­mer leb­haf­ter wer­den­den Toch­ter fast gleich­zei­tig ein,
wie sie in der letz­ten Zeit trotz al­ler Pfle­ge, die ihre Wan­gen bleich ge­macht hat­te, zu ei­nem schö­nen und üp­pi­gen Mäd­chen auf­ge­blüht war.
Stil­ler wer­dend und fast un­be­wußt durch Bli­cke sich ver­stän­di­gend,
dach­ten sie dar­an, daß es nun Zeit sein wer­de, auch einen bra­ven Mann für sie zu su­chen.
Und es war ih­nen wie eine Be­stä­ti­gung ih­rer neu­en Träu­me und gu­ten Ab­sich­ten,
als am Zie­le ih­rer Fahrt die Toch­ter als ers­te sich er­hob und ih­ren jun­gen Kör­per dehn­te.

Franz Kafka
Die Verwandlung / The Metamorphosis
Bilingual Edition
Translated by Ian Johnston

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